Willy Brandt kniet umringt von Fotografen vor dem Denkmal

Willy Brandt am 7.12.1970 vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto Foto: Sven Simon/ullstein bild

Willy Brandts Kniefall vor 50 Jahren:Der zensierte Antifaschist

Die Geste des Kanzlers vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos ist berühmt. Doch Polens Bürger erfuhren damals nichts von dem Akt der Versöhnung.

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7.12.2020, 08:05  Uhr

Im protokollarisch festgelegten Tagesablauf des 7. Dezember 1970 in Warschau sind zwei Kranzniederlegungen und die Unterzeichnung des „Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen über die Grundlagen der Normalisierung ihrer gegenseitigen Beziehungen“ vorgesehen.

Auf der Fahrt von Schloss Wilanow ins Zentrum Warschaus kann sich Brandt ein Bild der Stadt machen. Schon kurz nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 hatten die deutschen Besatzer Warschau in drei Wohnbezirke eingeteilt. Zuerst fährt Brandt durch den ehemaligen deutschen Wohnbezirk mit SS-Kasernen, Polizei- und Gestapozentrale. Dort war fast nichts zerstört worden. Dann geht es durch den ehemaligen polnischen Wohnbezirk in der Innenstadt mit den zerstörten und bis 1970 wiederaufgebauten Prachtstraßen Neue Welt und Krakauer Vorstadtstraße, um schließlich in den ehemaligen jüdischen Wohnbezirk einzubiegen, wo 1970 noch immer Ruinen aus dem verkohlten Ghetto zwischen hässlichen Neubauten standen.

„Dass Brandt spontan vor dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettoaufstands niederkniete, hat mich damals tief berührt“, bekennt Marian Turski. „Eigentlich sollte der deutsche Kanzler dort nur einen Kranz niederlegen“, erklärt der heute 94-jährige Holocaust-Überlebende. „Doch dann ging Brandt symbolisch vor den Millionen jüdischer Opfer der Nazis in die Knie und bat stumm um Vergebung.“

Partnerschaft 50 Jahre nach dem Kniefall Willy Brandts hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Bedeutung der deutsch-polnischen Beziehungen gewürdigt. „Die Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen ist eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft“, sagte Steinmeier in einer Videobotschaft. Steinmeier begrüßte den Beschluss des Bundestags, ein Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin zu errichten. „Dieses Denkmal setzt ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen. Es soll uns zugleich Mahnung für eine bessere Zukunft sein“, sagte er.

Botschaft Der frühere EU-Ratspräsident Donald Tusk rief Europas Politiker dazu auf, sich ein Beispiel an Brandt zu nehmen. In einer Videobotschaft erinnerte Tusk daran, dass Brandt seinen Kniefall mit dem einfachen Satz beschrieben habe: „Man musste irgendetwas tun.“ Diese Botschaft sei heute so gültig und so wichtig wie eh und je. (dpa)

Doch diese Versöhnungsgeste, so Turski, sei in Polen ohne jeden Nachhall verpufft: „Die meisten Polen haben nie davon erfahren. Die Zensur gab das Bilderverbot ‚Kein kniender Kanzler!‘ heraus, in den Medien erschienen nur kurze Artikel, und dann begannen auch schon die Arbeiterunruhen an der Ostseeküste, die am Ende zum Sturz der Regierung führten. Der Besuch Brandts war kein Thema mehr.“

Der 7. Dezember 1970

Der 7. Dezember 1970 ist ein nasskalter Tag, der Himmel grau verhangen. Wie immer kreisen über dem riesigen Platz mit dem einsam aufragenden Denkmal der Helden des Ghettoaufstands von 1943 die Krähen. Hier hatten am 19. April 1943 die letzten jüdischen Bewohner des Warschauer Ghettos ihre deutschen Peiniger mit selbst gebauten Molotowcocktails, Granaten und Pistolen angegriffen. Hier tobten einen knappen Monat lang die heftigsten Kämpfe, bis schließlich SS-General Jürgen Stroop am 16. Mai voller Genugtuung nach Berlin meldete: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“

Am 7. Dezember 1970 warten vor dem Denkmal bereits zahlreiche Reporter und etliche Neugierige auf den deutschen Kanzler. In der Luft liegt der intensive Geruch von billigem Holz- und Kohlehausbrand. Als Brandt, der Minuten zuvor am Grabmal des unbekannten Soldaten einen Kranz niedergelegt hat, an der Zamenhof-Straße aussteigt, muss er die ungeheure Leere des riesigen Platzes erkennen. Vor dem Krieg lebten in Warschau über 350.000 Juden und Jüdinnen. Es war nach New York die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft weltweit.

