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Die Kirche und die UnionBeziehung in der Krise

Kommentar von Daniela Ordowski

Die Positionen von CDU und CSU gehen immer weniger mit den ethischen Grundsätzen der Kirchen einher. Ist es Zeit für neue Partner?

CDU-Parteitag 2025 in Berlin: Das Kreuz hängt trotz der Beziehungskrise mit den christlichen Kirchen Foto: Stefan Boness

D ie Beziehung zwischen der Union und den Kirchen ist aktuell von Spannungen geprägt. Besonders die Migrationspolitik, die kleine Anfrage der Union und das Paktieren mit der AfD hat zu einer deutlichen Positionierung der Kirchen geführt. Während Klima, soziale Gerechtigkeit und die Interessen junger Menschen für kirchliche Akteure zentral sind, spielen sie bei den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD eher eine untergeordnete Rolle.

Die Frage, die sich nun stellt: Ist eine Paartherapie noch möglich, oder ist es Zeit für eine ehrliche Neubewertung der Beziehung? Die Auseinandersetzung entzündete sich zuletzt am sogenannten Zustrombegrenzungs­gesetz und dem Paktieren mit der AfD. Sowohl das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als auch Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen lehnten den Entwurf scharf ab.

Daniela Ordowski

ist 31 Jahre alt, Politologin und Mitglied der Synodalversammlung. Als Moderatorin, freie Autorin und Aktivistin ist sie in den Themenfeldern Jugendpartizipation, Internationale Entwicklung, Klimagerechtigkeit, Feminismus und Kirchenpolitik unterwegs.

Das ZdK bezeichnete das Vorhaben als „Anti-Integrationskampagne“ und warf der Union vor, die „Grenzen der politischen Kultur“ zu überschreiten. ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp machte deutlich, dass der Entwurf keine realen Lösungen biete, sondern populistische Signale sende. Auch innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurden kritische Stimmen laut, insbesondere im Hinblick auf die Zusammenarbeit der CDU mit der AfD bei der Abstimmung über das Gesetz.

Die CDU muss sich bewusst sein, dass sie kritisiert wird, wenn sie Positionen vertritt, die nicht mit den Grundwerten der Kirchen oder des ZdK im Einklang stehen. Diese Kritik bedeutet aber nicht, dass sich die Kirchen grundsätzlich von der CDU abwenden. Es ist vielmehr eine wichtige Diskussion über gesellschaftliche Werte. Für eine Partei, die das „C“ im Namen trägt, kann so eine Debatte sogar hilfreich sein: Sie fordert die CDU heraus, sich mit ihren christlichen Wurzeln und den Prinzipien von Solidarität und Menschenwürde auseinanderzusetzen.

Umkämpfte Interpretation des „C“

Gleichzeitig muss die CDU verstehen: Wenn sie sich von diesen Werten entfernt, werden die Kirchen oder kirchliche Verbände das klar ansprechen – oder sich Partner bei anderen Parteien suchen. Die Differenzen zwischen der CDU und dem ZdK wurden einmal mehr durch den Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer aus dem ZdK sichtbar. Die ehemalige CDU-Vorsitzende begründete ihren Austritt damit, dass sie keine Grundlage mehr für eine weitere Mitarbeit sehe – insbesondere aufgrund des kritischen Tons, den das ZdK gegenüber der CDU anschlug.

Während Kramp-Karrenbauer das ZdK verlässt, wenden sich auch ZdK-Mitglieder von der CDU ab. Das zeigt: Die Interpretation des „C“ in der CDU ist umkämpft. Deutlich wird damit, dass es für das ZdK entscheidend ist, sich stärker von der Vorstellung zu lösen, dass die CDU automatisch der bevorzugte politische Partner sei. Vielmehr geht es darum, politische Verbündete dort zu suchen, wo kirchliche Werte und Positionen vertreten werden – unabhängig von Parteigrenzen.

