piwik no script img

gemobbt

Kürzlich kam mein Kind nach Hause und sagte: „N. hat gesagt, mein Name ist für den Mülleimer.“ Die zweite Botschaft von N.: „Deine Mutter ist eine Oma.“ Was für ein Idiot dachte ich, aber ich sagte es nicht. Ich sagte etwas wie: „Soll ich das Gespräch mit N. suchen und ihm sagen: Ich hörte, dass du dir Gedanken über mein Alter machst?“ Mein Kind wollte, wenig überraschend, nicht, dass ich das Gespräch suchte. Aber einmal, als ich N. zufällig in der Schulgarderobe traf, sprach ich ihn an: „Ich habe gehört, dass du von mir sprachst. Deswegen sage ich dir extra freundlich guten Tag.“ Das war pädagogisch nur mittel wertvoll, ich weiß das.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich, als ich so alt war wie meine Tochter heute, lange weite Rüschenkleider trug, während alle anderen Mädchen T-Shirts und Jeans anhatten. „Umstandskleider“, schrien die Jungs. Sie hackten auch auf anderen Kindern rum, es brauchte keinen besonderen Grund, wie es auf keinem Schulhof der Welt einen besonderen Grund braucht, es sei denn, man nennt Statuskonsolidierung einen Grund.

Als ich Schulkind war, und N. hat recht, ich bin ziemlich alt, war diese Art von Austeilen nichts Ungewöhnliches, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, deswegen zu meiner Klassenlehrerin zu gehen, und ich glaube nicht, dass ich meinen Eltern davon erzählt habe. Es fiel nicht in die Kategorie Mobbing, sondern in einen Graubereich davor. Aber später, auf dem Gymnasium, hatte ich einen Mitschüler, der einen anderen über Jahre mobbte, einen blassen, schmalen Jungen, der einen Kopf kleiner war als er. Es hat außer dem Opfer und seiner Familie niemanden interessiert.

Die Angst der Lehrkräfte

Damals, in den 90ern, steckte die Mobbing-Forschung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Heute weiß man – oder kann es zumindest wissen –, dass Mobbing-Erfahrungen die Opfer lange verfolgen, die Tä­te­r:in­nen dagegen kaum. Man weiß, dass der Grund dafür, dass Lehrkräfte nicht intervenieren, schlicht Angst sein kann. Man weiß, dass die Tä­te­r:in­nen beruflich oft weniger erfolgreich sind. In Wirtschaft und Politik scheinen sie aber gut durchzukommen. Aber, und das ist die wichtigste Erkenntnis, man weiß, was entscheidend dafür ist, ob Mobbing stattfindet: das Klima in der Klasse. Kann man damit punkten, andere zu demütigen oder nicht?

In der Klasse meiner Tochter nehmen die Kinder an einem Programm namens SEE-Learning teil, in dem sie soziale, emotionale und ethische Kompetenzen lernen. Oder weniger abstrakt: Sie beschäftigen sich mit ihren Gefühlen, sie sollen verstehen, warum sie sauer oder traurig sind und wie sie damit umgehen, ohne es an anderen auszulassen. Und das Ganze ist nicht ein Mini-Workshop, sondern sie nehmen sich ein ganzes Schuljahr Zeit dafür.

Das SEE-Learning verhindert allerdings nicht, dass das Kind an Fasching weinend nach Hause kommt, weil andere sich über ihr selbst gebasteltes Kostüm lustig gemacht haben. So eine Situation bedeutet aber nicht, dass das Learning nichts bringt. Denn mit etwas Glück kann es verhindern, dass ein Kind systematisch gedemütigt wird. Das Dilemma von Prävention ist, dass man nicht sieht, was verhindert wurde. Zumal die wenigsten Kinder sich offenbaren. Aber ich sehe, dass meine Kinder ihren Leh­re­r:in­nen Beschämungen anvertrauen, die ich niemandem anvertraut hätte. Vielleicht ist das auch ein Hauch Gisèle Pelicot im deutschen Klassenzimmer.

In meiner Kindheit hatten Mobbende eine gute Zeit. Heute hat sich der Wind gedreht

Bei den Elternabenden der Klasse haben ein paar Eltern lange darüber genölt, dass die Kinder zu wenig Englisch lernen. Wie sollen sie bloß auf der weiterführenden Schule zurechtkommen? I don‘t know. Aber ich weiß, dass sie gelernt haben, dass ihrer Schule Mobbing nicht egal ist. Es wird ein paar Schulgenerationen dauern, aber eines Tages kommen die Mob­be­r:in­nen vielleicht auch in Wirtschaft und Politik nicht weiter. Friederike Gräff

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen