die ortsbegehung: Die Rückkehr der sanften Riesen
Schneidender Wind, schnaufende Herde: Wasserbüffel in Brandenburg erzählen von einer Zukunft, die überraschend schwer und erstaunlich beweglich wirkt
Aus dem Landkreis Oberhavel Susanne Messmer
Fünf Grad, die sich anfühlen wie minus fünf, ein Wind, der nicht weht, sondern schneidet, und Nieselregen: Der Spaziergang zur Winterweide der Wasserbüffel nördlich von Oranienburg im Brandenburger Landkreis Oberhavel beginnt unter Bedingungen, bei denen man sich fragt, ob nicht alle Tiere Anspruch auf Zentralheizung haben sollten. Der Weg führt vorbei an kahlen Bäumen, über matschige Pfade, bis sich schließlich eine offene Wiese auftut – und dort stehen sie: zwanzig schwarze Körper, dampfend im Grau des Vormittags.
Hier sind sie also im Winter, erklärt der Landwirt Nils Fischer, der in dieser Niederungslandschaft wirtschaftet. Das Moor am Möllmer See, ihre sommerliche Residenz, war in diesem eisigen Winter zu tückisch – Büffel und Büffelkühe, die einbrechen, will anschließend niemand verarzten. Jetzt gilt es nur noch ein paar Tage abzuwarten, dass mensch nicht bis zum Bauch versinkt, wenn sie oder er einen Zaun reparieren muss. Also Winterweide statt Moor, Sicherheit statt Abenteuer.
Doch plötzlich geraten sie in Bewegung, als hätte jemand einen unhörbaren Startschuss abgefeuert. Mit überraschender Geschwindigkeit fegen sie übers Gras, als wollten sie den menschlichen Besucher*innen zeigen, dass Masse und Eleganz keine Gegensätze sind.
Ihre Köpfe sind das eigentlich Spektakuläre: mächtig, fast skulptural, gekrönt von Hörnern, die sich in selbstbewussten Bögen himmelwärts drehen. Versteht sich von selbst, dass diese Tiere seit Jahrtausenden Mythen bevölkern. Und doch, sagt Fischer, seien sie erstaunlich sanft und verständig. Viel zahmer als herkömmliche Rinder.
Wie eine WG ohne Putzplan
Er erzählt von den Anfangsjahren, als die Herde nur aus Färsen, also Jungkühen, bestand – eine WG ohne Putzplan gewissermaßen. Dann kam sie: eine fünfzehn Jahre alte Leitkuh, zugekauft, erfahren, souverän. Innerhalb kürzester Zeit sei Ruhe eingekehrt. Nur eine Färse habe das anders gesehen. Drei Tage lang, berichtet Fischer mit trockenem Humor, sei sie in eine Art Depression verfallen – offenbar hatte sie sich Chancen auf den Chefinnenposten ausgerechnet.
Der Sprung von der Wiese ins Oranienwerk, eine ehemalige Fabrik zehn Kilometer entfernt, wo kurz darauf eine Wasserbüffel-Tagung stattfindet, könnte kaum größer sein, und doch gehört beides zusammen. Brandenburg, erfährt mensch bei Kaffee, ist mit 260.000 Hektar eines der moorreichsten Bundesländer – und genau diese Flächen sind es, in denen die Büffel glänzen.
Zu DDR-Zeiten wurden die Moore entwässert, um die großflächige, maschinengetriebene Landwirtschaft der LPGs möglich zu machen. Heute ist klar: Trockengelegte Moore setzen enorme Mengen CO2 frei, nasse dagegen binden den Kohlenstoff.
Und genau hier beginnt der Konflikt. Die Wiedervernässung stößt nicht überall auf Begeisterung, insbesondere bei Landwirt*innen, deren berufliche Sozialisation noch stark von der DDR geprägt ist. Projekte wie „Blaues Moor Brandenburg“ setzen deshalb nicht auf Verzicht, sondern auf ein Angebot: Wie lässt sich auf nassen, matschigen Flächen wirtschaften? Wasserbüffel lieben Moore. Wo andere Nutztiere einsinken oder Maschinen untergluckern, bleiben sie gelassen.
Die schönen Tiere sind eine Art Friedensangebot. Schwer, ruhig, umgänglich – und ziemlich überzeugend darin, dass sich auch noch im tiefsten Morast Geld verdienen lässt. Und das nicht nur, weil sie gut aussehen.
Ökolandwirte mit Perlen im Bart
Die Besonderheit
Wasserbüffel, wie aus einer Werbebroschüre für die nächste Reise nach Vietnam, direkt vor der Haustür in Brandenburg.
Das Zielpublikum
Ganz eindeutig Menschen, die gern wandern und Rad fahren, denn Wasserbüffel grasen nicht an der Autobahn und an Gleisen, sondern an abgelegenen Orten.
Hindernisse auf dem Weg
Das Moor, so ist spätestens seit der Lektüre der Romane der Geschwister Brontë bekannt, kann tückisch sein. Also immer schön auf den befestigten Wegen bleiben!
So kommt es, dass auf der Tagung Menschen aufeinandertreffen, die sonst selten gemeinsam in einem Raum stehen: Ökolandwirtinnen mit Rastas und -wirte mit Holzperlen im Bart neben Wissenschaftler*innen, Köch*innen und Metzger*innen. Letztere geraten ins Schwärmen, wenn es ums Wasserbüffelfleisch geht – ungleich magerer als Rind (1,5 statt 19 Prozent Fett), deutlich cholesterinärmer (35 statt 80 Milligramm). Also wird verkostet: würzige Knacker, später ein Gulasch mit Oliven, so gut, dass selbst eingefleischte Flexitarier*innen ins Grübeln geraten. Nur der Büffelmozzarella fehlt leider, denn Milchwirtschaft funktioniert nun mal nicht im Moor.
Und dann ist da noch die Frage der Herkunft. Wasserbüffel als „Migrant*innen“ auf brandenburgischen Nasswiesen – ein gern bemühter Einwand. Doch Jannik Luk Heckel, Experte von der Universität Hohenheim, rückt das zurecht: Bis vor etwa 11.000 Jahren gab es Büffel in ganz Europa, alle miteinander verwandt. Noch sind es rund 10.000 Tiere in Deutschland, doch die Zahl wächst.
Vielleicht liegt genau darin die Pointe. Denn während der Klimawandel für viele noch abstrakt bleibt, ist er für die vermeintlich konservativen Landwirt*innen längst Alltag. Entsprechend offen und neugierig wirkt das Publikum in Oranienburg. Und draußen, auf der Wiese, stehen sie immer noch, die schwarzen, sanften Riesen. Sie wirken zugleich archaisch und erstaunlich zeitgemäß – als hätten sie schon lange gewusst, wohin die Reise geht. Brandenburg jedenfalls steht ihnen gut. Und sie ihm auch.
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