„Woche der Kritik“ während der Berlinale: Streit, der Denkräume öffnet
Die parallel zur Berlinale laufende „Woche der Kritik“ erkundet dieses Jahr die Grenzen und Potenziale von Streitkultur. Zentrales Thema ist der Nahostkonflikt.
In den polarisierten Zeiten, in denen wir leben, wird das Reden immer wichtiger, vor allem das Reden miteinander. Auch das Kino kann hierzu beitragen, kann vermitteln oder Diskussionen anregen, wird inzwischen aber auch oft als Mittel zur Agitation ge- oder missbraucht. Gerade auf der Berlinale zeigen sich diese Widersprüche: Politisch soll das Kino hier sein, aber wenn sich FilmemacherInnen politisch äußern, ist es oft auch nicht recht. Was denn nun?
Passend zu diesem Fragenkomplex zeigt sich die diesjährige „Woche der Kritik“ – eine vom Verband der deutschen Filmkritik initiierte Reihe, die seit nun schon über einem Jahrzehnt parallel zur Berlinale läuft – selbst für ihre eigenen Verhältnisse besonders diskussionsfreudig. Unter der Überschrift „Widersprechen, wieder sprechen – Grenzen und Potenziale von Streitkultur“ finden seit Anfang der Woche Veranstaltungen statt, Filmvorführungen mit anschließender Diskussion, in denen Formen der Diskussions- und Streitkultur ausprobiert werden.
Als zentrales Thema erweist sich dabei der Nahostkonflikt, womit sich die „Woche der Kritik“ offenbar bewusst in das diskursive Wespennest der deutschen Öffentlichkeit setzt, das gerade auch bei der Berlinale immer wieder für Kontroversen sorgt. Am Samstag, den 14. Februar, gibt es hierzu im Sinema Transtopia einen Workshop zur „Mediendarstellung des Nahostkonflikts“, leider, vielleicht auch vernünftigerweise, nicht öffentlich.
Die 20 Teilnehmer, die sich im Vorfeld für die Veranstaltung beworben haben, werden dabei anhand von aktuellen und historischen Fernsehberichten über den Nahostkonflikt über Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung eines Konfliktes diskutieren, die gerade in Deutschland aus offensichtlichen Gründen oft heikel erscheint. Diskussionsteilnehmer sind unter anderem der Fernsehproduzent Lars Säfström und auch der taz-Redakteur Daniel Bax.
Archive des öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehens
Weiterer Gast ist der schwedische Regisseur Göran Hugo Olsson, der am Freitagabend in den Hackeschen Höfen seinen jüngsten Film präsentiert, ohne Frage das zentrale Werk der diesjährigen „Woche der Kritik“, und darüber hinaus einer der eindringlichsten Filme, die dieses Jahr im Rahmen der Berlinale zu sehen sein werden.
„Israel Palestine on Swedish TV 1958–1989“ lautet ganz pragmatisch der Titel des dreieinhalbstündigen Found-Footage-Films, der ähnlich pragmatisch wie sein Titel funktioniert: Aus den Archiven des öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehens hat Olsson Berichte über den Nahostkonflikt zusammengetragen, die er nun unverändert zeigt. Zu Beginn jedes Berichts weist eine Texttafel auf den Drehort und Erstausstrahlungszeitpunkt hin, mehr Kontext erscheint nicht nötig.
Warum gerade der scheinbar willkürliche Zeitraum zwischen 1958 und 1989? Das schwedische öffentlich-rechtliche Fernsehen nahm 1957 den regulären Sendebetrieb auf und hatte bis Ende der 80er eine Art Monopolstellung, bevor mit der Privatisierung des Fernsehens, ähnlich wie in Deutschland, Privatsender auf den Markt kamen und die Fernsehlandschaft grundlegend veränderten.
In der Zwischenzeit war der Nahostkonflikt immer wieder Thema im Programm, anlässlich der diversen Kriege, aber auch der Versuche, Lösungen für die verzwickte Situation zu finden. Keine Seite bleibt dabei von Kritik ausgespart, im besten Sinne neutral wird über die Region berichtet, israelische Siedler kommen ebenso zu Wort wie palästinensische Flüchtlinge. Israelische Politiker wie Golda Meir sind ebenso zu hören wie ein scharfer Kritiker der ehemaligen Premierministerin, wohlgemerkt ein jüdischer Israeli, der Meirs Verhalten nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 mit der Politik der Nazis im „Dritten Reich“ vergleicht.
Aus deutscher Sicht mag man bei solchen Vergleichen schlucken. Eine der Stärken des Films ist es, zu zeigen, wie es dem schwedischen Fernsehen auch wegen der neutralen Position des Landes möglich war, gegensätzliche Positionen abzubilden. Stoff für kontroverse Diskussionen bietet er unbedingt.
Mühsames Erklären der eigenen Intentionen
In Zeiten der „Hyperreaktivität“, um den treffenden Ausdruck der Kulturwissenschaftlerin und taz-Kolumnistin Annekathrin Kohout zu verwenden, führen kontroverse, zugespitzte Aussagen allzu oft zu einem Online-Shitstorm, dem meist unweigerlich ein mühseliges Erklären der eigentlichen Intentionen folgt. Dass diese Muster auch Auswirkungen auf Veröffentlichung, auf die Kunst, auf Filme hat, steht außer Frage. Gerade das Festivalkino erweist sich oft als ideologisch simpel, rennt gerne offenen Türen ein und bestätigt ohnehin vorhandene liberale Positionen.
Woche der Kritik, noch bis 17. Februar
Wie es anders gehen könnte, diskutieren unter der Überschrift „Agree to Disagree? – Zur Bedeutung von Kontroversen in der Filmkultur“ am 14. Februar unter anderem die beiden Filmemacher Ruth Beckermann und Radu Jude. Gerade Jude, vor einigen Jahren für „Bad Luck Banging or Loony Porn“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, erweist sich immer wieder als vor keiner Kontroverse zurückschreckender Regisseur, der mit seinen Filmen verstört, aneckt und im besten Sinne zum Streit anregt.
Wobei Streit ebenso wie der Begriff Kritik nicht automatisch negativ verstanden werden sollte, sondern als das, was die Woche der Kritik auch in diesem Jahr wieder zu zeigen versucht: als Anlass für eine im besten Fall kontroverse, auch hitzige, vor allem aber neue Denkräume eröffnende Diskussion. Insofern genau das Gegenteil dessen, was momentan als „soziale Medien“ bezeichnet wird.
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