Die Zurückhaltung der Kirchen in politischen Debatten hat historische und theologische Gründe. In Deutschland gibt es eine Tradition der Trennung von Kirche und Staat, die nach den Erfahrungen mit dem Missbrauch kirchlicher Macht im Mittelalter und der Instrumentalisierung der Kirche im Nationalsozialismus wuchs. Besonders die katholische Kirche hat lange eine zurückhaltende Haltung in politischen Fragen eingenommen, um die Einheit der Gläubigen nicht durch parteipolitische Differenzen zu gefährden.

Doch in einer Zeit, in der sich politische Diskurse zunehmend polarisieren, darf man nicht still bleiben. Hätte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in diesem Fall geschwiegen, wäre das ebenso ein Statement gewesen – eines der schweigenden Zustimmung oder zumindest der Duldung. Gerade in Zeiten, in denen Grundwerte wie Solidarität, Menschenwürde und der Schutz der Schwächsten unter Druck geraten, ist es entscheidend, eine klare Position zu beziehen.

Es gäbe andere Partner als die Union

Wer sich nicht äußert, überlässt den Raum anderen, die nicht unbedingt die christlichen Werte verteidigen. Nach der öffentlichen Kritik am Zustrombegrenzungsgesetz richtete die Union eine kleine Anfrage an die Bundesregierung, inwiefern Verbände Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Fest steht: Kritik an politischen Entscheidungen ist keine „unzulässige Beeinflussung“, sondern ein legitimer Beitrag zur demokratischen Debatte.

Wer erwartet, dass Kirchen und zivilgesellschaftliche Akteure schweigen, wenn politische Positionen nicht mit ihren ethischen Grundsätzen vereinbar sind, stellt letztlich infrage, dass ihre Überzeugungen noch Platz im gesellschaftlichen Diskurs haben dürfen. Eine gesunde Beziehung zwischen Kirche und CDU kann nur funktionieren, wenn beide Seiten wissen, worauf sie sich einlassen. Eine intakte Beziehung würde bedeuten, dass die CDU nicht nur rhetorisch, sondern auch praktisch christliche Werte in ihre Politik einfließen lässt.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Verbindung als überholt zu betrachten. Andere Parteien haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt um das kirchliche Klientel bemüht – besonders die Grünen und die SPD mit ihrer Betonung sozialer Gerechtigkeit. Die CDU muss sich entscheiden: Will sie das „C“ weiterhin mit Leben füllen oder den Weg einer Partei gehen, die sich zunehmend marktwirtschaftlichen Positionen verschreibt?

Die Aufgabe der Kirchen und des ZdK bleibt klar: Inhalte stark verteidigen, Bündnisse schmieden, die sich auf Werte und nicht auf Parteiinteressen gründen. Es geht nicht um parteipolitische Loyalitäten, sondern um die Verteidigung der Demokratie und den Schutz der Schwächsten. Kirchen stehen immer an der Seite der Zivilgesellschaft – und genau dort sollten sie bleiben.

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5 Kommentare

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  • Danke, den Artikel mit Interesse gelesen. Allerdings ist die Beziehungskrise zwischen u. Union u. den christlichen Kirchen auch mir offenkundig. Deshalb habe ich mich – sogar nur ganz kurz – im *www* umgeschaut u. ein Beispiel gefunden, wo sich die Beziehungskrise aus meiner Sicht zeigt. Man vergleiche mal die Position u. Wahlwerbung der CDU dazu mit folgenden Aussagen in:



    „Sozialethische Zwischenrufe zur Bundestagswahl – Teil 7



    Das Bürgergeld als soziale Hängematte? Warum dieser Vorwurf falsch ist



    14.02.2025 von Bernhard Emunds in: *katholisch.de*“ Link:

    www.katholisch.de/...vorwurf-falsch-ist

    Der Verfasser des Artikels, Bernhard Emunds, ist Leiter der Oswald von Nell Breuning Instituts für Wirtschafts- u. Gesellschaftsethik. Das bietet unter anderem „Politikberatung aus christlich-sozialethischer Perspektive“ an. Mit Grund, denn das Institut kann, m. M. n. in D. wohl als *die* Institution der katholischen Soziallehre gelten.



