Preisträgerin über Stereotype: „Ich wurde frei erzogen“

Bjeen Alhassan hilft Frauen mit Flucht­geschichte, sich in Deutschland zurechtzufinden. Ein Gespräch über Bildung, Diskriminierung und Angela Merkel.

Bjeen Alhassan im Gespräch

Hat sich auch von einem AfD-Professor nicht unter kriegen lassen: Bjeen Alhassan Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Alhassan, Sie haben neulich Angela Merkel getroffen. War Sie Ihnen sympathisch?

Bjeen Alhassan: Tatsächlich ja! Sie strahlt sehr positive Vibes aus, ist irgendwie lustig und hat viel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft geredet.

Was gefällt Ihnen besonders daran, dass Sie für Ihr Online-Projekt „Lernen mit Bijin“ den Nationalen Integrationspreis 2020 bekommen haben?

Die Anerkennung für Menschen mit ähnlichen Geschichten wie die meine. Auch die Frauen in der Facebook-Gruppe haben sich unglaublich gefreut und waren stolz darauf, Teil dieses Projektes zu sein – es war, als hätten auch sie diesen Preis bekommen. Das gibt mir Hoffnung, dass ich tatsächlich helfen kann.

Sie helfen ausschließlich Frauen, die – wie Sie – eine Fluchtgeschichte haben, sich in Deutschland einzuleben. Was bedeutet Feminismus für Sie?

Ich komme ja aus dem Nahen Osten. Daher gibt es Entscheidungen, die nach meiner Erfahrung überhaupt nicht selbstverständlich sind für Frauen. Beispielsweise das Recht zu studieren, aber auch das Recht, über den eigenen Aufenthaltsort zu entscheiden.

Wie war das bei Ihnen?

In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, in Rojava, gab es keine Universität. Meine Eltern hatten kein Problem damit, dass ich zum Studieren nach Damaskus umziehe. Für mich bedeutet Feminismus, dass die Tochter das gleiche Recht auf Bildung hat wie der Sohn.

Wie kommt es, dass Sie so denken und auch andere Frauen ermächtigen wollen?

28, ist in Rojava im Norden Syriens groß geworden. Seit 2014 lebt sie in Deutschland. 2019 machte sie in Emden ihren Master in Business Management. Für ihre Facebook-Gruppe „Lernen mit Bijin“ hat sie den Nationalen Integrationspreis der Bundeskanzlerin bekommen. Sie gibt darin praktische Tipps und Wissen an geflüchtete Frauen in Deutschland weiter. Zurzeit arbeitet sie in der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. in Hamburg.

Mir wurde immer gesagt: Bjeen, du musst was lernen. Vor allem, weil ich in Syrien als Kurdin in der Minderheit war. Ich hatte nicht die gleichen Rechte wie andere Syrer. Das machte Bildung als Möglichkeit, mich zu emanzipieren und mir ein gutes Leben aufzubauen, umso wichtiger. Dieses Wissen möchte ich weiterleiten, denn Wissen ist Power.

Wie hat sich Ihr kurdischer Hintergrund in Syrien bemerkbar gemacht?

Ich bin zur Schule gegangen in einem Land, in dem Arabisch gesprochen wird. Meine Muttersprache ist Kurdisch. Ich habe Arabisch dann mit vier oder fünf Jahren gelernt.

Sind Sie besonders ehrgeizig? Die Sprachen, die Sie sprechen, wollen ja gelernt werden – Arabisch, Kurdisch, Deutsch.

Und Englisch. Da ich mit zwei Sprachen aufgewachsen bin, entwickelt sich vielleicht eine Art Feingefühl für Sprachen, für die Mechanismen von Sprachen und die Skills, wie ich diese Sprachen schnell lernen kann. Aber für mich haben Sprachen auch sehr viel mit dem Gefühl von Heimat zu tun. Als ich in Deutschland ankam, war mir klar, dass ich Deutsch lernen muss, um mich hier zu Hause zu fühlen.

