piwik no script img

Zeckensaison startetAufmarsch der Blutsauger

Darüber freut sich niemand außer den Blutsaugern selbst: Mit dem Frühling ist die Zeckensaison gestartet. Was hat das für Folgen?

Winzig aber tödlich, die Zecken Deutschlands schlagen zu Foto: Patrick Pleul/dpa-tmn

980 Fälle von Borreliose, elf von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) bis Mitte April: Wie letztes Jahr auch legen die deutschen Zecken einen besorgniserregenden Saisonstart hin. Das zeigen aktuelle Zahlen des Robert Koch Instituts (RKI).

Die parasitären Blutsauger sorgen in Deutschland jedes Jahr für hunderte Krankenhausaufenthalte und sogar Todesfälle: 2024 starben laut Statistischem Bundesamt 25 Menschen in Deutschland an Folgen eines Zeckenstichs. 15 von ihnen an der bakteriellen Infektionskrankheit Borreliose, neun an der Virus-Infektion FSME.

Mit einer Durchseuchungsquote von 15 bis 25 Prozent kommt Borreliose in heimischen Zecken weitaus häufiger vor als FSME; das Virus tragen nur 0,5 bis 2 Prozent der Spinnentiere in sich. Der entscheidende Unterschied: Bei Borreliose handelt es sich um eine bakterielle, bei FSME um eine Viruserkrankung. „Wenn Sie eine FSME entwickeln und sie sind nicht geimpft, kann das schwerwiegende Folgen haben und sogar zum Tod führen“, erklärt die renommierte Zeckenexpertin Ute Mackenstedt.

Seit 1996 leitet sie das Fachgebiet der Parasitologie an der Universität Hohenheim. Während man gegen Borrelien mit Antibiotika vorgehen kann, lassen sich bei FSME nur die Symptome behandeln. Zwar kann sich jeder, der in einem Hochrisikogebiet lebt, auf Kosten der Krankenkasse gegen FSME impfen lassen. Doch viel zu wenige Menschen nehmen das in Anspruch: „Wir haben in vielen Gebieten zu niedrige Impfquoten. Das reicht eben nicht aus für den Schutz.“

Klimawandel ist schuld

Dass es immer mehr Fälle von FSME in Deutschland gibt, lässt sich laut Ex­per­t*in­nen vor allem auf die Auswirkungen des Klimawandels zurückführen. Dieser wirkt sich gleich mehrfach auf die Zecken aus. Zum einen sorgen die milden Winter dafür, dass die Tiere das ganze Jahr über aktiv sein können. „Wir haben jetzt warme Winter, ohne diese beinharten kalten Wochen, die den Zecken zusetzen können“, so Mackenstedt. Ein weiterer Grund seien die veränderten Migrationsrouten von Vögeln: „Die bringen ihre Zecken samt Untermieter nach Deutschland“. Auf diese Weise können die aus anderen Ländern eingeflogenen Zecken samt Parasiten in Regionen Fuß fassen, die bislang nicht als Risikogebiete für FSME gelten.

Zwar stammen momentan etwa 85 Prozent der bekannten Fälle aus Bayern und Baden-Württemberg, doch FSME trete inzwischen in fast allen Bundesländern auf. „Ich bin nicht alleine, wenn ich ganz Deutschland für ein FSME-Risikogebiet halte“, so Mackenstedt.

Per Zugvogel breiten sich in Deutschland inzwischen auch andere Zeckenarten aus, die an die zukünftig wärmeren und trockenen Klimabedingungen besser angepasst sind. Darunter die Hyalomma, auch Riesenzecke genannt. Wie jede Art hat auch sie ein eigenes Erregerportfolio – sie kann etwa das Krim-Kongo-Fieber (CCHF) übertragen. In Deutschland treten bisher jedoch nur eingeschleppte Einzelfälle auf.

Trotz der steigenden Infektionszahlen betont Mackenstedt, man dürfe sich nicht verrückt machen lassen. „Zecken sind schon seit Millionen von Jahren da, schon viel länger als wir. Die haben schon an den Dinosauriern gesaugt“, erklärt sie. Ein evolutionäres Erfolgsmodell also, das sich mit keinen Mitteln vertreiben lässt. Da bleibt laut Expertin nur eins: „Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben.“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • Meine Empfehlung: In Feld, Wald und Wiese immer eine Mütze auf dem Kopf, ein langärmliges Hemd und lange Hosen. Dann ist man weitgehend geschützt.

    • @Il_Leopardo:

      Und die Haustiere wirksam schützen:



      "Spot-On, Kokosöl, Bernsteinkette oder Zeckenhalsband – Mittel zum Zeckenschutz für Hunde gibt es viele. Doch was hilft wirklich? Und welche Mittel sind aus gesundheitlicher Perspektive das Beste für Ihr Tier?"



      Eine Antwort hier:



      www.geo.de/natur/t...sten-32544472.html

      • @Martin Rees:

        Danke für die Hinweise!

  • Die "Patent-Lösung" wird irgendwann aus dem Gen-Labor kommen u. ist schon in der Pipeline:



    "Bei Zeckenbissen kann eine Impfung vor manchen Folgen schützen, vor anderen nicht.



    Während es gegen die Hirnhautentzündung FSME einen Schutz gibt, fehlt dieser für die Nervenkrankheit Borreliose. Jetzt haben Forschende mehrerer US-Unis einen anderen Ansatz gesucht: Sie wollen per Gentechnik verhindern, dass Zecken die Lyme-Borreliose überhaupt noch übertragen können. Das Prinzip wird Gene-Drive genannt: Dabei werden Tiere mit veränderten Genen in eine Population eingeschleust, um diese als Ganzes zu verändern. Dasselbe wird auch schon bei Malaria-Mücken erforscht und vor allem auch diskutiert.



    Keine Fortpflanzung oder keine Übertragung



    Während die Mücken sich nicht mehr fortpflanzen können sollen, geht es bei den Zecken nur darum, dass sie die Krankheit nicht mehr übertragen. Darum wurden in der Studie bei den Zecken zwei Erbgut-Sequenzen ausgeschaltet, die dafür verantwortlich sein sollen.



    Injektionsnadeln zerbrechen an Zeckeneiern



    Die größte Herausforderung dabei war laut den Forschenden, das veränderte Erbgut in Zeckeneier zu injizieren. Die sind nämlich..."



    Quelle



    deutschlandfunknova.de