Wünsche für das neue Jahr : Gemeinsam durch unsichere Zeiten
Eine deutsche Gesellschaft, die Entsolidarisierung nicht passiv erduldet, sondern aktiv die Zukunft gestaltet – das wünscht sich unser Autor für 2026.
Foto: Ilvy Njiokiktjien/NYT/Redux/laif
A n einem halb sonnigen Tag im Dezember sitze ich im Zug und fahre von Hamburg nach Bayern, um meine Familie zu besuchen und mit ihr die Tage zwischen den Jahren zu verbringen. Während die ziemlich schöne, frostige Landschaft vorbeizieht, kann ich meine Gedanken noch nicht ganz von der Arbeit, den E-Mails und meiner gigantischen To-do-Liste lösen. Ich sehe eine E-Mail der taz-Redaktion, in der mir angeboten wird, über meine Wünsche für 2026 zu schreiben.
Erst denke ich an die große Bühne: Ich sollte wohl über die Lage der Nation schreiben, oder? Über eine grandiose Vision für Europa? Ich blicke meine Frau an, sie rollt mit den Augen. Also schaue ich aus dem Zugfenster und denke an das Persönliche: Gesundheit. Hoffnung. Vertrauen. Dinge, die man erst vermisst, wenn sie fehlen. Doch während der Zug weiterruckelt, frage ich mich, wie eng diese persönlichen Wünsche mit dem Zustand der Gesellschaft verbunden sind. Denn Hoffnung ist nichts rein Privates, oder? Sie wächst oder schrumpft im öffentlichen Raum.
Ich weiß aus meiner persönlichen Geschichte genau, wie schnell Gewissheiten und Sicherheiten verschwinden können. Hoffnung ist für mich kein abstrakter Begriff, sondern etwas, das ich verloren und wieder neu zusammensetzen musste. Deshalb wünsche ich mir für 2026 zuerst solche ganz einfachen Dinge, für uns alle im Einzelnen und in der Gesellschaft. Allerdings weiß ich auch, wie schwer greifbar Hoffnung oder Vertrauen sind, wenn man versucht, sie auf gesellschaftlicher Ebene wiederherzustellen.
Meine Geschichte hängt vielleicht auch mit dem viel genannten Vertrauensverlust in der deutschen Gesellschaft zusammen. Am Anfang war ich eines von vielen Gesichtern, die 2015 ankamen, in einer Zeit, die chaotisch und auch anstrengend war. Hat mich damals jemand in Hamburg herumlaufen gesehen und dabei gedacht, der sollte nicht hier sein?
Sätze, die mich persönlich treffen
Ich erinnere mich an das Ankommen, das Fremdsein, die vielen Fragen, das Umgebensein von einer Sprache, die für mich unbeherrschbar schien. Aber ich erinnere mich auch an eine Offenheit, die heute nicht mehr so oft erwähnt wird. Damals wurde nicht alles richtig gemacht, das wissen wohl alle Beteiligten. Aber vieles wurde überhaupt erst möglich gemacht von Millionen von Menschen, die freiwillig Zeit, Geld, Netzwerke und ihr Zuhause zur Verfügung stellten.
Heute höre ich Sätze, die mich persönlich treffen. Wenn in Landtagen gesagt wird, Syrer seien undankbar. Wenn pauschal von „Rückführung“ gesprochen wird, als ginge es um Aktenordner und nicht um Menschen. Wenn Abschiebung als einfache Antwort auf komplexe Fragen verkauft wird. Dabei geht um Biografien wie meine, mit dem Unterschied, dass ich bereits 2014 vor Krieg und Verfolgung fliehen musste, nicht 2024. Ich wünsche mir für das kommende Jahr, dass wir uns daran erinnern, dass auch die Abzuschiebenden und die Geduldeten ihre Hoffnung verlieren können.
Seit den Krisen der letzten Jahre – Pandemie, Krieg in der Ukraine, Wirtschaftskrise, Demokratieabbau – sagen mir viele, dass wir müde geworden seien. Die Geduld sei weniger geworden, die Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen, auch. Und so komme ich in meinen Gedanken doch wieder bei einer Vision an. Einer Richtung für unsere Gesellschaft, die verbindet, die mehr ist als Krisenmanagement. Dafür brauchen wir ehrliche Gespräche über Herausforderungen und Zumutungen, aber auch über Möglichkeiten und Ziele.
Somit wünsche ich mir also neben Gesundheit, Hoffnung und Vertrauen auch eine mutigere deutsche Politik. Politiker*innen, die den Mut haben, eine Vision zu formulieren, die über Vierjahrespopulismus hinausgeht. Die uns ermöglicht, füreinander und miteinander Verantwortung zu übernehmen, und daraus Gefühle der Sicherheit entstehen lässt.
Für 2026 wünsche ich mir, dass die Gesellschaft wieder sichtbarer wird, in der Menschen mit ähnlichen oder unterschiedlichen Hintergrundgeschichten nicht nur geduldet werden, sondern selbstbewusst dazugehören. Eine Gesellschaft, die sich daran erinnert, dass Solidarität und Mitgefühl keine Ausnahmezustände sind, sondern die Basis für unsere zukünftige Stärke.
Vielleicht ist das meine Vorstellung von Zusammenhalt im Jahr 2026: gemeinsam durch Unsicherheit zu gehen – und sich trotzdem nicht voneinander abzuwenden.
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