Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“: Obszönität des Alltags

Der Berlinale-Gewinnerfilm „Bad Luck Banging or Loony Porn“ blickt mit Leichtigkeit in den Abgrund – und stellt Moralvorstellungen auf den Prüfstand.

Emi (Katia Pascariu) liest im Buchladen mit OP-Maske in einem Buch über Sex.

Die Lehrerin Emi (Katia Pascariu) sichtet einschlägige Forschungs­literatur Foto: Neue Visionen

Dieser Sex stand nie unter einem guten Stern, schon bevor das Video im Internet landete. Mitten während des Oralverkehrs klopft Emis Mutter an der Tür und erinnert daran, doch bitte ihre Vitamine abzuholen. Mit einem Video, das eine Lehrerin beim Sex mit ihrem Mann zeigt, nimmt Radu ­Judes neuster Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“, der den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewonnen hat, seinen Anfang.

Sommer 2020 in Bukarest, Alltagsszenen aus der Pandemie. Emi (Katia Pascariu) hetzt durch die Straßen, in einen Spielwarenladen, in dessen Auslage auch christliche Bücher liegen, an einer parkenden Stretchlimousine vorbei, vorbei an Plakatwänden, die neben nackten, gestählten Männeroberkörpern für die Super­kombat Academy Romania werben.

Besuch bei der Schuldirektorin. Deren Mutter liegt im Sterben, die ganze Familie schwirrt durch die Wohnung. Als Emi mit der Direktorin auf den Balkon geht, bemühen sich die Männer in Hörweite zu bleiben. Emis Sexvideo ist im Internet gelandet, die Aufregung ist groß, die Eltern toben, Elternabend steht bevor, Emi droht die Entlassung, sie versucht sich in Krisenmanagement.

Nach dem Gespräch eilt Emi weiter. Besorgungen. In der Spielwarenabteilung eines Supermarkts stöbert sie durch das Angebot, die Kamera schwenkt von der Protagonistin auf verpackte Barbiepuppen. An der Kasse reichen die Wertmarken nicht für den Einkauf einer Frau. Die Frau überlegt eilig, worauf sie verzichten kann. Hinter ihr schimpft eine andere Kundin, es sei ja nicht ihre Schuld, dass die Frau arm sei, sie möge sich beeilen.

„Bad Luck Banging or Loony Porn“. Regie: Radu Jude. Mit Katia Pascariu, Claudia leremia u. a. Rumänien/Luxemburg/Tschechische Republik/Kroatien 2021, 106 Min.

Emi eilt weiter. Ein Auto parkt auf dem Gehweg, als Emi den Fahrer auffordert wegzufahren, wird er vulgär. Eine Werbung zeigt eine junge Frau, die sich eine Süßigkeit in den Mund schiebt: „Ich mag es tief“, eine Ausstellung zum Kriegsende des Ersten Weltkriegs wird mit einer riesigen rumänischen Fahne beworben. Judes Film, der im Untertitel „Skizze zu einem Heimatfilm“ heißt, ist in drei Teile geteilt.

Panorama eines ideologisierten Alltags

Der erste Teil trägt den Titel „Einbahnstraße“. Wieder und wieder schweift die Kamera im ersten Teil scheinbar zufällig ab, rückt die nächste Umgebung der Protagonistin ins Bild: die Barbiepuppe, die sexistische Werbung, den plakativen Patriotismus. Dieses Panorama eines ideologisierten Alltags wird bevölkert von einem Gewusel der Egomanie. Neben der Frau an der Kasse und dem Mann im Auto treten auf: ein kleiner Mann im SUV, der einen Fußgängerüberweg vollparkt, den Motor laufen lässt, ein selbstgerechter Mann, der über einen Transplantationsskandal schimpft.

Gerade mal eine halbe Stunde braucht Radu Jude, um uns den Wahnsinn vor Augen zu führen, in dem wir leben. Unterlegt ist dieses Horrorkabinett unseres Lebens mit einer Tonspur voller Humtata, aus dem das Reaktionäre in allen Sprachen Europas erklingt.

In Teil zwei folgt ein unbarmherziges „Kleines Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder“, darunter Wahrheit, Armee, Blondinenwitze, Geld, Weihnachten, Kinder, Kirche, Familie. Schlagwort für Schlagwort demonstriert Radu Jude, dass es kein Stichwort gibt, hinter dem sich in unseren Gesellschaften kein Horror verbirgt.

Weihnachten feiern nach dem Massaker

Die Armee – ein Repressionsinstrument bei jeder sich bietenden Gelegenheit, Weihnachten – Jahrestag eines Massakers an Juden und Roma, das schnell absolviert wurde, damit die Täter nach Hause konnten, Weihnachten feiern; Kinder – „Politische Gefangene ihrer Eltern“; Familie – sechs von zehn Kindern in Rumänien werden zu Hause geschlagen; Kirche – angesehene Institution, opportunistisch an der Seite der Macht.

In einem Interview kommentiert Radu Jude die Methode des Films: „Ich betrachte Bad Luck Banging … als Montagefilm, weil er das Publikum einlädt, verschiedene Verbindungen zu ziehen und Gegenüberstellungen zu machen zwischen der sogenannten Obszönität dieses Videos und der größeren Obszönität, die uns umgibt, die weit realer und toxischer ist.“

Judes Film gelingt die Balance zwischen dem radikalen Sezieren gesellschaftlicher Moralideologie und der Zugänglichkeit in der Form. Andererseits unterstreichen das Humtata und auch die sonstige Musikauswahl bei aller Leichtigkeit den Blick in Abgründe. Apropos Abgründe: Teil drei, „Praxis und Verstellungen“, zeigt den Elternabend, in dem sich die Eltern über Emi und das Video empören.

Einer der politischsten Regisseure des europäischen Kinos

Bis 2016 war Radu Judes Kino noch deutlich näher am klassischen Erzählkino. 2015 zeigte er die Versklavung von Roma in der Walachei in westernartigen Bildern in „Aferim!“, 2016 griff er die letzten Jahre des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Max Blecher in „Scarred Hearts“ auf. In den Jahren danach begann jener Wechsel zwischen Dokumentarfilmen und Spielfilmen, den Jude bis heute fortführt.

„Tara moartă“ von 2017 kombiniert Fotoaufnahmen eines Dorffotografen mit dem Tagebuch eines jüdischen Arztes und zeigt so den eskalierenden Antisemitismus in Rumänien bis zur Judenverfolgung. „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ (2018) zeigt eine inszenierte Inszenierung. Eine junge Regisseurin plant eine kritische Reinszenierung des Einmarschs rumänischer Truppen in Odessa und die Massaker, die die rumänische Armee dabei beging.

Seit 2017 hat sich Radu Jude zu einem der politischsten Regisseure des europäischen Kinos entwickelt, in dessen Filmen historische Mythenbildung zerpflückt wird, nationale Lebenslügen verblassen und nun eben auch Moralvorstellungen in ihrer Verlogenheit herausgearbeitet werden. „Bad Luck Banging“ ist ein gelungener Film über unsere Gegenwart.

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