Wohnungsmarkt in Russland: Kein Recht mehr auf Wohnen

In Russland gibt es erst seit 1991 einen freien Wohnungsmarkt. Hunderttausende Wohnungskäufer sind Opfer zwielichtiger Bauträger geworden.

Im Vordergrund kleine Hütten, im Hintergrund Hochhäuser

Neue Wohntürme in Odinzowo, sechs Kilometer westlich von Moskau Foto: Sergei Ilnitsky/picture alliance/dpa

Ufa, Hauptstadt der Republik Baschkortostan. Die Zelte stehen gut sichtbar an einer Ausfallstraße. Gegen die Kälte der Nacht haben die Männer eine Holzhütte gebaut, umhüllt mit Plastikplanen. Drinnen gibt es einen Ofen, eine Kochecke und ein paar Liegen.

50 Wohnungskäufer, die seit Jahren darauf warten, in die Siedlung Milow­ski­park einziehen zu können, hatten das improvisierte Camp im vergangenen Sommer organisiert. 80 Tage harrten sie gemeinsam in ihren Zelten aus, um die lokalen Behörden auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind Opfer eines Wohnungsbaubetrugs mit insgesamt mehr als 1.200 Geschädigten.

Nicht nur in der Eine-Million-Einwohner-Stadt Ufa werden viele Viertel durch solche unfertigen Siedlungen oder ganze Reihen von Bauruinen verunstaltet. Man findet sie in der gesamten Russischen Föderation: Am 18. Dezember 2020 veröffentliche das Bauministerium eine Liste von 2.910 unfertigen Gebäuden, an denen nicht mehr gebaut wird.1 Sie stehen in 73 der 85 russischen Regionen, und von dem Baustopp sind etwa 200.000 Personen betroffen.2 Eine von ihnen ist die 60-jährige Ljubow Poslawskaja, die Chefköchin des Protestcamps von Ufa.

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Anfang Oktober, die Stadt hatte ihr Herbstkleid angelegt, zeigte sie uns ihre Handyfotos von den langen Tischen, auf denen sich Berge von Blini türmten, und erzählte, wie sie jeden Abend singend am Lagerfeuer gesessen hatten. „Es gab auch glückliche Momente, wir waren wie eine Familie. Es gab viel Solidarität. Befreundete Künstler haben für uns ein Spendenkonzert veranstaltet, Unbekannte hielten an, um ihre Hilfe anzubieten und brachten Kartoffeln oder Melonen vorbei.“ Es waren ermutigende Tage – nach einem seit Jahren vergeblich geführten Kampf.

Zu Sowjetzeiten wohnte man fast umsonst

Zu Sowjetzeiten wohnte man fast umsonst. Allerdings musste man auf die offiziell zugeteilten Quadratmeter oft jahrelang warten. Die Warmmieten machten kaum 3 Prozent des Durchschnittseinkommens aus, aber dafür lebten die meisten Menschen auch beengt, oft mit mehreren Generationen in Gemeinschaftswohnungen, den sogenannten Kommunalkas. Erst nach der Wende machten die russischen Familien ihre Erfahrungen mit den Fallstricken des freien Wohnungsmarkts.

Die Geschichte der Poslawskis ist eine von vielen. „Es begann mit der Einzimmerwohnung, die meine Großmutter vom Staat bekam“, erzählt Ljubow Poslawskaja. Als ihre Mutter Hauptmieterin der Wohnung wurde, in der sie aufgewachsen war, tauschte sie die Einzimmerwohnung gegen eine etwas größere. Auf diese Weise zog sie mehrmals um. Da man in der UdSSR keine Wohnungen kaufen durfte, lief alles über Tausch, manchmal über eine Kette von einem Dutzend Wohnungen. So konnten viele Familien ihre Wohnverhältnisse deutlich verbessern.

Die meisten standen jedoch auf langen Wartelisten und hofften so, ein paar Quadratmeter mehr zu bekommen. Kinderreiche Familien oder Kriegsveteranen sollten bevorzugt behandelt werden. So auch Poslawskajas Bruder, der 1986 aus dem Afghanistankrieg zurückgekehrt war.

Doch dann verschwand die UdSSR 1991 von der politischen Landkarte. Zwar garantierte Russland als Nachfolgestaat die unter dem vorherigen Regime erworbenen Rechte. Aber diese auch durchzusetzen, wurde immer schwieriger. Die neuen Behörden schafften sie zwar nicht ab, doch sie versuchten, Wohnungszusagen durch einmalige Entschädigungen auszulösen. Poslawskajas Bruder wurden 2013 nach 27 Jahren Wartezeit 530.000 Rubel (damals 12.520 Euro) zugesprochen, die er sofort seiner Schwester lieh, weil die für ihren Sohn eine Wohnung kaufen wollte.

Staatsbeihilfen und Förderung durch Großbanken

Sieben Jahre später wohnen die beiden immer noch in der von der Mutter geerbten Wohnung. „Wir sitzen nicht auf der Straße“, tröstet sie sich, „aber viele Opfer dieses Immobilienbetrugs sind in einer kritischen Lage. Die Leute haben sich verschuldet, sie müssen gleichzeitig den Kredit und die Miete für eine Wohnung bezahlen. Der Staat muss etwas tun.“

Poslawskaja und ihre Mitstreiter von der Eigentümerinitiative hatten niemals mit dem gerechnet, was sie in den darauf folgenden Jahren erleben sollten. Zur Grundsteinlegung für die Siedlung Milowskipark war noch der Präsident der Republik Baschkortostan, Rustem Chamitow, persönlich erschienen. Kinderreiche Familien, Kriegswaisen, Veteranen, Hunderte von Menschen aus einfachen Verhältnissen hatten hier eine Wohnung gekauft, die dank diverser Staatsbeihilfen, vor allem des Programms „Wohnraum für eine russische Familie“, relativ billig war. Auch die Förderung durch große russische Banken wie der Sberbank oder der Rosselchosbank stimmte zuversichtlich.

Heute bieten die unvollendeten Gebäude einen erbärmlichen Anblick. Keine Schule, kein Geschäft, kein Café, keine Spur von der ursprünglich geplanten Infrastruktur. Von 35 Wohnblöcken sind nur sieben fertig und bewohnt. Von den 28 übrigen sind manche zu 85 Prozent fertiggestellt, andere haben erst ein oder zwei Etagen. Bei einigen ist nur das Fundament vorhanden. Ziegelstapel oder Zementsäcke zeugen vom plötzlichen Abbruch der Bauarbeiten.

Schuld daran ist ein Finanzierungssystem, bei dem das Risiko auf die Käufer abgewälzt wird. Der Verkauf der Wohnungen erfolgt auf Grundlage eines „Beteiligungsvertrags am gemeinsam finanzierten Bau“. Die Käufer werden zu Co-Investoren, die dem Bauträger das Geld vorschießen. Dafür zahlen die künftigen Eigentümer pro Quadratmeter 20 bis 40 Prozent weniger als für eine fertige Wohnung. Für den Bauträger hat dies den Vorteil, dass er keine Kredite aufnehmen muss. Mit diesem Finanzierungsmodell, das 2017 noch bei 80 Prozent der neuen Eigentumswohnungen angewandt wurde, konnte man die anfänglichen Schwächen des russischen Bankensystems umgehen. Das Modell sah jedoch keinerlei rechtliche Absicherung und keinen Schutz für die Käufer vor.

Zurück blieben 20.000 verzweifelte Familien

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Im Laufe der Jahre summierten sich die Fälle von schlechter Kostenkalkulation, Bankrott von Baufirmen und organisiertem Betrug samt Korruption und Bestechung. Seit Anfang der 2000er Jahre spricht man von den „betrogenen Investoren“, die eine Wohnung bezahlt haben, von der sie nie etwas zu sehen bekommen. Nach der Finanzkrise von 2008 nahm die Zahl der Firmenpleiten noch zu und entsprechend wuchs die Zahl der Geschädigten.

Der spektakulärste Fall war die Insolvenz der Urban Group, des größten Bauunternehmens in der Region Moskau. Zurück blieben 20.000 verzweifelte Familien, Schulden von 70 Milliarden Rubel (945 Millionen Euro) und 3,5 Millionen Quadratmeter Bauruine. Die „betrogenen Investoren“ organisierten sich in allen Großstädten des Landes. Mit Meetings, Mahnwachen, Protestcamps und Hungerstreiks wollten sie auf sich aufmerksam machen. Die lokalen Medien berichteten regelmäßig über betrügerische Verkäufe, die für die Käufer und deren Familien mit einer finanziellen Tragödie endeten.

Auch Nikita Sinzow hat 2014 eine Wohnung in der Siedlung Milowskipark erworben: 60 Quadratmeter für 2,05 Millionen Rubel (40.235 Euro). Der Koordinator der Eigentümerinitiative Milowskipark erinnert sich noch gut an den Beginn der Bauarbeiten. „Die ersten Häuser wurden sehr schnell hochgezogen. Das war das Schaufenster der Siedlung. Die Leute fuhren vorbei und sagten sich: Das läuft gut, hier können wir kaufen.“ 2016 wurde die Bautätigkeit eingestellt. Ende 2018, unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl in Baschkortostan, wurde sie vorübergehend wieder aufgenommen. Seitdem ist nichts mehr passiert.

Einsame Mahnwache als einzig mögliche Protestform

Sinzow steht vor der imposanten, renovierten Fassade des Regierungsgebäudes aus Sowjetzeiten. Er weiß selbst nicht mehr, wie viele Stunden er hier schon allein mit seinem Plakat gestanden hat. Eine solche Mahnwache ist die einzige spontane Protestform, die in Russland geduldet wird; bereits das Auftreten von zwei Personen gilt als Versammlung und bedarf der Genehmigung.

„Das alles machte mich so müde“, stöhnt Simzow. „Doch leider tut sich nur etwas, wenn wir Lärm machen.“ Besonders ungerecht findet er, dass „die Gauner“ von Kilstroiinvest, dem Bauträger des Milowskiparks, nicht bestraft werden. „Die drei Chefs sind nicht mal im Gefängnis. Einer hat Hausarrest, die anderen stehen unter gerichtlicher Aufsicht.“

Die Behörden haben zwar schon mehrfach versucht, strengere Regeln durchzusetzen. Es gab auch Gesetzesänderungen mit dem Ziel, den „Käufer-Investoren“ größeren Schutz zu gewähren. Seit 2004 ist es dem Bauträger verboten, Geld einzusammeln, bevor er alle Baugenehmigungen erhalten hat. Seit 2010 regelt ein neues Föderationsgesetz die formalen Anforderungen eines Kaufvertrags. Das hat den Betrug jedoch nicht verhindert, denn die zwielichtigen Bauträger sind schneller als die Behörden. So schaffen sie es immer, die Schwachstellen des Systems auszunutzen. Davon kann die Eigentümer­ini­tiative Iglino ein Lied singen.

Notunterkunft in der Datsche

„Unser Bauherr hat die Baugenehmigungen gefälscht, und das Kontrollamt hat es nicht bemerkt“, erzählt eine Geschädigte. Die 54-jährige Mutter wohnt jetzt in einer Datsche außerhalb der Stadt. Sie ist überzeugt, dass die regionalen Behörden mit dem Unternehmer unter einer Decke steckten. „So einen Betrug hätte er nicht ohne Komplizen an der richtigen Stelle organisieren können.“ Sie möchte ihren Namen lieber nicht nennen, denn sie hat schon Drohungen erhalten.

Die 41-jährige Marina und ihr Mann haben 2009 in Ufa für 2,8 Millionen Rubel (63.450 Euro) eine Wohnung in der riesigen Merkur-Anlage gekauft. Sie wohnten mit ihrer Tochter genau gegenüber und konnten aus dem Fenster den Beginn der Bauarbeiten verfolgen. Die 20-stöckigen Hochhäuser sollten dem Viertel ein neues Gesicht geben. Um das Geld aufzubringen, verkaufte das Paar eine Einzimmerwohnung, die Marinas Schwiegereltern 1999 gekauft hatten, und zog in eine Mietwohnung. „Seitdem bezahlen wir 15.000 Rubel Miete. Wir wollten was Größeres und vielleicht auch noch mehr Kinder bekommen. Unsere Tochter war damals 9 Jahre alt, jetzt ist sie 20 und geht an die Universität. Es kommt uns vor, als würden wir seit elf Jahren auf gepackten Koffern sitzen.“

