Wirtschaftslage in Afghanistan: Gold, Uran – und Instabilität

Wie soll die Wirtschaft Afghanistans unter den Taliban funktionieren? Das Land ist zwar reich an Rohstoffen – dafür mangelt es an anderen Dingen.

Eine afghanische Bauer extrahiert rohes Opium aus Mohn

Roh-Opium wird aus Mohn gewonnen: Bauer in der afghanischen Provinz Nangarhar im Mai 2020 Foto: Ghulamullah Habibi/EPA

BERLIN taz | Eine Aufstellung der Bodenschätze Afghanistans liest sich wie die Wunschliste einer modernen Wirtschaftsmacht. Neben kostbaren Industriemetallen gibt es dort auch Uran, Öl, Kohle und Gas, sogar Gold. Bisher ist jedoch nur ein kleiner Teil der Vorkommen erschlossen. Werden diese Ressourcen nun mit Chinas Hilfe zur Geldquelle der Taliban? Oder bleibt es bei der alten Wirtschaftsstruktur, die auf dem Export von Agrarprodukten beruht?

Die Taliban organisieren nach ihrer Machtübernahme nun auch die Wirtschaft in ihrem Sinne neu. Sie müssen dabei aber ohne die wichtigste Geldquelle der alten Regierung auskommen: die Hilfsgelder aus dem Westen – etwa ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes. Wichtige Geldgeber haben vorerst jegliche Unterstützung eingestellt. Weitere Nachteile der Taliban: In ihren Reihen finden sich kaum erfahrene Wirtschaftsmanager. Zudem werden auch sie Grundprobleme des Landes wie Korruption und Unzuverlässigkeit nicht ohne Weiteres abstellen können.

Unter dem ersten Emirat der afghanischen Taliban von 1996 bis 2001 war die Wirtschaftsleistung bereits von niedrigem Niveau aus kontinuierlich gesunken. Die Flucht gut ausgebildeter Afghanen ins Ausland und internationale Sanktionen waren ein Grund für den Niedergang. Ein weiterer die Prioritäten der Taliban, denen religiöse Ziele wichtiger als Entwicklung waren. Ein Bericht der Weltbank nannte das, was die einrückenden westlichen Truppen vorfanden, eine „Opium-Drogen-Wirtschaft“. Afghanistan hatte 2004 gleich zwei Negativrekorde erreicht: Es war nach Pro-Kopf-Einkommen auf den weltweit drittletzten Platz abgerutscht. Und es war Weltmarktführer beim Export des Grundstoffs für Heroin.

Jetzt droht eine Rückkehr zu diesem Muster. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Wirtschaft zwar stabilisiert, der Wohlstand zugenommen. Doch das lag zu einem guten Teil am Geld der westlichen Mächte. Dazu kamen noch die Ausgaben von Mitarbeitern der Armeen und Nichtregierungsorganisationen. Sie schufen Nachfrage nach Waren und brachten Devisen ins Land. All das fehlt jetzt. Eine florierende Industrie oder gar einen Techniksektor hat Afghanistan nicht.

China ist interessiert

Auf der Habenseite gelten die heutigen Taliban jedoch als pragmatisch. Und sie können möglicherweise mit einem technisch und finanziell starken Partner zusammenarbeiten: China. Nur wenige Stunden, nachdem die Taliban Kabul überrannt hatten, kündigte eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking „freundschaftliche Kooperation“ mit den neuen Herren an. Zuvor hatte Chinas Außenminister bereits eine Delegation der Taliban in Peking empfangen.

Die potenzielle Bedeutung der Bodenschätze des Landes ist gewaltig. Der afghanische Topdiplomat Ahmad Shah Katawazai bezifferte ihren möglichen Wert auf über 1.000 Milliarden Dollar. Lithium soll es geben, der Grundstoff für Auto- und Handybatterien. Afghanistan hat auch Vorkommen an Seltenen Erden, Metalle, die für Elektromobilität und Mobilfunk wichtig sind. Außerdem gibt es Kupfervorkommen. Dessen Preis als Material für Drähte und andere elektrische Leiter ist zuletzt immens gestiegen.

Expertin: Harte Nuss auch für China

Europäische Experten sind jedoch skeptisch. „Im Gesamtbild ist es unwahrscheinlich, dass China in absehbarer Zeit hohe Investitionen in Afghanistan tätigt“, sagt Francesca Ghiretti, Expertin für Wirtschaftsbeziehungen in Zentralasien bei dem Berliner Forschungsinstitut Merics. Peking halte sich zwar alle Optionen offen. Doch die Vorbedingungen für die Erschließung der Bodenschätze ist Stabilität, und die könnten die Taliban derzeit kaum bieten.

„Chinesische Investoren zeigen sich ohnehin zuletzt weniger risikobereit“, beobachtet Ghiretti. Afghanistan mit seinen rivalisierenden Gruppen, den Anschlägen von Terroristen und der Korruption sei auch für die sehr abgebrühten chinesischen Bergbaufirmen eine harte Nuss.

Ein Beispiel für die Probleme sind die Kupfervorkommen in Mes Aynak. Zwei chinesische Staatsbetriebe hatten hier 2008 eine Lizenz zum Abbau des kostbaren Metalls erhalten. Die Mine in Afghanistan könnte die zweitgrößte ihrer Art weltweit sein. Doch bis heute wurde an dem Standort südöstlich von Kabul nichts gefördert. Zwischen den chinesischen Akteuren und der Regierung in Kabul kam es zu einem langen Vertragsstreit um die Verarbeitung des Kupfers.

Außerdem flossen erste Investitionen und Entschädigungen für Anwohner offenbar in dunkle Kanäle. Die Investoren haben inzwischen entnervt aufgegeben. Das verheißt nichts Gutes für andere mögliche Projekte. Raffaello Pantucci von der S. Rajaratnam School of International Studies in Singapur nennt chinesische Investitionen in Afghanistan derzeit daher „einen Mythos“.

Das Land bleibt daher wohl auch unter den Taliban eine vormoderne Ökonomie mit Fokus auf Landwirtschaft. Die größten legalen Exportgüter sind Rosinen, Walnüsse, Mandeln, Feigen, Pinienkerne und getrocknete Aprikosen, die vor allem nach Indien und China geliefert werden. Deutschland hat solche Produkte zuletzt nur im Wert von rund 80.000 Euro im Jahr eingeführt. Insgesamt belief sich der bilaterale Handel auf gerade mal 70 Millionen Euro.

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