Zwischen Heterofatalismus und Tradwifes : Haben Frauen Männer aufgegeben?
Frauen haben den Mann als ernstzunehmende Spezies aufgegeben. Warum bloß arbeiten sie sich weiterhin an ihm ab? Und warum lässt man die Tradwives nicht einfach in Ruhe backen? Eine Intervention.
Foto: Karolin Klüppel
taz FUTURZWEI | Meg Ryan täuscht im New Yorker Restaurant Katz’s einen Orgasmus vor. Nachdem sie zum fingierten Höhepunkt gekommen ist, sagt die ältere Dame am Nebentisch zum Kellner: „Ich möchte, was sie hatte.“ Nicht zuletzt diese längst ikonische Szene machte Rob Reiners Film Harry und Sally 1989 zum Kassenschlager. Er verhandelt die Frage, ob Männer und Frauen einfach Freunde sein können. Harry findet: nein, Sally meint: doch. Die Story gibt Harry recht, die beiden werden ein Liebespaar. Es ist die Gewissheit aller romantischen Komödien, jenes erfolgsverwöhnte Genres, das einen amüsant-amourösen Dreischritt vollzieht: Boy meets girl. Boy loses girl, boy gets girl back.
Im Kino ist inzwischen der Horrorfilm zum Erfolgsgenre der Stunde avanciert. Es spiegelt gleichsam den alltäglichen Beziehungshorror: Der Junge hat die Frau verloren, aber er bekommt sie nicht mehr zurück. Weil sie ihn schlicht scheiße findet und er ihr dafür reichlich Angriffsfläche bietet: Als in die Manosphere übergetretener Jugendlicher, als unbelehrbarer Alter weißer Mann oder als schlimmster Sexualverbrechen beschuldigter oder überführter Täter.
Wer als Frau diese und andere Auswüchse toxischer Männlichkeit ignoriert oder gar in Abrede stellt, greift gern zum Gegengift einer ihrerseits toxischen Weiblichkeit.
Decentering und Heterofatalismus
Sie manifestiert sich exemplarisch in Form einer zum gesellschaftlichen Maximalphänomen hochgejazzten Tradwife. Für deren signature move, also die vorauseilende Unterwerfung unter den männlichen Unterwerfer, haben der überwiegende Teil ihrer Geschlechtsgenossinnen nichts als Abscheu und Verachtung übrig. Das destruktive Duo ist ohnehin ganz weit vorn, wenn es um die bevorzugten Emotionen im öffentlich ausgeleuchteten Miteinander der Geschlechter geht. Die Verbrechen etwa der Epsteins, Pelicots und Ulmens werden hier mit persönlichen Dating- und Beziehungsfails zur verabscheuungswürdigen Masse Mann amalgamiert. Es ist eine Abscheu, die sich euphemistisch als Dating-Fatigue oder Decentering, hochgestochen als Heterofatalismus oder unverhohlen in Claims wie #menaretrash Raum greift.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°38: Wozu Männer?
Jetzt im taz shop vorbestellen
Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..
Der Mann selbst steht vor einer Lose-lose-Situation: Widerspricht er, ist er Teil des Problems, schweigt er, ist er das auch, und wer als Mann versucht, sich solidarisch mit dem Schmerz der Frauen zu zeigen, ist ein Opportunist, ein Heuchler oder gleich ein Lauch. So weit, so Internet.
Wie der anekdotischen wohnt auch der digitalen Evidenz eine persönliche Plausibilität inne, als ein ausschnitthaftes Erleben, das sich den Weg über die Meinung in die Gewissheit bahnt. So wie man Geld nicht essen kann, kann man jedoch auch Gewissheiten nicht leben. Das, mal auf Resignation, mal auf unstillbarem Zorn beruhende Diktum, demzufolge Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen, kollidiert stets aufs Neue mit einem unkaputtbaren Bindungswunsch. Der lässt sich pragmatisch angehen, was eher den Männern zu gelingen scheint.
