Zeichner zum Comic über Bunker Valentin: „Ein Comic funktioniert wie ein Abkühlbecken“
Jens Genehr hat einen Comic über den U-Boot-Bunker Valentin in Bremen gemacht. Darüber spricht er in der Ausstellung „Das Unvorstellbare zeigen“.
taz: Herr Genehr, woher kommt Ihr Interesse am ehemaligen U-Boot-Bunker Valentin in Bremen, der heute ein Gedenkort ist?
Jens Genehr: Das erste Interesse wurde damals durch Freunde beim Sport hier in Bremen geweckt. Die hatten mich gefragt, ob ich dort Führungen machen will. Ich dachte: „Ja klar. Die Geschichte finde ich super spannend.“ Ich war schon immer in antifaschistischen Gruppen aktiv und hab mich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Rückblickend hat mich vor allem die Faszination für das Thema Faschismus und was da zwischen den Jahren 1943 und 1945 beim Bau des Bunkers genau passiert ist, an den Ort gebunden.
taz: Was ist dort passiert?
Genehr: Es sind über 1.000 Zwangsarbeiter während des Baus dieses Bunkers gestorben. Dann wurde der Bunker, bevor er überhaupt fertig war, von den Briten zerbombt.
taz: Sie wollten eine Diplomarbeit zum Thema schreiben. Wie ist dann ein Comic über den Bunker daraus geworden?
Genehr: Als ich angefangen habe, am heutigen Denkort zu arbeiten, habe ich eigentlich noch Psychologie studiert. Der Bachelor war dann fertig und ich hing ein bisschen zwischen den Stühlen. Ich wollte in Bremen bleiben und hab mich dann an der Kunsthochschule beworben. Comics zeichnen war immer schon ein Hobby: nebenbei, als Selbstbeschäftigung, zu zeichnen und Dinge zu reflektieren, die man am Tag so erlebt hat. Es war einfach immer mein Medium, um Sachen, auch emotionale Themen, zu verarbeiten.
taz: Ist der Bunker für Sie ein emotionales Thema?
Genehr: Das Ding betäubt einen erst mal mit seiner Größe. Und man kommt da nicht so wirklich ran, als normaler Besucher. Aber auf dem Dach gibt es einen Teil, wo man Fußspuren im Beton sieht. Die haben sich während des Arbeitsprozesses eingeprägt und reichen bis kurz an die Abbruchkante. Das war ein einprägsamer Moment, als ich das gesehen hab.
taz: Und wie übersetzt man eine so komplexe Geschichte wie jene des Bunkers Valentin in einen Comic?
Genehr: Es geht immer um die Auseinandersetzung mit historischen Quellen zu dem Thema. Ein Comic ist dafür deshalb eine gute Form, weil er ein bisschen wie eine Art Abkühlbecken funktioniert. Und Komik ist besonders gut, weil sie ermöglicht, die Intensität aus dem Stoff zu nehmen und eine andere Distanz zu den Themen einzunehmen.
Lesung und Gespräch Di, 3. März, 19 Uhr, Festsaal der Bremischen Bürgerschaft, Am Markt 20. Der Vortrag findet im Rahmen der Ausstellung „Das Unvorstellbare zeigen – Comics gegen das Vergessen“ statt.
taz: Viele Aspekte der Geschichte sind aber von Gewalt geprägt. Kann ein Comic historische Gewalt wie jene, die die Zwangsarbeiter:innen dort erfahren haben, erfahrbar machen?
Genehr: Ja, auf jeden Fall. Aber das gilt nur mit gewissen Einschränkungen. Es hängt viel mit den Ästhetiken zusammen, die dabei verwendet werden. In meinem Vortrag werde ich darauf eingehen, welche Ästhetik tatsächlich dabei helfen könnte, für die Zukunft etwas daraus zu machen.
taz: An welche Ästhetik denken Sie da?
Genehr: Science Fiction. Der Autor Dietmar Dath hat 2019 in seinem Buch „Niegeschichte“…
taz: … eine Einführung in „Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine“ …
Genehr … verschiedene Ästhetiken in der Fantastik beschrieben. Und die ist dann eigentlich das, was das Unvorstellbare vorstellbar machen soll. Das passt auch gut zu dem Titel der Ausstellung, in deren Rahmen der Vortrag stattfindet: „Das Unvorstellbare zeigen“.
taz: Was bedeutet das für den Fall des Bunkers Valentin?
Genehr: Ich finde es zum Beispiel spannend, darüber nachzudenken, wie der Bunker Valentin im Jahr 2800 aussehen würde. Was ist dann passiert und womit setzt man sich auseinander? Und was hat das mit der Geschichte zwischen 1943 und 1945 zu tun?
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert