Wohnungslose in Deutschland: 178.000 Menschen in Notunterkünften
Erstmals gibt es bundesweite Zahlen zu Wohnungslosigkeit. Doch noch hat die Statistik Lücken, etwa weil sie Menschen auf der Straße nicht erfasst.
Den Zahlen nach sind fast zwei Drittel der Menschen in den Notunterkünften Männer, Frauen machen 37 Prozent aus, für rund 1 Prozent der Bewohner:innen wird das Geschlecht als „unbekannt“ angegeben. Über 40 Prozent der Bewohner:innen sind alleinstehend, viele leben in Paarbeziehungen, fast die Hälfte hat Kinder.
Das Durchschnittsalter in den Unterkünften liegt bei 32 Jahren. Die deutsche Staatsangehörigkeit haben rund 30 Prozent, die übrigen Bewohner:innen sind entweder Bürger:innen anderer Staaten oder staatenlos oder haben eine ungeklärte Staatsangehörigkeit.
Aufgeschlüsselt nach Bundesländern zeigt sich, dass in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg die meisten Menschen in Notunterkünften untergebracht waren: gezählt wurden dort jeweils rund 36.000 Personen. In Berlin waren es rund 22.000. Am niedrigsten waren die Zahlen in Sachsen-Anhalt (365 Personen), Mecklenburg-Vorpommern (405 Personen) und Bremen (790 Personen).
„Ein Bild mit Lücken“
Sozialminister Hubertus Heil (SPD) sagte am Donnerstag: „Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter und ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen.“ Mit den neuen Zahlen schärfe man den „Blick des Sozialstaats auf das Thema Wohnungslosigkeit.“
„Es ist gut, dass erstmals flächendeckend belastbare Zahlen vorliegen zu Menschen, die ohne Wohnung leben“, sagt Verena Göppert, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Städtetages. Bisher liefere die Statistik aber „ein Bild mit Lücken“. Die müssten nun „durch geeignete Verfahren“ gefüllt werden.
Auch die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), Werena Rosenke, spricht von einem „Teilbild“. Nicht nur seien Obdachlose außerhalb der Unterkünfte nicht mitgezählt worden, auch andere Fragen seien offen: Etwa die, ob tatsächlich alle Träger von Unterkünften auch Zahlen übermittelt hätten. Unklar sei auch, inwieweit Flüchtlinge in Sammelunterkünften für die Statistik mitgezählt worden seien. Ob anerkannte Flüchtlinge als Wohnungslose gelten, unterscheide sich etwa von Kommune zu Kommune. Die BAGW schätzte die Jahresgesamtzahl der Wohnungslosen in Deutschland 2020 auf 256.000 Personen.
Tatsächlich plant das Statistische Bundesamt weitere Untersuchungen, die die neuen Zahlen flankieren sollen. Im Herbst dieses Jahres will das Bundesministerium für Arbeit und Soziales den ersten Wohnungslosenbericht vorstellen. Ziel sei es, „ein umfassendes Bild über die Struktur von Wohnungslosigkeit hinsichtlich soziodemografischer Merkmale (Alter, Geschlecht, Nationalität) und Dauer der Wohnungslosigkeit“ zu erstellen. Auf dieser Basis soll zusammen mit dem Bauministerium unter Klara Geywitz (SPD) dann ein Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung des Problems umgesetzt werden, der wohl vor allem den Bau neuer Sozialwohnungen beinhalten wird.
Werena Rosenke von der BAGW sagt dazu: „Das wichtigste Ziel muss es sein, langfristig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.“ Außerdem brauche es etwa eine Quotenregelung für Sozialwohnung, die nur an zuvor Wohnungslose vergeben werden sowie eine deutliche Verbesserung der Gesundheitsversorgung für diese Menschen. Zentral sei auch, Präventionsprogramme zu stärken, damit weniger Menschen überhaupt in die Wohnungslosigkeit rutschen.
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Koalitionsverhandlungen
Der SPD scheint zu dämmern: Sie ist auf Merz reingefallen
Parkinson durch Pestizide
Bauernverband gegen mehr Hilfe für erkrankte Bauern
Iranische Aktivistin über Asyl
„Das Bamf interessiert wirklich nur, ob du stirbst“
Anlegen nach dem Crash
Ruhe bewahren oder umschichten
Von Frankreich lernen
Wie man Rechtsextreme stoppt
Strafe wegen Anti-AfD-Symbolik
Schule muss Tadel wegen Anti-AfD-Kritzeleien löschen