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Zu Hause shishen wir nichtEin Verb mit Migrationsgeschichte

Shishabars sind weit mehr als nur Orte, an denen geraucht wird. Sie erzählen von Ankunft, Herkunft und Identität – und zwar über Generationen hinweg.

Über die Generationen hinweg: Winter ist die Jahreszeit, in der viele shishen gehen Foto: Andreas Arnold/dpa

V ergangene Woche hat mich ein syrisch-palästinensischer Freund in Hamburg besucht. Als Syrer ist es für mich selbstverständlich, dass ich meine Gäste einlade. Früher gingen wir ins Restaurant, heute ist es manchmal eine Shishabar, denn zu Hause shishen wir nicht.

Ja, ich sage bewusst shishen. Ich habe einmal einem deutschen Bekannten eine Shisha mitgebracht. An seinem Geburtstag haben wir dann gemeinsam geraucht. Viele seiner Freun­d*in­nen waren da. Eine Frau kam zu uns, schaute irritiert und fragte: „Was macht ihr da? Shishen?“ Seitdem liebe ich dieses Wort. Es klingt wie ein Verb mit Migrationsgeschichte – ich hoffe, der Duden nimmt es irgendwann auf.

Es war Winter. Und Winter ist die Jahreszeit, in der viele shishen gehen. Also sind wir nach Wandsbek gefahren. Auf der Wandsbeker Chaussee gibt es inzwischen mehrere Shishabars – fast wie auf der Sonnenallee in Berlin, wo zwei Bars nebeneinander ganz normal sind.

Leider denkt man in Deutschland bei dem Wort „Shishabar“ zuerst an Razzien, Schüsse oder Polizeimeldungen. Wir sind trotzdem hingegangen, ohne viel nachzudenken. Ich selbst gehe nicht oft in Shishabars – nur, wenn ich Besuch habe.

In der ersten Bar trugen viele Alltagskleidung, manche Sportanzüge. In der zweiten Bar trugen fast alle – außer mir – Partykleidung

Die erste Bar am Freitagabend war voll. Wie immer. Nur ein kleiner Tisch neben der Tür war frei. Wir setzten uns, aber nach ein paar Minuten meinte mein Freund: „Lass uns woanders hingehen. Es ist nicht gemütlich.“ Also gingen wir drei Minuten weiter und fanden eine zweite Bar. Auch dort war fast alles besetzt, aber ein Tisch war frei. Wir nahmen ihn.

Und dann begann das Beobachten

Die neue Shishabar war luxuriös eingerichtet. Samt, Spiegel, goldene Details. Auch die Preise waren luxuriös. Es gab viel Alkohol. Viele Frauen saßen dort, oft nur unter Frauen. In der ersten Bar hingegen: nur Männer. Keine einzige Frau. Die Preise dort waren wie gewohnt.

In beiden Cafés waren fast ausschließlich Menschen mit Migrationsgeschichte – Gäste, Kellner*innen, Betreiber*innen. Aber die Atmosphäre war unterschiedlich. In der ersten Bar hörte man Arabisch, Türkisch, Kurdisch und andere Sprachen – Deutsch nur selten. Auch der Kellner sprach dort mit uns auf Arabisch. In der zweiten Bar wurde fast nur Deutsch gesprochen. Mit Akzent, aber Deutsch.

Kleidung erzählte eine Geschichte

Am Nebentisch der zweiten Bar saßen junge Leute, vermutlich in Deutschland geboren. Eine arbeitete im Finanzbereich, einer im medizinischen Bereich und der dritte in der IT. Sie waren gut ausgebildet und selbstbewusst. Sie kamen hierher, um sich zu treffen, zu shishen und zu genießen. „Hier fühle ich mich nicht fremd“, sagte einer von ihnen.

Auch die Kleidung erzählte eine Geschichte. In der ersten Bar trugen viele Alltagskleidung, manche Sportanzüge. In der zweiten Bar trugen fast alle – außer mir – Partykleidung. Ich nenne es Festkleidung. Vielleicht, weil ich aus Syrien komme.

Dort trugen wir neue Kleidung nur zu religiösen Festen. In der Schule trugen wir Uniform. Zu Hause trugen wir einfache Kleidung, manchmal sogar auf der Straße. Partys kannten wir kaum. Zwei Feste im Jahr – das war's.

Zwei Arten, in Hamburg anzukommen

Auf den ersten Blick sind beide Shishabars gleich. Rauch, Musik, Tee, Apfelminze. Aber in den Details erkennt man: Die erste Bar gehört der ersten Generation. Hier wird mit Erinnerungen an die Heimat geraucht. Die zweite Bar ist ein Ort der zweiten und dritten Generation. Es ist eine traditionelle Shishabar, germanisiert mit Alkohol, Loungeatmosphäre und Luxuspreisen. Ein Ort für junge Menschen, die dazugehören wollen – ohne ständig Rassismus erklären zu müssen.

Ein Freund erzählte mir, dass er gemeinsam mit seinen Freunden eines Tages nicht in eine Bar gelassen wurde. „Nur gemischt“, sagte der Türsteher. Mit einer Frau dabei hätten sie rein gedurft. Interessant: Die erste Generation kommt oft mit männlichen Freunden. Die zweite Generation kommt gemischt. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum manche Syrer lieber zu Hause shishen.

Wir blieben bis ein Uhr nachts. Wir redeten viel. Wir lachten viel. Auf dem Heimweg fragte ich mich: Was unterscheidet diese beiden Shishabars wirklich? Nur die Einrichtung? Oder sind es zwei Generationen, zwei Selbstbilder und zwei Arten, in Hamburg anzukommen?

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