Deutsches Erbe in Schlesien: Spuren der Zeit
Deutsche Inschriften an Gebäuden waren in Schlesien früher allgegenwärtig. Eine Ausstellung im Schlesischen Museum Görlitz geht auf Spurensuche.
„Gott mit uns“ grüßt der Schriftzug vom Dach eines Hauses im polnischen Górki (Gorek), einer Ortschaft in der Wojwodschaft Opole (Kreis Oppeln), Oberschlesien. Gelb setzen sich die Ziegel von den anthrazitfarbenen ab. Das Dach des 1906 erbauten Hauses wirkt neu und steril, wie auch der das Haus umgebende Garten. Nicht viel anders als Vorgärten in der deutschen Provinz. Damals soll es in dieser Ecke Oberschlesiens Brauch gewesen sein, seine Initialen oder einen gottesfürchtigen Spruch auf dem Dach eines neu erbauten Heims anzubringen.
Schlesien gehörte seit dem 12. Jahrhundert zum deutschen beziehungsweise deutschsprachigen Kulturraum. Das deutsche Element hatte sich hier schnell durchgesetzt, und Deutsche stellten die Mehrheit der Bevölkerung, bevor Friedrich der Große Mitte des 18. Jahrhunderts die Region annektierte, die damit preußisch und im 20. Jahrhundert Teil Nazideutschlands wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Deutschen, wenn nicht schon geflohen, vertrieben. Der überwiegende Teil Schlesiens wurde Polen zugesprochen, und die kommunistische Regierung verfügte die „Entdeutschung“ der sogenannten wiedergewonnenen Gebiete längs von Oder und Neiße.
Deutsche Spuren und Hinterlassenschaften gab es viele. Ihnen sind der Berliner Fotograf Thomas Voßbeck und der polnische Regionalforscher Dawid Smolorz mit dem zweisprachigen Projekt „Vergessene Inschriften“ nachgegangen: Voßbeck reiste durch Ober- und Niederschlesien und fotografierte. Smolorz lieferte die Hintergründe und Geschichten zu den Fundstellen, die selten an Privathäusern, sondern sich überwiegend an öffentlichen Gebäuden wie Postämtern, Schulen, Bahnhöfen, Geschäften oder auf Kanaldeckeln befanden.
So gesehen ist das „Gott mit uns“ auf dem Hausdach in Górki eher eine Besonderheit. Die Großeltern der heutigen Besitzer mussten den Schriftzug übermalen lassen. Jetzt prangt er wie aus der Zeit gefallen auf diesem Haus.
Zu sehen sind Voßbecks Bilder in einer Ausstellung im Schlesischen Museum in Görlitz, dem verbliebenen deutsch-schlesischen Zipfel im Dreiländereck an der Grenze zu Polen. Ein weiterer kleiner Teil Schlesiens gehört heute zu Tschechien. Das Museum widmet sich der wechselhaften Geschichte der historischen Region Schlesien; statt Revanchismus oder Nostalgie findet man hier eine selbstverständliche und grenzüberschreitende Kooperation mit den Nachbarländern bzw. -regionen. Alle Infos sind auf Deutsch und Polnisch; organisiert hat die Ausstellung Agnieszka Bormann, Leiterin des Kulturreferats Schlesien, das mit dem Haus fest assoziiert ist und ein Begleitprogramm zur Ausstellung bietet.
Fast 800 Jahre lebten viele Deutsche in der Region, bauten Häuser und Brücken, richteten sich in Eiche ein, betrieben Landwirtschaft oder Geschäfte. Die Ausstellung fokussiert sich auf die Inschriften im öffentlichen Raum, die nach 1945 an die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten erinnerten. Viele Inschriften, Werbe- oder Straßenschilder, Wegweiser wurden beseitigt, übermalt, manches aber auch übersehen oder kamen durch Materialmangel und Baufälligkeit im Laufe der Jahre frech wieder zum Vorschein.
Die polnische Autorin Karolina Kuszyk hat in ihrem Buch „In den Häusern der Anderen“ beschrieben, wie sich in dem von Deutschen entvölkerten Teil Schlesiens wiederum Pol*innen ansiedelten, die aus dem der Sowjetunion zugeschlagenen Teil Polens im Osten des Landes kamen. Nicht nur Inschriften, sondern auch Möbel, Haushaltsgegenstände, Kleidung ließen die Fliehenden zurück. Und die Neuankömmlinge richteten sich notdürftig darin ein. Kuszyk hat zum Ausstellungskatalog eine kurze Erzählung beigesteuert. Die dritte oder vierte Generation der polnischen Schlesier*innen entdeckt die Geschichte ihrer Region heute neu.
Unumstritten ist dieses Erbe nicht
Die Diskussion, die um die Wiederherstellung des Namenszuges der „Kaiserbrücke“ in Wrocław/Breslau entstanden ist, zeigt, dass deutsche Hinterlassenschaften bis heute die Menschen in Polen aufwühlen. Und so ist es auch mit einem Teil der „Vergessenen Inschriften“: Manche wurden, wie das „Gott mit uns“ in Górki, restauriert, andere wurden unkenntlich gemacht oder umkodiert. So dient die Ladenaufschrift „Bäckerei–Conditorei“ in Beuthen/Bytom heute als Modelabel der Boutique.
In Schmottseiffen (Pławna Górna) wurde der ehemalige Bahnhof in ein Gemeinschaftshaus umgewandelt: Nachdem das deutsche Bahnhofsschild restauriert und auf Ablehnung gestoßen war, wurde der polnische Name mit einem neuen Schild und Abstand davor geschraubt. So lassen sich beide Schriftzüge lesen.
Voßbecks ruhigen, nüchternen Fotos sind in Farbe, auf die Gebäude fokussiert, Menschen sind selten zu sehen; Bildtafeln und Videos liefern ergänzende Informationen. Für die Ausstellung hat Voßbeck die Inschriften zweimal fotografiert: einmal als Detailaufnahme, einmal als Gesamtansicht, die zeigt, wie klein, unscheinbar oder verborgen sie manchmal waren.
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Unumstritten ist dieses Erbe nicht. Aber mit zeitlichem Abstand kommen nicht nur die alten Inschriften stellenweise wieder zum Vorschein – teils dem Verfall geschuldet, teils neuem Verfall preisgegeben. Auch der Umgang mit dem deutsch-schlesischen Erbe ist freier geworden. Das Schlesische Museum in Görlitz bekommt zunehmend auch Besuch aus Polen.
Schlesisches Museum zu Görlitz, die Ausstellung wurde bis 1. November verlängert.
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