Erlöser statt Provider
Ihr Bedürfnismanagement ist nicht selten von Effizienz geprägt: jemand fürs Bett, für die Familiengründung, als Gesellschaft. Das Ganze in einen mal mehr, mal weniger bürgerlichen Alltag übersetzt und nicht immer allein von einer Frau abgedeckt. Wird es in einem oder mehreren dieser Felder zu anstrengend, heißt es: andere Dame, selber Herr.
Den Bedürfnissen der Männer steht das Sehnen der Frauen gegenüber. Sehnen ist anstrengend und macht anstrengend. Denn, anders als Bedürfnisse, lässt sich das Sehnen nicht managen. Es ist unstillbar, kennt kein Maß und verbeißt sich immer wieder in den Mann als Erlöser. In eben dem Maße, wie Frauen beruflich „ihren Mann stehen“, Väter durch Erzeuger ersetzt haben und ihre „Mädelsabende“ und Frauennetzwerke feiern, wurde das Provider-durch das Erlöserkonzept ersetzt.
Erlösung vor allem von der Zumutung, zu der sich die Welt (natürlich auch und gerade die Männerwelt) geballt hat, eine Zumutung, die aus unseren Geräten in das sogenannte echte Leben quillt, das ja seinerseits bereits aus allen Nähten der Zumutbarkeit geplatzt ist. Der Mann als Verursacher, mindestens Hauptschuldiger dieser Zumutungen, soll, wenn es nach dem magischen Sehnen geht, alles wieder gutmachen.
Das ist so paradox, wie die Liebe selbst, in deren Namen wir unser Sehnen und unseren Glauben ins Gewand der Forderung hüllen: Sieh mich, beschütze mich, liebe mich! Ein kindliches Verlangen, auf dessen Einlösung allerdings allein die Kinder selbst hoffen dürfen, hat man sie sich doch nicht zuletzt „angeschafft“, um ihnen zu geben, wonach sich weiterhin vergebens verzehrt wird: bedingungslose Liebe.
Unter Erwachsenen hingegen ist die Liebe eine Währung mit volatilem Wechselkurs. Das Sehnen zielt auf stabile Werte, die Liebe sagt: Kommt auf die Tagesform an. Weil diese schiefe Rechnung nicht aufgeht, bleiben wie bei jeder erfolglosen Transaktion zwei Optionen: Rückgabe oder Beschwerde. Die erste führt in die neuerliche Einsamkeit, die zweite in den privat oder öffentlich vollzogenen Rant.
Die, angesichts der Nischigkeit dieses Phänomens, erstaunlich langlebige Empörungswelle, die über die Tradwives schwappt, hat schlicht deren Erfolgsmodell verkannt. Tradwives sehnen nicht, sie kochen, schmücken und gebären.
Heike-Melba Fendel ist Schriftstellerin und Journalistin mit den Schwerpunkten Feminismus und Film. Sie ist zudem Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Weitergehend Tätigkeit als Kolumnistin und Co-Redakteurin bei „10nach8“ auf ZEIT online.
Sie sind Pragmatikerinnen des Miteinanders der Geschlechter und darin den Männern gar nicht so unähnlich. Anders als bei sogenannten „Sexarbeiterinnen“ oder neuerdings Leihmüttern, wird in ihrem Fall die feministisch grundierte Kritik an weiblicher (Selbst-)Ausbeutung jedoch keinesfalls mit dem Totschlagargument des „Hauptsache freiwillig, dann isses okay“ abgeschmettert. Obschon – oder weil? – die Gestrigkeit ihres Lebensmodells ihnen ein, und sei es auch nur inszeniertes, Glück im Heute ermöglicht.
Ein Glück, das zu akzeptieren sich vor allem dann verbietet, wenn es einem selbst verwehrt bleibt, jenem Selbst, das die Männer zum Feind in Bett und Brain erklärt und Liebeskummer zum Heterofatalismus umgedeutet hat.
