Yoga nach Hartmut Rosa: Zwischen „Handeln“ und „Vollziehen“
Echte Energie kommt laut Hartmut Rosa aus emotionaler Verbundenheit. Manchmal reicht eine improvisierte Yogastunde, um diese herzustellen.
E s ist schon hart genug, sich an einem Sonntag aufzuschwingen, um zum Sport zu gehen. Dafür braucht es nicht mal die aktuell herrschenden Sommertemperaturen. Die erschweren das Vorhaben aber deutlich. So war ich doch recht erstaunt, dass der Yogaraum am Steinplatz voll war mit Menschen, die der Hitze getrotzt hatten. Dass dann die Lehrerin nicht kam und die Stunde ausfallen sollte, passte nun so gar nicht zu der Überwindung, die es uns gekostet hatte, hierherzukommen.
Viele packten missmutig ihre Sachen und zogen von dannen. Doch manche blieben zurück. Ich war unschlüssig.
Und dann geschah das, was der Soziologe Hartmut Rosa letzthin in einem Podcast als „Handeln in der Welt“ beschrieb. Rosas Aussage nach gibt es hier einen Unterschied zwischen „Handeln“ und „Vollziehen“. Während sich Letzteres daran orientiert, dass Regeln abgearbeitet und Aufgaben nach Leitfaden ausgeführt werden, wird beim „Handeln“ situativ reagiert, „mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl“, so Rosa. Was den Unterschied mache, sei das Wort „eigentlich“, denn eigentlich ist etwas gegen die Regeln, aber anhand einer bestimmten Situation mache man eine Ausnahme.
In unserem konkreten Fall hieß das: Eigentlich fällt die Stunde aus, weil die Lehrerin fehlt, aber wir, die wir hier zusammengekommen sind, machen trotzdem Yoga. Prompt fanden sich drei Leute, die abwechselnd den Lead übernahmen, uns durch die Asanas führten, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Und wir anderen folgten, dankbar für ihre Initiative und die körperliche Anstrengung. Plötzlich war ich froh, mich aufgeschwungen zu haben, doch geblieben zu sein.
Echte Energie komme laut Rosa aus emotionaler Verbundenheit, wie sie nur konkrete Verbindungen schaffen können: „Ein gutes Gespräch, ein Augenzwinkern beim Bäcker.“
Oder eben aus einer improvisierten Yogastunde an einem heißen Sonntag.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert