kinotipp der woche: CIA-Zwerge und Wassergeister

Der neu gegründete Indiekino-Club startet mit einem Double-Feature zu Ehren der kürzlich verstorbenen Sängerin Françoise Cactus.

Szene aus “Underwater Love“: Nackte Frau auf einem Sumpfmonster

“Underwater Love“ entzieht sich erfolgreich sämtlichen Kategorien Foto: Indiekino

Was klingt noch vielversprechender als ein Monster-Film mit der Musik von Stereo Total? Natürlich ein Monster-Sexploitation-Filmmusical, in dem Stereo-Total-Sängerin Francoise Cactus auf japanisch trällert und das wahrscheinlich auch wieder mit Akzent. “Underwater Love“ heißt der Film über ein tanzendes Sumpfwesen auf der Suche nach Liebe, der Teil eines Double-Features zu Ehren der eben erst gestorbenen Cactus ist, mit dem der neugegründete Streamingdienst Indiekino-Club würdig startet.

Das Berliner Filmmagazin Indiekino hat mehrere kleine, unabhängige Kinos wie Brotfabrik, Il Kino, Wolf, FSK und noch ein paar weitere dafür gewinnen können, ab sofort gemeinsam bei der Video-on-demand-Plattform Cinemalovers Indie- und Arthousefilme anzubieten. Nach dem Motto: Es muss nicht immer nur Netflix sein. Und mit dem Ziel, lokale Kiezkinos in schweren Zeiten noch besser untereinander zu vernetzen.

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Los geht es mit einem Schwung richtig guter Filme, etwa mit “Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ von Teona Strugar Mitevska oder Deniz Gamze Ergüvens “Mustang“, beides herausragende Arthouse-Produktionen aus den letzten Jahren.

Homage an Françoise Cactus

Aber der Knaller ist natürlich die Hommage an Françoise Cactus, Berlins große Chanteuse, die den Planeten Erde viel zu früh verlassen hat. Der japanische Film “Underwater Love“ von Shinji Imaoka, dessen Soundtrack von Stereo Total geschrieben wurde, schenkt uns aber immerhin die Hoffnung: vielleicht ist sie ja auch als Kappa wiedergeboren worden, als Wassergeist, so wie Aoki im zehn Jahre alten Film.

Double-Feature Francoise Cactus: als Stream bei Indiekino-Club, www.indiekino-club.cinemalovers.de

Der ist ein herrlicher Genre-Mix aus japanischem Pinku eiga, also Softcore-Erotik mit künstlerischem Anspruch, Monster-Film-Thematik und Musical. Wobei Aoki, halb amphibisches Ding aus dem Sumpf mit Schuppen und Schwimmhäuten und halb Mensch, alles andere als bedrohlich wirkt und ein ziemlich niedliches Monster ist.

Der verantwortliche Maskenbildner hat erst gar nicht versucht, so zu tun, als könnte das Maul von Aoki etwas anderes sein als ein umgeschnalltes Stück Plastik. Dazu trägt das Wesen eine groteske Faschingsperücke und eine Art Schildkrötenpanzer auf dem Rücken. Damit erschreckt es niemanden und kommt bei seinem Landgang vielmehr bestens bei den Frauen an.

Und obwohl es sich bei “Underwater Love“ auch um ein Musical handelt, kann es nicht einmal wirklich tanzen, was aber auch wieder ganz zum Charme des Films passt, der darum bemüht ist, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Er entzieht sich vielmehr erfolgreich sämtlichen Kategorien.

Nicht einmal ein echter B-Movie ist er, wofür allein schon die bestechenden Landschaftsaufnahmen sorgen, die von niemand Geringerem eingefangen wurden als von Kameramann Christopher Doyle, der mit seiner Arbeit vor allem für die Filme von Wong Kar-Wai Weltruhm erlangte.

Edeltrash auf Leinwand

Dass Francoise Cactus poetischen Edeltrash auch auf der Leinwand goutierte, das leuchtet ein. Die Mischung aus Witz, Groteskem und märchenhaftem Liebeskitsch, die “Underwater Love“ aufzufahren weiß, passt bestens zu ihrem künstlerischen Schaffen. So wirkt auch der Stereo-Total-Sound wie maßgeschneidert für den Streifen.

Aber ganz offensichtlich konnte für Cactus der Trashfaktor eines Films gar nicht hoch genug sein. Weswegen sie wohl auch gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Brezel Göring, der zudem die Liebe ihres Lebens war, den Job übernommen hat, den komplett durchgeknallten Film “Jesus shows you the Way to the highway“ zu synchronisieren.

Der von dem Spanier Miguel Llansó in Äthiopien gedrehte Cyberpunk-Cocktail kann selbst für härteste Trashfilmfans zu viel sein. Bei der Story, in der sich ein CIA-Zwerg mit Rückenproblemen beim Kampf gegen einen Virus mit dem Namen Stalin im Cyberspace verliert, steigt man unweigerlich irgendwann aus. Wann genau sich die Figuren in der Realität befinden, wann im Virtuellen: man weiß es ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht mehr.

Und was bitte hat dieser Typ mit dem Batman-Kostüm hier zu suchen? Ist der Film, der beim Indiekino-Club nun seine Premiere feiert, nun genial, Schrott oder gar beides zusammen? Entscheiden sie selbst.

Irgendwann lohnt es sich auf jeden Fall, von der Omu- in die Synchroversion zu wechseln, in der Francoise und Brezel die Stimmen sämtlicher Figuren eingesprochen haben. Um zu hören, wie Francoise als Freundin des von Brezel synchronisierten CIA-Agenten zu diesem in ihrem unnachahmlichen Francoise-Deutsch sagt: “Ich liebe Dich, kleine Mücke.“

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