piwik no script img

Antifaschismus in Mecklenburg-VorpommernCool bleiben

Michael Steiger leitet den Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern. Der Greifswalder kämpft vor Ort seit drei Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus.

Natürlich blicke er mit Grauen auf die Umfrageergebnisse für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern, sagt Michael Steiger. Weniger als zwei Monate vor der Landtagswahl im Nordosten steht die extrem rechte Partei dort bei 36 Prozent. „Das ist keine Mehrheit, klar. Aber immer noch eine absolut gruselige Zahl“, sagt Steiger.

Der 60-Jährige, eigentlich Kachelofen- und Luftheizungsbauer und daneben passionierter Rugby-Spieler, arbeitet im Jugendbereich, wohnt in Greifswald – und gilt vor Ort als „Urgestein der Zivilgesellschaft“. Er hat den Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut, das alternative Jugendzentrum Demokratiebahnhof Anklam mitgegründet und Demos gegen Rechtsextremismus organisiert, immer und immer wieder.

Aktuell steckt er jeden Tag vier bis fünf Stunden allein in das Bündnis „Zusammen bewegen“, ein Ende 2025 gegründetes zivilgesellschaftliches Netzwerk, in dem sich über 1.000 Initiativen, Vereine, Gruppen und Einzelpersonen engagieren. Stadt und Land, Jung und Alt, aus unterschiedlichen demokratischen Ecken. „Das ist ja unsere Stärke. Wir müssen nicht in jeder Frage auf einen Nenner kommen. Wir sind demokratisch und halten die Menschenrechte hoch.“ Das sei das, was zähle. Jetzt und über den Wahltag hinaus.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Da gibt es etwa das Klönschnack-Format. „Das ist auch witzig“, sagt Steiger. „Man fährt raus, baut seinen Sonnenschirm auf dem Markt auf und dann kommen irgendwelche Leute und wollen mit einem quatschen.“ Überraschenderweise habe sich noch niemand über die Benzinpreise beschwert, auch nicht außerhalb der links-grünen Uni-Stadt Greifswald. Dafür gehe es immer wieder um Sorgen und Probleme in der Gesundheitsversorgung.

Zwölf bunte Portraits
richtig gute leute

Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte erstmals seit 1945 eine rechtsextreme Partei an die Regierung kommen. Es gibt vor Ort aber auch eine lebendige Zivilgesellschaft, die die Wahlen noch nicht verloren gibt. In der Serie „Richtig gute Leute“ stellen wir sie den Sommer über vor.

Das Vakuum nach der Wende

Der gebürtige Hamburger zog Anfang der 1990er-Jahre nach Mecklenburg-Vorpommern, um Pfadfindergruppen aufzubauen. Steiger, bis heute Vorsitzender des Pfadfinderbundes Mecklenburg-Vorpommern, erinnert sich noch gut an die Zeit. 1994 boten sie eine Norwegenfahrt für 450 Jugendliche an, beworben über Zeitungsannoncen. „Die haben uns die Hütte eingerannt.“ Die Tour war innerhalb von wenigen Tagen ausgebucht.

Kein Wunder, sagt Steiger. Es habe nach der Wende im ostdeutschen Jugendbereich ein „krasses Vakuum“ gegeben. Die alten DDR-Strukturen weggebrochen, dazu die allgegenwärtige rechte Jugendgewalt auf den Straßen: „Wir haben die Jugendlichen angesprochen, die den Rechten aus dem Weg gehen wollten.“ Zum Teil, so Steiger, mussten Pfadfinderlager wegen angekündigter Neonazi-Angriffe unter Polizeischutz stattfinden. Das habe geprägt.

Die Bedrohungslage war nie weg, schon gar nicht im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Ende der 2000er, Anfang der 2010er-Jahre eine Hochburg der NPD, stimmen hier in manchen Gemeinden heute über 70 Prozent für die AfD. Steiger hielt und hält dagegen. Bis 2019 auch im Kreistag und im Greifswalder Kommunalparlament, zunächst bei den Grünen, dann bei einer lokalen linken Abspaltung.

Er stand dann auch immer wieder im Visier der Rechten. Vor zehn Jahren verübten mutmaßlich Neonazis einen Brandanschlag auf seinen Bus. Es gab eine große Spendenkampagne. Das sei beeindruckend gewesen. „Am Ende hatte ich wieder ein Auto.“ Die Tä­te­r:in­nen wurden nie ermittelt. Er habe mit nichts anderem gerechnet, sagt Steiger.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Rennen längst noch nicht gelaufen

Aufgeben? Kam für ihn nie infrage. Auch mit Blick auf die Landtagswahl am 20. September sei das Rennen längst nicht gelaufen. Nach der letzten Umfrage würde es sogar für eine knappe rot-rot-grüne Mehrheit reichen. Steiger sagt: „Wenn das nach dem Rechtsruck gelänge, wird ganz Deutschland auf MV gucken. Dann haben wir eine kleine Überraschung geschafft.“

Umso wichtiger sei es jetzt, „dass wir alle konzentriert alles mobilisieren, was geht“. Bis zur Wahl will „Zusammen bewegen“ das Netzwerk weiter stärken, noch mehr Leute reinholen, auch auf andere Themen aufmerksam machen: bezahlbares Wohnen, Menschenrechte, Bildung, Überalterung, Gesundheitsversorgung.

Als Höhepunkt plant das Bündnis für den 12. September in Rostock ein großes Fest mit Konzerten und Aktionen. Es gebe noch viel zu tun, sagt Steiger. „Aber wir wollen einfach dafür sorgen, dass es weiterhin ein cooles Bundesland bleibt, wo coole Leute hinkommen.“

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

1 Kommentar

 / 
  • " ... steht die extrem rechte Partei dort bei 36 Prozent. „Das ist keine Mehrheit, klar. Aber immer noch eine absolut gruselige Zahl“, sagt Steiger."

    Äh - doch, das ist eine Mehrheit.

    Keine absolute, aber eine, die die AfD die Wahl gewinnen lassen würde.

    Dass sie keinen Koalitionspartner finden wird, um regieren zu können, dürfte auch richtig sein.

    Trotzdem sollte man der Wahrheit ins verhängnisvolle Antlitz blicken.