Eines bleibt: Fixierung auf den Mann
Eines verbindet jedoch die Unterwerfung unter den Mann und dessen Bedürfnisse mit der Verdammung des Mannes und dessen Bedürfnissen, und das ist die Fixierung auf den Mann. Ob Heilsbringer oder Unglücksstifter, der Mann bleibt als Herrscher über weibliche Gefühlswelten Fetisch und Machtfaktor zugleich. Wir werden ihn nicht los, wir kommen nicht vor die Welle seiner Selbstgewissheit. Die macht ihn immer wieder zum lachenden Dritten, wenn weibliche Solidarität an vermeintlicher feministischer Unkorrektheit scheitert. Oder wenn Frauen einander zur Gegnerin machen, weil sich der Kampf gegen den Mann zum Kampf um den Mann gewandelt hat.
Nirgends wird das so deutlich wie im Spannungsfeld zwischen der oft schmählich verlassenen Ex und ihrer, vorerst, triumphierenden Nachfolgerin – der Neuen. Ist diese jünger, verkörpert sie für die Verlassene nichts als ein Klischee; ist sie älter, schmerzt die Abwesenheit dieses Klischees. Immer jedoch ist sie narzisstische Kränkung und Unheilsbringerin in einer Person.
Man kann gar nicht so oft I Will Survive hören, wie der Selbstwert in den Keller rauscht, wenn nicht der Tod, sondern der Aufbruch in ein neues Miteinander das vorherige scheidet. Die Tiefe des Abgrundes, in den die Verlassene rauscht, ist nicht nur kongruent mit der Tiefe der Verachtung für den Mann und seine Neue, sie vermisst auch die Fallhöhe einer jeden, sei sie noch so eingeschlafenen Liebesbeziehung, erst recht, wenn sie in Familiengründung und Ehe gemündet war.
Die wird seit Langem bereits weder in Kreuzworträtseln noch überhaupt als „Zweckgemeinschaft mit drei Buchstaben“ kategorisiert. Nicht allein in der Welt der Tradwives, sondern auch in weiten Teilen des sich als feministisch beschreibenden Spektrums gilt sie als Signum des Angekommenseins. Ganz im Sinne des Vintage-Dating-Portals Parship und dessen langjährigem Slogan: „Ich hab’ ihn!“
Das nun könnte ja locker „die Neue“ für sich reklamieren, hätte sie nicht die Vorgängerin vor Augen, deren Schicksal ihr Damoklesschwert ist. Zeigt die Ex doch so leibhaftig wie exemplarisch auf, wohin frau gerät, wenn sie sich weniger auf den Mann als auf ihre Sehnsucht nach ihm einlässt. Sehnsucht, eine noch unsicherere Kantonistin als der Mann, der sich weitere Einwechslungen vorbehält. Oder, um es mit der epochalen Beziehungsweisheit von Nadja Abd el Farrag zu sagen: „Man verliert sie, wie man sie bekommen hat.“
Womöglich ist schlussendlich weniger der Mann der Fetisch weiblicher Projektion als – allen Geschlechterverwerfungen zum Trotz – das Happy End, das man mit ihm erleben und konservieren will, wie es Harry und Sally und all den romantischen Filmhelden und -heldinnen vor und nach ihnen gelungen ist.
Im Sog der Manosphere
Maximale Männlichkeit
Rechte Männer, Verlust und Anerkennung
Der verlorene Mann
Integrationsbeauftrage über Männergewalt
Wozu Männer, Güner Balcı?
Und vielleicht sollte dem Mann nicht allein deswegen die Hauptrolle des Bösewichtes zugeteilt werden, weil er nicht in unserem Film mitspielen will. Dem Liebesspiel tut Typecasting ebenso wenig gut wie ein entlang von Genrevorgaben formatiertes Leben. Nicht zuletzt ist das gänzlich undialektische Konzept Happy End, bei aller Liebe zur suspension of disbelief, nichts als ein Produkt der Traumfabrik. Und damit genauso ein Fake wie das grassierende Männerbild und Meg Ryans Orgasmus.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe taz FUTURZWEI N°38 mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ Hier bestellen im taz Shop.