die ortsbegehung: Shoppen mit ein klein wenig Gedenken
Das Mercado-Einkaufszentrum in Hamburg-Ottensen steht auf einem jüdischen Friedhof. Als Erinnerung daran gibt es nur eine eher unauffällige Gedenkwand am Treppenabsatz
Aus Hamburg Petra Schellen
Wer reinkommt, fühlt sich gleich geborgen: Wohlig warm ist es hier, nicht zu voll, und das Gewimmel hält sich in Grenzen im Mercado-Einkaufszentrum in Hamburg-Ottensen. Recht heimelig ist der kleine Markt aus Gewürz- und Gemüseständen samt Imbissstationen in der Mitte, Supermarkt, Schuh- und Teeläden drumherum. Im Obergeschoss liegt eine Filiale der städtischen Bücherhallen, Kultur muss schließlich auch sein. Zum Schluss noch schnell zur Drogerie ins Untergeschoss gesaust: Mal sehen, was die heute haben.
Und wie man danach auf der Bank sitzt, umringt von diversen Einkaufstaschen, bemerkt man endlich diese Gedenktafeln am Treppenabgang. Es ist der unauffälligst mögliche, den Einkaufsflow am wenigsten störende Ort des Gebäudes. Nur wer innehält, erfährt etwas über die Geschichte des Orts: Hier hängen Tafeln mit Namen jener 4.500 Menschen, die auf dem darunterliegenden einstigen jüdischen Friedhof bestattet sind.
Friedhof zur NS-Zeit geschlossen
Die Sterbedaten reichen von den 1660er Jahren bis 1934, als das NS-Regime den Friedhof schloss. 1939, im Jahr des deutschen Angriffskriegs auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, wurde das Areal für den Bau eines Hochbunkers beschlagnahmt und großteils zerstört. Nur wenige Gräber konnten gerettet und auf den Ohlsdorfer Friedhof umgebettet werden.
Nach Krieg und Holocaust muss dann große Hoffnungslosigkeit geherrscht haben. Denn die sich mühsam aus Schoah-Überlebenden reorganisierende jüdische Gemeinde stellte den Friedhof nicht wieder her. Vielmehr verkaufte sie das Areal mithilfe der Jewish Trust Corporation an den Hertie-Konzern, der dort 1953 ein Kaufhaus eröffnete.
1988 veräußerte Hertie das Gelände dann an jenen Investor, der das Einkaufszentrum Mercado plante, samt einer Tiefgarage. Der Bezirk Altona genehmigte, 1991 begann die Ausschachtung.
Und dann sickerte die Nachricht von der Überbauung des Friedhofs durch, drang bis nach Israel und in die USA. 30 Protestler der Athra Kadischa, einer internationalen Gemeinschaft strenggläubiger Juden „zur Erhaltung heiliger jüdischer Stätten“, reisten an. Sie besetzten die Baustelle und forderten die Rückgabe des Friedhofs, der – wie im Judentum üblich – „auf Ewigkeit“ angelegt war und nach religiösem Recht nie hätte verkauft werden dürfen.
Baurechtlich war das Prozedere zwar einwandfrei. Allerdings bedeutete der Tiefgaragenbau eine Störung der Totenruhe, und das ist ein Straftatbestand. Der Protest zog Kreise, und ein halbes Jahr später besetzten weitere 100 bis 150 orthodoxe Juden unter anderem aus England und Israel das Areal. Als dann gar Bilder von Polizisten um die Welt gingen, die betende Juden abführten, erhöhten auch Politiker aus Israel und den USA den Druck. Der Bau wurde einstweilen gestoppt.
Der Mercado-Investor, der das Areal für gut 14 Millionen D-Mark erworben hatte, bot der jüdischen Gemeinde derweil den Rückkauf für 30 Millionen D-Mark an, vermutlich wissend, dass die Gemeinde das Geld nicht aufbringen konnte. Eine lebhafte innerjüdische Debatte begann. Der Landesrabbiner plädierte für eine rituelle Exhumierung. Andere befanden, dies sei nur zugunsten des Gemeinwohls wie des städtischen Wohnungsbaus zulässig. Bei Mercado gehe es aber um kommerzielle Interessen, und denen dürfe ein Friedhof niemals dienen. Dass das einst schon beim Verkauf an Hertie passiert war, machte die Sache nicht besser.
Keine Tiefgarage als Kompromiss
Die Besonderheit
Ein Einkaufszentrum über einem Friedhof schafft eine interessante Kluft zwischen Ewigkeit und der Vergänglichkeit des Konsums.
Die Zielgruppe
Alle, die nicht nur einkaufen, sondern auch wachsam ihre Umgebung und deren Geschichte wahrnehmen wollen. Die verstehen wollen, worauf wir im Wortsinn eigentlich gehen und stehen. Und darob Respekt und Demut entwickeln.
Hindernisse auf dem Weg
Die Gedenktafeln hängen am Treppenabgang, den Aufzug oder Rolltreppe nicht eigens ansteuern. Aus der Nähe können Gehbehinderte die Tafeln also leider nicht betrachten. Den großen Davidstern, der die Tafeln hinterfängt, sieht man allerdings auch aus einiger Entfernung.
Schließlich bat man den orthodoxen Oberrabbiner von Jerusalem um einen Kompromissvorschlag. Sein Schiedsspruch lautete: Es darf über dem Friedhof gebaut werden, aber nicht in ihm, also ohne Tiefgarage. Die verbliebenen 400 bis 500 Grabstellen werden mit Beton überwölbt und auf ewig geschützt. Wie später bekannt wurde, hat die Stadt dem Investor rund 16 Millionen D-Mark gezahlt – als Ausgleich für die entfallene Tiefgarage und sonstige Unbill.
Jetzt liegen die Toten also unter dem 1995 eröffneten Einkaufszentrum, das ein Jahr später besagte Gedenkwand bekam. „Tritt nicht näher, denn die Stelle auf der Du stehst, ist heiliger Boden“, steht da neben den Namen. Man liest es und erstarrt: Wo genau liegen die Gräber? Hat man sie versehentlich schon die ganze Zeit mit Füßen getreten?
Man fühlt sich unwohl und spürt, das Problem reicht tiefer: Denn diese so ästhetisch und glatt in die Architektur integrierten Texttafeln – als Ensemble durchaus würdig – bewirken wohl nur bei wenigen Passanten eine tiefere Reflexion. Denn diese Gedenkwand ist kein echter optischer Stolperstein. Das hätte sie aber, den Toten zu Ehren, durchaus sein dürfen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen