Zwei Opernpremieren in Berlin: Goldschleppe schlägt Goldkehlchen
Mit prächtigen Kostümen triumphiert Herbert Fritschs „Belshazzar“-Inszenierung am Schillertheater. Unter den Linden glänzt Anna Netrebko.
Etwas mehr als hundert Jahre liegen zwischen den Uraufführungen von Georg Friedrich Händels „Belsazar“ (1745) und Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ (1859). Politische Vorgaben spielten bei der Entstehung beider Werke eine Rolle. Im Falle von „Belshazzar“ (wie es im englischen Original heißt) durfte der Komponist sein Opus nicht Oper nennen, da ein englisches Anti-Blasphemie-Gesetz verbot, biblische Stoffe im Musiktheater zu verwenden.
„Belshazzar“ wurde also als Oratorium deklariert, in dem der Librettist Charles Jennens jedoch listig szenische Hinweise unterbrachte. Gegen die Verdi-Oper „Un ballo in maschera“ wiederum, die ursprünglich am schwedischen Königshof spielte und von der Ermordung Gustavs III. handelte, schritt die Zensurbehörde ein: Königsmord auf der Opernbühne ging gar nicht. Daraufhin wurde die Handlung nach Nordamerika verlegt und der zu Tötende zum Gouverneur degradiert.
Am vergangenen Wochenende hatten beide Werke an Berliner Bühnen Premiere, im Verdi-Falle auch dieses Mal begleitet von leichtem politischem Aufruhr in Form einiger unentwegter Anti-Netrebko-AktivistInnen vor dem Eingang der Staatsoper. Im Anschluss an das Opernerlebnis ist unbedingt festzuhalten: Die russische Österreicherin Anna Netrebko stellt in dieser Inszenierung, die sich vor allem auf ein aufwändiges Bühnenbild (enthält u.a. einen Sendemast und ein Auto) und auf die Strahlkraft der Star-Sopranistin verlässt, den leuchtenden Mittelpunkt dar.
Einerseits ist die physische Intensität ihrer sängerischen Performance außerordentlich. Andererseits verfügt sie über diese besonderen Zaubertöne, die sich gleichsam von ihrem körperlichen Ursprung zu lösen scheinen und seltsam frei im Raum schweben, als kämen sie von irgendwo anders.
Weniger Chor wäre mehr
Es ist nur schwer zu verstehen, warum ein einzelner Ton so ergreifend schön sein kann. Auch die singenden KollegInnen machen ihre Sache sehr gut, beeindruckend unheimlich etwa Anna Kissjudit als Wahrsagerin, das Orchester unter Enrique Mazzola spielt lustvoll Akzente und dramatische Tempiwechsel aus.
Den Chor, der oft in Regimentsstärke herumstehend den Bühnenraum verstopft, würde man sich aber fast um die Hälfte verkleinert wünschen: Ab einer gewissen Phonstärke sind Tonhöhen einfach nur noch schwer zu unterscheiden.
Man könnte auch fragen, ob das monumentale Denken des späten 19. Jahrhunderts auf heutigen Bühnen immer noch nachgebildet werden muss. Auch das Eifersuchtsdrama, das sich um Netrebkos Amelia herum entspinnt, will nicht ans Herz gehen. Es wirkt wie ein nichtssagendes, auf nichts als sich selbst verweisendes Opernklischee.
Ganz anders die Premiere am Abend vorher: An der Komischen Oper hat Regisseur Herbert Fritsch „Belshazzar“ für ein modernes Publikum zugerichtet. Er hat der barocken Vorlage dafür ein kongenial schillerndes – immerhin heißt „barock“ so viel wie „leicht verdreht“ – Gewand verpasst. Das auch ganz im Wortsinne, denn die lange goldene Schleppe, die Belsazar (Robert Murray) hinter sich her zieht und in die er am (oder nach seinem) Ende eingewickelt wird, hat eine wichtige Nebenrolle im Geschehen.
Das spielt sich auf einer großen, den gesamten Bühnenraum füllenden goldenen Treppe ab, über die sämtliche AkteurInnen den Abend über unfallfrei auf- und absteigen, als sei es die leichteste Übung der Welt. Das ist toll für die Optik. Allerdings auch schwierig für die Akustik im Schillertheater, denn die Tragweite des Klangs nimmt überproportional ab, je höher die SängerInnen auf der Treppe stehen.
Die kluge Mutter Nitocris
Fritsch hat den Personengruppen überdeutliche äußere Merkmale zugewiesen, die mit den Rollenzuweisungen der Musik korrespondieren. Das Gefolge Belsazars, zuständig für frivol-höfischen Hedonismus, kommt in bonbonfarbenen, an Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Figuren erinnernden Kostümen daher. Das Heer des Babylon-Eroberers Cyrus (Susan Zarrabi) trägt kulturrevolutionär anmutende Uniformen und Mao-Mützen.
Die in babylonische Gefangenschaft verschleppten Juden sind mit den wagenradgroßen Pelzhüten und Gewändern ultraorthodoxer Schtetl-Juden ausgestattet – eine Karikatur auch sie, die aber musikalisch nicht vorgesehen war. Die schönsten Chöre dieser Oper, innige Gottesanrufungen, intrikat verwobene Fugen, hier zum Atemanhalten schön gesungen vom Vocalconsort Berlin, schrieb Händel genau für diese Personengruppe.
Das Publikum soll mit ihnen mitfühlen – genau wie Nitocris, die kluge und warmherzige Mutter des nichtsnutzigen Belsazar. Die hatte Librettist Jennens nicht in der Bibel, sondern bei Herodot gefunden und zur Hauptfigur des „Oratoriums“ gemacht: Soraya Mafi singt und spielt ihre komplexe Rolle virtuos, mit musikalischem Witz ebenso wie mit majestätischer Würde.
Das Orchester und George Petrou füllen Händels abwechslungsreiche musikalische Dramaturgie mit kontrastreichem Leben. Und am Ende muss es uns nicht mehr leid tun um die Gefangenen, sondern nun um den törichten König, dessen Tod genauso sinnlos scheint, wie sein Leben wohl war. So muss Oper.
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