Fußball-Stars bei russischer PR-Show: Weltmeisterliche Propagandisten
Die italienischen Fußballweltmeister Pirlo und Materazzi haben sich in Moskau beim „Tag des Fußballs“ feiern lassen. Russlands Krieg gegen die Ukraine lächelten sie weg.
R ussland soll wieder in die internationale Fußballfamilie aufgenommen werden. So will es Gianni Infantino. „Der Sport muss immer vereinend sein“, sagte der Präsident des Internationalen Fußballverbandes zu Jahresbeginn der Schweizer Extremwochenzeitung Weltwoche zum Thema Russland. Fußballteams aus dem Land des Aggressors dürfen seit Beginn der Vollinvasion der Ukraine nicht mehr an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Die Fifa will das ändern. Die Europäische Fußballunion Uefa dagegen will den Bann aufrechterhalten, auch weil Russland Teams aus den annektierten ukrainischen Regionen in den russischen Ligabetrieb integriert hat.
Mit solchen sportpolitischen Feinheiten haben sich Andrea Pirlo und Marco Materazzi in dieser Woche bei ihrem Besuch in Moskau nicht weiter befasst. Die zwei italienischen Weltmeister sind auf Einladung eines Wettanbieters in die russische Hauptstadt geflogen und haben zusammen mit russischen Fußballstars um die Wette gegrinst.
Vor allem Pirlo zeigte sich derart gut gelaunt, dass man getrost annehmen darf, dass er nicht mitbekommen hat, dass er dem russischen Fußball sein Lächeln am selben Tag geschenkt hat, als Russland die brutalsten Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt Kyjiw durchgeführt hatte.
Gemeinsam mit dem ehemaligen Kapitän der russischen Nationalmannschaft Artjom Dsjuba, einem bekennenden Anhänger der Politik seines Präsidenten Wladimir Putin, schrieb er Autogramme und schüttelte am Rande des „Tag des Fußballs“, zu dem der russische Fußballverband zusammen mit der Stadt Moskau anlässlich des russischen Pokalfinales eingeladen hat, auch der russischen Eishockeylegende Alexander Owetschkin die Hand. Er habe zwar keine Ahnung von Eishockey, aber dass Owetschkin ein herausragender Spieler sei, habe er schon gehört, sagte er, was die russischen Sportportale natürlich nicht unerwähnt lassen konnten.
Raus aus der Schmuddelecke!
Beinahe aus jeder Äußerung Pirlos machten die Agenturen eine eigene Meldung. Die zwei italienischen Weltmeister von 2006 hatten offensichtlich die Aufgabe, mit ihrer Anwesenheit dazu beizutragen, den russischen Fußball aus seiner Schmuddelecke herauszuholen.
Vor allem Pirlo erwies sich dabei als äußerst liebedienerisch. In Italien habe man eine sehr gute Meinung über Legionäre aus Russland, meinte er. Und Matwei Safonow, der am Samstag mit Paris Saint-Germain um den Titel in der Champions League spielt, habe es zu Recht in eine der besten Mannschaften der Welt geschafft.
Dann gab es vor den Toren des Luschniki-Stadions noch ein paar Trainingseinheiten für Moskauer Kinder und ein Promispiel gegen eine Kindermannschaft aus der Stadt. Währenddessen lief auf der großen Bühne ein Showprogramm mit den prominentesten Popkünstern Russlands. Dabei durfte auch Shaman, der finsterste Propagandist unter den russischen Musikern, nicht fehlen. Dessen Song „Ich bin Russe!“ ist zu so etwas wie der Hymne auf die sogenannte Spezialoperation Russlands in der Ukraine geworden.
Spätestens mit dem Auftritt des Z-Künstlers war klar, dass Pirlo und Materazzi zu Protagonisten eines Propagandaspektakels geworden waren. Allein die beiden Italiener wollten das nicht wahrhaben. Sie verteidigten sich gegen Kritik an ihrem Auftritt. Andrea Pirlo etwa meinte: „Wir sind nur wegen des Sports hergekommen. Fußball hat die einzigartige Kraft, Menschen zusammenzubringen, Grenzen zu überwinden und vor allem Kindern, die davon träumen Fußballer zu werden, Momente der Freude zu schenken.“
Gianni Infantino hätte es gewiss nicht besser ausdrücken können.
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