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debatteKI um jeden Preis

Die Bundesregierung will den Ausbau von Rechenzentren für KI-Modelle vorantreiben – und lockert dafür Umweltauflagen. Das ist klimapolitisch falsch

Die Bundesregierung möchte Deutschland zur „KI-Nation“ machen – und dafür in großem Stil Rechenzentren bauen. Bis 2030 sollen sich die KI-Rechenkapazitäten in Deutschland vervierfachen. Eine gigantische Aufgabe, bei der die ökologischen Folgen kaum eine Rolle spielen. Im Gegenteil: Wenn Klimaauflagen den Ausbau von Rechenzentren bremsen, dann ändert die Regierung einfach das Gesetz. Jetzt will die Bundesregierung Umweltauflagen für Rechenzentren lockern. So sollen Rechenzentren drei Jahre länger Zeit haben, um ihren Stromverbrauch bilanziell zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Und sie sollen nicht mehr verpflichtet sein, die Abwärme der Rechenzentren zu nutzen, außer vor Ort ist ein passendes Wärmenetz bereits vorhanden. In vielen ländlichen Regionen, in denen Rechenzentren aktuell verstärkt gebaut werden, sind aber keine Wärmenetze vorhanden. Die Wärme, die die Rechner produzieren, tritt dort also einfach aus und erhitzt vor Ort die Luft.

Der Gesetzentwurf, der all dies beinhaltet, sendet damit ein falsches Signal. Gerade beim Ausbau der Rechenkapazitäten für große KI-Modelle wird der Bedarf an Strom und Wasser in den nächsten Jahren enorm steigen. Schon jetzt benötigen deutsche Rechenzentren mehr als vier Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs, deutlich mehr als der Stromverbrauch Berlins. Bis 2037 werden es gut zehn Prozent sein, schätzt die Bundesnetzagentur. In Berlin und Frankfurt stoßen die Netzkapazitäten bereits jetzt an ihre Grenzen. Schon das bereits bestehende Gesetz bietet an dieser Stelle kaum Abhilfe. Es schreibt lediglich vor, dass Betreiber von Rechenzentren ihren Strom aus erneuerbaren Energien beziehen müssen. Betreiber können Ökostrom einkaufen und mit Herkunftszertifikaten beweisen, dass sie diesen Strom bezahlt haben. Sie müssen aber nicht dafür sorgen, dass ihr Rechenzentrum tatsächlich mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben wird. Ein Rechenzentrum, welches mit einem eigens gebauten Gaskraftwerk betrieben wird, gilt immer noch als „grünes“ Rechenzentrum.

Der aktuelle Gesetzesentwurf schließt diese Lücke nicht, er weitet die ohnehin schon laschen Vorgaben weiter auf. Das ist auch deshalb problematisch, weil der Ausbau der Rechenzentren schon heute mit neuer fossiler Infrastruktur einhergeht. Rund um Frankfurt am Main werden an mehreren Standorten Gaskraftwerke direkt neben Rechenzentren gebaut. Offiziell sollen sie nur dazu dienen, bei hoher Belastung des Stromnetzes die Stromversorgung zu sichern. Doch längst werden Gaskraftwerke nicht mehr neben Rechenzentren gebaut, um Versorgungslücken zu schließen. Auch wenn Gaskraftwerke nicht so klimaschädlich sind wie Kohlekraftwerke, stoßen auch sie große Mengen CO2 aus und verschärfen so die Klimakrise.

Der neue Gesetzentwurf ist kein Ausrutscher, sondern die logische Konsequenz einer Politik, die vor allem auf eins setzt: mehr Rechenzentren – zu jedem Preis. Klimaschutz gilt dabei offenbar nur so lange, wie er diesem Ziel nicht im Weg steht. Tut er das, müssen Gesetze geändert werden. Dabei fällt aber eine Frage unter den Tisch: Wofür sollen all diese Rechenzentren überhaupt gebaut werden? Klar ist: Eine zukunftsorientierte Gesellschaft braucht Rechenzentren. Ohne sie wären viele digitale Anwendungen nicht denkbar, von der medizinischen Forschung, über die Berechnung von Wettermodellen bis hin zum Betrieb von wichtiger IT-Strukturen für Unternehmen. Doch diese Anwendungen allein erklären den massiven Ausbau an Rechenzentren nicht. Denn sie benötigen weder große Rechenkapazitäten noch gigantische Datenmengen. Die geplanten Rechenzentren dienen vor allem dem Ausbau generativer KI oder sogenannter Large Language Models, also hoch entwickelte KI-Modelle, die menschliche Sprache verarbeiten und generieren können. Dabei bleibt der gesellschaftliche Nutzen von generativer KI weiterhin umstritten. Ihre Folgen sind hingegen bewiesenermaßen verheerend.

Der Energieverbrauch von generativer KI ist gigantisch. Energie, die dann an anderen Stellen fehlt, beispielsweise bei der Elektrifizierung des Verkehrs, der Wärme, in der Industrie. Nicht nur das Training der KIs benötigt große Rechenkapazitäten, auch die Nutzung der generativen Sprachmodelle ist rechenintensiv. Dass Nutzer:innen sich an vielen Stellen gar nicht mehr für oder gegen den Einsatz von Sprachmodellen entscheiden können, macht das problematisch. Für den Bau von Rechenzentren werden zudem Rohstoffe wie Lithium und Kobalt unter umweltschädlichen und menschenrechtsverletzenden Zuständen abgebaut. Vom Wasser, das für die Kühlung der Rechner benötigt wird, ganz zu schweigen. Auch ist längst bekannt, dass der Erfolg der großen KI-Konzerne auf der massiven Ausbeutung von Datenarbeiter:innen im globalen Süden fußt. Dennoch hofft die Bundesregierung auf ein Wirtschaftswachstum von rund zehn Prozent durch KI. Doch auch das ist keineswegs garantiert.

Julia Dagg

ist freie Journalistin und schreibt über soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft und Klimawandel. Sie hat Politik, Soziologie und Postkoloniale Theorien in Freiburg und London studiert.

OpenAI verzeichnet weiterhin keine Gewinne, selbst die Bank of England, der IWF und die deutsche Industrie warnen davor, dass es sich bei KI um einen Hype handelt. Bislang profitieren vor allem die Hersteller von Hochleistungschips - und militärische Anwendungen. Dazu kommt, dass das erhoffte Wirtschaftswachstum vor allem auf der Annahme fußt, dass durch KI-Nutzungen Arbeitskräfte eingespart werden können. Rechenzentren sollten natürlich so klimafreundlich wie möglich betrieben werden. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie wir immer mehr KI-Infrastruktur möglichst effizient bauen. Sondern ob der geplante Ausbau überhaupt gesellschaftlich sinnvoll ist.

Klimaschutz gilt dabei offenbar nur so lange, wie er anderen Zielen nicht im Weg steht

Die die Entscheidung fiel in eine der heißesten Wochen. Das war Zufall, die Prioritäten der Bundesregierung spiegelt es dennoch treffend wider. Klimaziele einzuhalten ist wohl keine davon.

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