Die meisten Opfer fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, bitten viele verzweifelte Wohnungskäufer Präsident Putin um Hilfe, der ihrer Meinung nach als Einziger das Problem lösen kann. In Ufa-Merkur stand an der Fassade eines unvollendeten Hauses in riesigen Lettern: „Putin, hilf uns!“ Bis 2019, dann wurde die Fassade gestrichen und die Parole ist weg. Aber Marinas Wohnung ist immer noch nicht fertig. „Ich verstehe es nicht“, sagt sie, „Wir sind doch anständige Bürger. Meine Tochter hat ehrenamtlich für die Stadt gearbeitet.“

Sowjetische Kommunalkas in großbürgerlichen Häusern

Der Konflikt um die „besorgten Investoren“ ist gesellschaftlich deshalb so brisant, weil das Recht auf Wohnen seit der Russischen Revolution als Menschenrecht gilt. Jeder Familie sollte eine eigene Wohnung zur Verfügung stehen, lautete das Ideal zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Forderung immer lauter und Ende der 1950er Jahre versprach die KPdSU, das Ziel bis 1980 erreicht zu haben.

Damals wohnten in den Kommunalkas in den ehemals großbürgerlichen Häusern in den historischen Stadtzentren noch mehrere Familien auf engstem Raum zusammen; Barackenlager am Stadtrand waren weit verbreitet. Doch nun begann das große Bauen. Es war die Zeit der fünfstöckigen Plattenbauten, Chruschtschowkas genannt. Zwischen 1955 und 1970 verdoppelte sich in der UdSSR die Zahl der Stadtwohnungen, 127 Millionen Menschen zogen um, die Hälfte der damaligen Bevölkerung.3

Trotz des Baubooms riss die Nachfrage nicht ab. Als die Sowjetunion 1990 am Ende war, wartete immer noch jede vierte Familie auf eine eigene Wohnung. Die Partei hatte ihr Versprechen nicht gehalten, aber doch Erwartungen geweckt, die den Übergang zum Privateigentum und zum Immobilienmarkt überdauerten, aber nur schlecht zu der neuen ökonomischen Realität passten. 1991 verkündete der Staat die kostenlose Privatisierung der Wohnungen. Jeder Bürger konnte einen Eigentumstitel für die Wohnung erhalten, in der er wohnte.

Kostenlose Privatisierung nach 1991

Aufgrund der sehr unterschiedlichen Qualität der Wohnungen funktionierte die Privatisierung nicht wie erwartet. Die Regierung verlängerte mehrmals die Frist. Aus Furcht vor hohen Unterhaltskosten hielten sich die Bewohner baufälliger Wohnungen zurück, zumal wenn sie auf der Warteliste für eine neue Wohnung standen. 2009 waren 75 Prozent der Moskauer Wohnungen privatisiert, zehn Jahre später lag der Anteil bei 88,6 Prozent.4

Parallel dazu versuchte der Staat ab 1992 Hypothekenkredite wie in den USA einzuführen. Auch das ohne großen Erfolg. 2001 und 2002 gab es kaum 10.000 Immobilienkredite über eine Gesamtsumme von lediglich 5 Milliarden Rubel (152 Millionen Euro). In diesen zwei Jahren hat sich das Volumen immerhin fast verdoppelt. Das Wachstum beschleunigte sich zwar – 2004 lag das Kreditvolumen bei 25 bis 30 Milliarden Rubel5 –, aber der Staat wollte mehr. 2007 versprach der russische Präsident, „den Markt zu zivilisieren“, also den Bausektor zu regulieren und zu fördern. Der Wohnungsbau wurde zur „nationalen Priorität“ erklärt.

Als ein Hebel war auch das 2006 eingeführte Mutterschaftskapital zur Anhebung der Geburtenrate6 konzipiert. Das Gesetz sah eine Einmalzahlung von 250.000 Rubel (damals 7.139 Euro, heute 2.786 Euro) für das zweite – adoptierte oder eigene – Kind vor. Die Mütter können selbst entscheiden, ob sie das Geld in die Verbesserung ihrer Wohnsituation, die Ausbildung ihrer Kinder oder in ihre Altersvorsorge investieren wollen. Nachdem zunächst vorgesehen war, die Leistung erst nach dem dritten Lebensjahr des zweiten Kindes auszuzahlen, beschloss die Regierung im Januar 2009, dass das Mutterschaftskapital auch sofort überwiesen werden kann, falls mit dem Geld ein Wohnungskredit bedient wird.