Was bedeutet Ankommen für Sie?

Wenn mich ein Mensch auf der Straße anspricht, möchte ich das verstehen, ich möchte antworten können; ich möchte die Stimmen um mich herum auf der Straße verstehen. Wenn ich das kann, fühle ich mich mental und körperlich angekommen. Ankommen bedeutet aber auch, den Ortswechsel zu akzeptieren und von beiden Kulturen – der vergangenen und der jetzigen – das Beste mit in seine Lebensweise aufzunehmen und sich irgendwie mit dem eigenen Ort zwischen den Kulturen anzufreunden.

Das klingt einfach in der Theorie. Ist es das auch in der Praxis?

Es gibt immer noch frustrierende Momente, in denen ich denke: Okay, ich werde in diesem Land niemals akzeptiert sein. Und selbstverständlich erlebe ich Diskriminierung, wie alle anderen auch. Doch nur, weil eine Person sich mir gegenüber schlecht verhält, heißt das nicht, dass es keine offenen, gutherzigen Menschen gibt. Das versuche ich, mir immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Wird die Diskriminierung weniger, je länger Sie hier sind?

Nein: Die Blicke, die bescheuerten Fragen, die Schwierigkeiten bei Bewerbungen – das bleibt. Absagen wie „Wir stellen nur deutschsprachige Menschen ein“ oder „Sie haben keine Arbeitserfahrungen in Deutschland“ kommen so häufig vor. Obwohl ich während meines Masters in Deutschland viel gearbeitet habe und meinen Abschluss ja hier gemacht habe – so schlecht kann mein Deutsch also nicht sein.

Sie sprechen fließend Deutsch.

Trotzdem nehmen die Menschen an, dass ich kein Deutsch kann. Diese Vorurteile zu ertragen, ist unglaublich anstrengend. Dass ich erst 2014 hergekommen bin, schreckt viele Menschen ab. Gerade meine Kommilitonen waren schlimm, sie wollten nicht mit mir zusammenarbeiten, keine Hausarbeiten, keine Präsentationen.

Wieso?

Weil es ja mehr Arbeit für sie sein könnte, wenn sie mal meine Grammatik verbessern müssten. Dabei hätten die von mir auch viel lernen können, denn ich habe andere Ideen, andere Denkansätze, eine andere Kultur. Meine Kommilitonen an der Hochschule in Emden wollten jedoch gute Noten und in ihrer Komfortzone bleiben. Das war für mich eine sehr schlimme Zeit, besonders die Prüfung meiner Masterarbeit.

Was ist da passiert?

Für meine Masterarbeit wollte ich eine Art Online-Training für Menschen in Syrien erstellen, bei dem hochqualifizierte Menschen aus Deutschland ihr Know-how digital weitergeben können. Problematisch war, dass der Professor, der meine Arbeit begleitet hat, Vorsitzender der AfD in Emden war.

Wieso haben Sie sich denn ausgerechnet diesen Prüfer ausgesucht?

Ich war da irgendwie ein bisschen naiv. Kein anderer Prof hat so schnell auf meine Anfrage geantwortet und dann habe ich klar mit ihm über seine politische Ausrichtung gesprochen. Er hat gesagt, dass er nicht ausländerfeindlich sei, dass es um wissenschaftliches Arbeiten ginge und politischen Meinungen da nicht relevant seien.

Und hat er Wort gehalten?

Was soll ich sagen, er hat mich auflaufen lassen. Während meines Ausarbeitungsprozesses habe ich ihn monatlich auf dem Laufenden gehalten und gefragt, was er von der Arbeit hält. Er sagte ständig, dass alles super sei. Zwei Tage vor meinem Kolloquium erzählt er mir dann, welche wichtige Thematik ich nicht eingebracht habe: Ja, guten Morgen, dachte ich mir dann!

Wie war das Kolloqium?

Es war schockierend, wie er mit mir geredet hat. Er hat mir ein Ultimatum gesetzt: Entweder ich nehme die 4.0 oder ich falle durch. Ich habe mich für die 4.0 entschieden. Er wusste, dass mir keine Wahl blieb, weil ich keine Zeit hatte, um meine Arbeit zu wiederholen. Ich bin eine Woche nach dem Kolloquium für ein Praktikum nach Bayern umgezogen.

Ich dachte, Sie haben Ihren Master mit 2,3 abgeschlossen – stand jedenfalls im Internet.

Ja, weil meine Noten zuvor so gut waren, habe ich immer noch eine gute Gesamtnote. Ich war danach einfach froh, das alles hinter mir zu lassen.

Wie war Emden als Studienort?

Das ist auf jeden Fall nicht der Ort, an dem ich dauerhaft wohnen möchte. Es ist irgendwie zu klein. Auch waren viele meiner Kommilitonen sehr konservativ. Fragen wie „Du bist ja Moslem, warum trägst du Schmuck?“ kamen nicht selten. Ich bin irgendwann zum Arzt gegangen, weil ich keine Motivation mehr hatte, zur Uni zu gehen. Jeden Tag aufzustehen, fiel mir immer schwerer. Das Gefühl, angenommen zu werden und in meinem Studiengang mit Menschen reden und quatschen zu können, hatte ich nicht.

Hatte die Stadt auch positive Seiten?

Klar, Emden hat mir viele tolle Möglichkeiten geliefert. Ich konnte als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten, auch als Dolmetscherin und Übersetzerin für Geflüchtete, und habe wunderbare Menschen kennengelernt, ohne die ich heute nicht hier wäre.

Sie sind 2014 mit Ihrer Familie aus dem Bürgerkriegsland Syrien geflohen. Darf ich Sie nach dem Krieg fragen?

Nein.

Okay. Sehen Sie sich als Vorbild für gelungene Integration?

Kann sein; ich hatte jedenfalls sehr gute Chancen, weil mein Bachelor hier anerkannt wurde. Vielleicht war es für mich einfacher als für andere. Und ich hatte meine Schwester als Vorbild, die bereits einen Master in Architektur hatte. Aber: Wie ist das in Familien, in denen die Kinder keine Vorbilder haben, die ihnen den Wert von Bildung und der damit einhergehenden Selbständigkeit zeigen können? Deswegen habe ich diese Facebook-Gruppe gegründet, in der ich ein Vorbild für viele Frauen sein kann, die dann sehen können: Es ist möglich.

Sie haben Ihr Projekt bei der Preisverleihung im Kanzleramt ganz souverän vorgestellt. Woher kommt Ihr Selbstbewusstsein?

Ich war als Kind schon eine Labertasche und wurde darin nicht begrenzt. Mir wurde nie gesagt, dass ich mich mädchenhaft verhalten soll. Ich wurde sehr frei erzogen und habe natürlich meine Schwester als Vorbild, die mir zeigte, dass Lernen und Bildung wichtig ist. Außerdem habe ich eine Botschaft.

Welche ist das?

Ich möchte Menschen, die falsch über Frauen in Syrien oder kurdische Frauen denken oder einfach keine Ahnung haben, zeigen, was Frauen wie ich leisten können. Ich möchte ein gutes Beispiel darstellen und ich hoffe, dadurch Stereotype zu durchbrechen. Natürlich repräsentiere ich nicht alle Frauen, denn wir sind vielseitig. Vielleicht repräsentiere ich aber so ein bisschen die Region und dieses Bewusstsein für meine Verantwortung macht mich stark.

Hinweis: Wegen einer vom AfD-Kreisvorsitzenden Ostfriesland Prof. Reiner Osbild gegen Bjeen Alhassan erwirkten einstweiligen Verfügung haben wir einen Satz aus diesem Interview entfernt.

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