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„kohero Magazin“ aus HamburgGegen das Stereotyp

Geflüchtete schreiben in einem Hamburger Magazin über ihre Geschichten. Von einschlägigen Massenmedien fühlen sie sich nicht richtig dargestellt.

Kohero-Chefredakteur Hussam Al Zaher vor dem Hamburger Rathaus Foto: Miguel Ferraz

Bis wann bleibt man ein Flüchtling? Diese Frage stellt sich nicht nur Hussam Al Zaher, Chefredakteur des kohero Magazins. Vor fünf Jahren kam er aus Syrien nach Hamburg, wo er sich ein neues Leben aufgebaut hat.

Er erinnert sich, dass die Berichterstattung über Geflüchtete ihn am Anfang fast erschlagen habe: Kein anderes Thema dominierte die Nachrichten zu der Zeit so sehr. Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung zeigt allerdings, dass sich der mediale Diskurs vor allem an den politischen Akteuren orientierte und nur in wenigen Fällen Betroffene selbst zu Wort kamen.

„Wir wurden nicht als individuelle Menschen wahrgenommen“, meint Hussam Al Zaher. Der 31-Jährige war als Journalist in Damaskus tätig, in Deutschland schien eine Karriere in der Medienbranche aufgrund von Sprachbarrieren schwierig. Dies bestätigt auch Rebecca Roth, Leiterin des Mentoringprogramms für Journalist:innen mit Einwanderungsgeschichte der Neuen Deutschen Medien­macher*innen, eines Vereins, der sich für mehr Diversität im Journalismus einsetzt. Der Zugang zu deutschsprachigen Redaktionen sei vereinzelt durch öffentlich geförderte oder durch Stiftungen finanzierte Projekte gegeben. „Viele Möglichkeiten, sich beruflich zu reintegrieren, werden aber nicht über den Förderzeitraum hinaus weitergeführt“, sagt Roth.

Hussam Al Zaher hielt das nicht davon ab, mit der Unterstützung von Freiwilligen im Jahr 2017 sein eigenes Online-Magazin zu gründen – das Flüchtling-Magazin. Seine Idee war es, Menschen mit Fluchterfahrung eine Plattform zu geben, auf der sie sich selbst vorstellen können. Die Artikel werden auf Deutsch veröffentlicht, da sie sich an die deutsche Mehrheitsgesellschaft richten. Neben den persönlichen Porträts von Geflüchteten findet sich auf der Internetseite auch ein Kommentar zur europäischen Asylpolitik am Beispiel Morias, ein Beitrag über die Vor- und Nachteile von Mehrsprachigkeit und es gibt Informationen über die Aufenthaltserlaubnis.

Bereits vier Mal erschien das Magazin auch in Print, Leser:innen können es sich zweimal im Jahr bestellen. Rund 35 Ehrenamtliche arbeiten in der Redaktion, im Community Management oder im Schreibtandem, wo sie Geflüchteten beim Schreiben von Artikeln unterstützen. Über hundert Autor:innen haben in dem Magazin ihre Perspektiven, Erfahrungen und Lebensrealitäten bereits geteilt.

Ein neuer Name

Doch nach knapp fünf Jahren scheint der Name Flüchtling-Magazin heute nicht mehr passend. Hussam Al Zaher findet, dass der Begriff „Flüchtling“ negativ konnotiert sei. Außerdem hebe man sich eben nicht von der Mehrheitsgesellschaft ab. Viele Geflüchtete sind erwerbstätig, gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung. Ihre Identität geht über die eines Flüchtlings hinaus.

Aus diesem Gedanken heraus entstand der neue Name für das Magazin: kohero. Kohe­ro bedeutet Zusammenhalt in der Plansprache Esperanto, die entwickelt wurde, um eine internationale Verständigung zu fördern. Gerade deswegen findet Hussam Al Zaher den Namen so treffend: „Wir sprechen alle Menschen an, die für eine bessere demokratische Gesellschaft zusammenkommen wollen.“ Und dies unabhängig von Migrations- oder Fluchterfahrung.

Auch inhaltlich wolle sich das Team des kohero Magazins breiter öffnen, erklärt Online-Redakteurin Anna Heudorfer. Man wolle stärker auf Themen rund um Migration, Rassismus und das Zusammenleben von verschiedenen Kulturen eingehen. „Wir wollen die persönlichen Beiträge aus der Community durch Berichterstattung zu aktuellen Themen ergänzen“, sagt Heudorfer.

Projekt in Bochum

Das kohero Magazin ist nicht das einzige journalistische Projekt, in dem Geflüchtete ihre Perspektiven teilen. Ähnliche Arbeit leistet das Online-Magazin Neu in Deutschland aus Bochum. Die Redaktionen arbeiteten in der Vergangenheit zusammen, tauschten Artikel aus und vernetzten sich. Es gebe Ideen dazu, ein europäisches Netzwerk zu kreieren, um Erfahrungen von geflüchteten Menschen in Europa zu sammeln und Anregungen zu rassismuskritischer Sprache und das Framing von Debatten um Migration und Einwanderung an die etablierten Massenmedien weiterzugeben, sagt Heudorfer aus der kohero-Redaktion.

„Wir möchten, dass alle Menschen unserer Gesellschaft in den Medien repräsentiert werden“, betont Hussam Al Zaher. Und dazu würden eben auch solche mit Migrations- und Fluchthintergrund gehören.

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1 Kommentar

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  • Im ersten Moment hab ich gedacht: „Typisch! Alles muss man selber machen, selbst als Geflüchtete*r!“ Dann allerdings hab ich mir überlegt, dass auch in diesem Fall eine Chance steckt in der Zumutung.

    Ja, „die Medien“ haben ein verzerrtes Bild geliefert. Abseits eigener finanzieller Vorteile lassen sie Solidarität eher vermissen. (Die taz scheint eine Ausnahme zu sein, deren Engagement aber eher einem Tropfen auf dem heißen Stein gleicht). Aber genau diese (System-)Fehler sind für Leute wie Hussam Al Zaher Antrieb und Gelegenheit, selber aktiv zu werden. In einer Art und Weise, die weit über die Sicherung eigener finanzieller Grundbedürfnisse hinaus geht.

    Mit etwas Glück können Hussam Al Zaher und seine Mitstreiter beim Schreiben ihre negativen Erfahrungen und Traumata kreativ verarbeiten, sodass sie nicht zur Gefahr werden für sie selber oder andere. Und denen, die noch nicht so weit sind, können ihre Artikel Mut machen und Hoffnung geben, irgendwann auch einmal mehr zu sein als lediglich Geflüchtete. Angekommene nämlich mit ganz eigenen Stärken und einer sehr persönlichen Würde.

    Merke: Es ist nicht alles schlecht. Auch nicht im wiedervereinten Deutschland. Ich wünsche Hussam Al Zaher, seiner Redaktion und allen, die sonst noch für die Zeitung mit dem tollen Namen schreiben, ganz viel Erfolg und Glück mit ihrem „Blatt“. Leicht wird es sicher nicht, wenn ich so die Erfahrungen ostdeutscher Presseleute in der Nachwendezeit bedenke. Das Klima ist rau hierzulande, allen Schönwetterreden zum Trotz. Alles, alles Gute also. Und: Kore Bonvenon - Herzlich Willkommen.