Mutterschaftskapital als Anzahlung für eine Hypothek

In einer groß angelegten Kampagne wurde direkt dafür geworben, das Mutterschaftskapital als Anzahlung für eine Hypothek zu verwenden. „Wir müssen Bedingungen schaffen, damit so viele Bürger wie möglich neue Wohnungen kaufen und mit eigenen Mitteln, vor allem über Hypotheken, ihre Lebensbedingungen verbessern können“, erklärte der damalige Ministerpräsident Putin im Februar 2010 bei einer Sitzung des Föderationsrats über die nationalen Prioritätsprojekte.

Trotz all dieser Bemühungen entsprach das Volumen der ausgegebenen Hypothekenkredite in Russland 2019 nur 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den USA und in der Bundesrepublik entspricht es etwa der Hälfte des jährlichen BIPs, in Frankreich 44 Prozent, in osteuropäischen Staaten wie Polen oder Tschechien 20 bis 30 Prozent. Die russischen Haushalte wollen sich nicht langfristig verschulden. Das ist verständlich angesichts der hohen Zinsen und des unsicheren ökonomischen Umfelds nach der Finanzkrise von 2008 und den Sanktionen der USA und EU, die bewirkt haben, dass seit 2014 für einen Großteil der Bevölkerung die Einkommen schrumpfen.

Nach 30 Jahren Marktwirtschaft ist die Bilanz der Wohnverhältnisse sehr gemischt. Der Anteil von Miete und Nebenkosten am Budget der Privathaushalte hat sich nach Zahlen der staatlichen Statistikbehörde Rosstat zwischen 2000 und 2019 fast verdreifacht – von 6 auf 16 Prozent. Hinzu kommen die Kredite, die in dieser Statistik nicht berücksichtigt werden. Während die Kosten explodieren, wächst die durchschnittliche Wohnfläche pro Person nur langsam. 1995 waren es laut der Nachrichtenagentur Tass 18 Quadratmeter pro Person, 2019 erst 26 Quadratmeter – in Deutschland standen in demselben Jahr einer Person durchschnittlich 47 Quadratmeter zur Verfügung, in den USA sogar 70.

Schutzfonds für die Beteiligung an den Baukosten

Der Staat konnte sein Versprechen, die Wohnungsfrage mit Subventionen auf dem Immobilienmarkt zu lösen, also nicht einhalten. Deshalb wurde versucht, wenigstens die gravierendsten Probleme anzugehen. 2017 wies Putin die Regierung an, das Problem der „betrogenen Investoren“ binnen drei Jahren zu lösen.

Als Erstes wurde ein Schutzfonds für die Beteiligung an den Baukosten eingerichtet. In diesen Fonds müssen die Bauträger 1,2 Prozent der jeweiligen Kaufsumme einzahlen. Des Weiteren sollen regionale Fonds dafür sorgen, dass – je nach der spezifischen Situation vor Ort – unterbrochene Bauarbeiten vollendet oder die Opfer finanziell entschädigt werden.

Der Staat hat auch das Finanzierungssystem reformiert. Die Kaufsumme soll nicht mehr gleich direkt an den Bauträger gehen, sondern erst auf einem Treuhandkonto geparkt werden. Das entsprechende Gesetz trat am 1. Juli 2019 in Kraft. Die Bank finanziert die Ausgaben des Bauträgers nach einem vorab vereinbarten Budget, doch die Kaufsumme wird erst nach dem Einzug in die Wohnung überwiesen. Auch wenn die Baukosten dadurch gestiegen sind, sei mit diesem System das Pro­blem des Wohnungsbaubetrugs „auf dem besten Weg, gelöst zu werden“, meint Natalja Subarewitsch, Professorin für Geografie an der Moskauer Lomonossow-Universität und Direktorin des unabhängigen Instituts für Sozialpolitik.