    Na klar, kein Gläubiger MUSS die zu Rate ziehen. Was die CDU angeht habe ich allerdings den Eindruck, dort hat man damit was ganz wesentliches verpasst - zum Teufel noch mal!

  • Das Forum ausgeschaltet?

    Keine Kritik am christlichen Beitrag, der damit droht der CDU das "C" zu entziehen wenn sie migrationsmäßig nicht so pariert wie das Christenorganisationen und ihre Sozial-Holdings gerne hätten?

    "Die Kritik an der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik."

    Na, liebe taz, schon vergessen von wem das Zitat stammt? Völlig ausgeblendet?

  • Kirchen dürfen sich politisch einbringen, ohne alles dominieren zu dürfen oder auch nur zu wollen.



    Nächstenliebe bei Ärmeren, Schwächeren, ... wäre so ein Punkt.



    Das kann auch soziale Wirtschafts- und Steuerpolitik bedeuten.

    Schutz des Lebens, wenn man das denn früh beginnen sieht, übrigens auch.

    Freiheit der Religionsausübung

    Ich finde bei der "C"-Partei erschreckend, wie aso-liberal sie sich derzeit wieder gibt und der frühere sozialkatholische Flügel kaum mehr vernehmbar ist. Der sollte sich mal wieder berappeln - not täte es.

  • Das "C" verstehen die Kirchen wie manche Grüne gemeinhin so wie sich Gesinnungsethiker Ethik und Glauben halt so vorstellen.

    Zeit erwachsen zu werden.

    Keine Gesinnungsethik (Wir sind die Guten und kommen in den Himmel), sondern Verantwortungsethik wo sich Herz und Hirn in Symbiose treffen.

    Ein echtes "C" á la Jesus bedeutet sich nicht nur auf nationale Migration zu fixieren auch wenn die den christlichen Sozial-Holdings auf Jahrzehnte ordentlich Geld bringt.

    Wir leben in einem globalen Dorf. Wir wissen, dass über 100 Millionen Flüchtlinge unterwegs sind. Wir wissen, dass 800 Millionen hungern, davon 300 Millionen hart hungern. Wir wissen, dass weltweit Kinder unter sieben Jahren im 10-Sekunden-Takt verhungern. Wir wissen, dass UN-deklarierte Menschenrechte wie Empfängnisverhütung und Familienplanung daran scheitern, dass die Frauen über zu wenig Bildung und Verhütungsmiittel verfügen. Und Kirchen und Islam dagegen sind. Die Welt ist extrem überbevölkert.

    Ein echtes "C" heißt zu schauen wie kann ich mit den verfügbaren Mittel höchst effizient Hunger, Leid und Not vermeiden.

    Spenden an UNHCR, Welthungerhilfe, WWF, Save the Children International etc. sind zigfach effizienter.

  • "Kirchen stehen immer an der Seite der Zivilgesellschaft" - mutige These, für die man die Jahrhunderte bis 1945 schon sehr aktiv ignorieren muss. Die Zivilgesellschaft wurde von den Kirchen in den Sachsenkriegen niedergemetzelt, in der Inquisition gefoltert, in Südamerika ausgelöscht und nicht zuletzt im Zweiten Weltkrieg in wertes und unwertes Leben unterschieden.

    Nehmen wir aus dramaturgischen und/oder witzigen Gründen mal an, die Geschichte der Kirche begönne 1945 und die Kirchen würden die zahllosen Kinderschänder in ihren Reihen mal anständig bestrafen und nicht bloß in ein anderes Bistum versetzen, wo sie dann weitermachen können wie bisher (sind Kinder keine Zivilgesellschaft?): Gerade bei der katholischen Kirche, geleitet von einem absolutistischen Monarchen, sehe ich da eher wenig "Verteidigung der Demokratie" und jede Menge "Besitz wahren".