Subvention für Hypotheken

Außerdem setzt die Regierung auf Neuverschuldung als Mittel zur „Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung“. Im April 2020 hat Putin angekündigt, dass man Hypotheken subventionieren will, um die Zinsen für den Kauf einer Neubauwohnung auf 6,5 Prozent zu begrenzen. Einige Monate zuvor hatte er in seiner Neujahrsansprache an die Nation erklärt, das Mutterschaftskapital werde auch für das erste Kind gewährt und jährlich erhöht. Derzeit beträgt es 483.800 Rubel (5.380 Euro) für das erste Kind und 639.400 Rubel (7.111 Euro) für das zweite Kind oder 155.600 Rubel (1.730 Euro), wenn die Familie bereits ein Mutterschaftskapital für das erste Kind erhalten hat. Insgesamt plant der Staat für 2021 die Auszahlung von 443,3 Milliarden Rubel (5,08 Milliarden Euro) Mutterschaftskapital (2010 waren es 97 Milliarden Rubel).

„Durch diese Maßnahmen gibt es zwar eine größere Nachfrage nach Hypotheken, aber wegen der steigenden Preise wird weniger gebaut“, stellt Su­ba­rewitsch fest. Besonders angespannt ist der Markt in Moskau und Sankt Petersburg, aber auch im Süden der Russischen Föderation. „Seit einigen Jahren gibt es eine starke Binnenmigration in diese drei Gebiete“, beobachtet die Expertin für Sozialgeografie. Familien, die umziehen, müssen eigentlich immer einen Kredit aufnehmen, um die Differenz bei den Immobilienpreisen auszugleichen.

Und die Banken freuen sich über dieses Eldorado der wachsenden Immobilienkredite. „Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir noch auf einem sehr geringen Verschuldungsniveau. Da ist noch Luft nach oben“, meint Natalja Orlowa, Chefökonomin der Alfa Bank. „In den nächsten Jahren hat das Land keine andere Wahl: Die Bevölkerung muss mehr Kredite aufnehmen, wenn sie ihren Lebensstandard halten will.“

Kein Schutz mehr vor Wohnungslosigkeit

Schon seit einigen Jahrzehnten untergräbt das neue Zivil- und Handelsrecht, das den Ausbau der Immobi­lien­kredite begleiten soll, die aus Sowjetzeiten geerbten sozialen Garantien. Viele Russen gehen immer noch davon aus, dass sie nicht aus ihrer Wohnung rausgeworfen werden können, wenn sie nachweisen können, dass sie keinen anderen Ort zum Wohnen haben. Dass dieser Schutz seit 2004 nicht mehr für Immobilien gilt, die mit einer Hypothek belastet sind, ist anscheinend kaum bekannt.

Seit einem Urteil des obersten Gerichts von 2019 können bei einem laufenden Überschuldungsverfahren außerdem Wohnungen gepfändet werden. Dafür genügt der Beweis, dass die Betroffenen mit dem Erlös aus dem Zwangsverkauf und beglichenen Schulden eine ausreichend große Wohnung erwerben können.

Die Anzahl der gepfändeten Wohnungen steigt von Jahr zu Jahr. Laut der Bundesvereinigung der Gerichtsvollzieher ist sie zwischen 2015 und 2019 von 326.447 auf 551.776 gestiegen. Und wenn das Kreditvolumen weiter so wächst, wird sich diese Kurve kaum abschwächen.

Während die Regulierungen in der Bauträgerbranche und die Entschädigung der betrogenen Verbraucher die Hoffnung nähren, dass der russische Immobilienmarkt endlich gebändigt wird, könnte durch die zunehmenden Privatverschuldungen bald ein ebenso brutaler, wenn auch legaler Markt entstehen. Die „betrogenen Investoren“ haben sich organisiert. Es fragt sich nur, ob das auch die überschuldeten Familien schaffen, deren Wohnung gepfändet wurde. Im Widerwillen der Russen gegen Immobilienkredite liegt wohl auch eine böse Vorahnung.

1 „Einheitsregister problematischer Objekte“ (auf Russisch), Einheitliches Informationssystem über den Wohnungsmarkt, Bauministerium.

2 Finmarket, 3. April 2020, www.finmarket.ru.

3 Jane R. Zavisca, „Housing the New Russia“, Ithaca und London (Cornell University Press) 2012.

4 Kommersant, Moskau, 4. Juli 2016.

5 Hélène Richard, „Du troc au marché: le marché immobilier à Moscou“, Autrepart, Bd. 48, Paris 2008.

6 Die Geburtenrate in Russland lag 2006 bei 10,4 pro 1.000 Einwohner. Zwischen 2010 und 2015 kam es zu einem leichten Anstieg (13,3), bis sie 2017/18 wieder auf 11,5 sank.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

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