Ein Soldat trägt den Kranz die Stufen zum Denkmal hinauf. Die Tafel unter den Bronzefiguren kann Brandt nicht lesen, denn die Aufschrift ist nur in Polnisch, Jiddisch und Hebräisch verfasst. „Das jüdische Volk – seinen Kämpfern und Märtyrern“ steht dort. Als Brandt die Schleife am Kranz zurechtrückt, tritt er ein paar Schritte zurück und sinkt auf der untersten Stufe des Denkmals auf die Knie, legt die Hände zum Gedenken zusammen und senkt den Blick. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich das, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Und auch: „Am Tage des Geschehens sprach mich keiner meiner Gastgeber hierauf an. Ich schloss daraus, dass auch andere diesen Teil der Geschichte noch nicht verarbeitet hatten.“

Bronzetafel die Willy Brandts Kniefall zeigt

Die Tafel in Warschau erinnert an den Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt 1970 Foto: Stefan Boness/IPon

Aleksander Kwaśniewski, Polens Präsident in den Jahren 1995 bis 2005, war damals 16 Jahre alt. „Ich kann mich ganz genau an den Besuch von Willy Brandt erinnern“, erzählt er. „Denn damals lebte ich noch mit meinen Eltern in Bialogard, dem früher deutschen Belgard in Westpommern. Wir hatten große Angst, dass die Deutschen eines Tages zurückkommen und uns aus unserer neuen Heimat vertreiben könnten.“

Die Familie hört regelmäßig den US-Sender Radio Free Europe, ist also nicht auf die zensierte Parteipresse angewiesen. „Für uns war der Vertrag über die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als neue Westgrenze Polens am wichtigsten“, sagt Kwaśniewski und streicht sich mit den Hand über den grauweißen Bart, der das Gesicht des heute 66-Jährigen umrahmt. „Dann kam die Nachricht vom Kniefall Brandts in Warschau. Das war schon sehr spektakulär und emotional!“, bekennt er.

Aleksander Kwaśniewski, früherer Präsident

„Wir hatten große Angst, dass die Deutschen uns eines Tages aus unserer Heimat vertreiben könnten. Dann kam die Nachricht vom Kniefall Brandts. Das war schon sehr, sehr emotional!“

Zumindest in seiner Familie hätten alle gewusst, dass Brandt Antifaschist war und den Krieg im Widerstand in Norwegen und Schweden verbracht hatte, ihn persönlich also keine Schuld traf. „Er musste nicht knien“, so Kwaśniewski heute. „Um so bedeutsamer schien uns die Geste. Allerdings hatten wir damals den Eindruck, dass Brandt uns alle um Vergebung bitten wollte – Polen, Juden, Europäer – für das gesamte Leid, das die Deutschen den Menschen im Zweiten Weltkrieg angetan hatten.“

Eine wirkliche Diskussion darüber, wen Brandt 1970 in Warschau eigentlich um Vergebung gebeten hatte, kam erst nach der politischen Wende 1989 und dem Wegfall der Zensur in Polen auf. Insbesondere Polens katholische Kirche sieht die Versöhnungsgeste Brandts gern in der Nachfolge des Bischofsbriefwechsels von 1965. „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, schrieb das Episkopat in seinem Einladungsbrief zur 1.000-Jahr-Feier der katholischen Kirche Polens an die deutschen Bischöfe.

Die kommunistische Partei war empört über das Vorpreschen der Geistlichen. Denn in der offiziellen Propaganda musste Westdeutschland als Hauptfeind Polens herhalten, der angeblich nur auf den richtigen Augenblick wartete, um Polen erneut zu überfallen und die ehemaligen deutschen Ostgebiete an sich zu reißen. Die Partei warf Polens katholischen Bischöfen Landesverrat vor und rief Arbeiterkollektive zu Protesten auf.

Die deutschen Bischöfe nahmen damals zwar die Einladung an, reagierten aber eher kühl auf den eigentlichen Inhalt des Briefs. Denn dieser kannte zwar zum ersten Mal das Leid der deutschen Vertriebenen an, setzte aber die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als selbstverständlich voraus. Im Kniefall Willy Brandts erkannte Primas Stefan Kardinal Wyszynski die von ihm ersehnte Antwort auf den polnischen Bischofsbrief von 1965, ausgeführt zwar von einem protestantisch geprägten Sozialdemokraten, aber doch im christlichen Geiste der Versöhnung.

Das Ghetto-Denkmal

Überlebende des Holocaust hatten schon 1945 inmitten der Ruinen des Ghettos ein erstes bescheidenes Denkmal zu Ehren der von den Deutschen ermordeten Juden errichtet. Drei Jahre später, zum fünften Jahrestag des Aufstands, enthüllten sie wenige Meter entfernt das elf Meter hohe Denkmal der Helden des Warschauer Ghettoaufstands. Die grauen Labradorit-Steine aus Schweden hatte noch Hitlers Baumeister Albert Speer für einen Triumphbogen bestellt. Polens Juden aber, die nach 1945 die Steine geschenkt bekamen, türmten sie nun so auf, dass sie an die Klagemauer in Jerusalem erinnerten.

Der Bildhauer Natan Rappaport, der den Zweiten Krieg in Belarus, Kasachstan und Sibirien überlebt hatte, schuf in Paris die überlebensgroßen Bronzefiguren mit dem jugendlichen Anführer des Aufstands, Mordechai Anielewicz, in der Mitte. Er gab allen Kämpfern Waffen in die Hand. Die junge Frau hingegen, die ein Kind vor den Flammen zu retten versucht, gibt die Interpretation des Denkmals vor: Im Aufstand kämpften Juden und Jüdinnen um Leben, Freiheit und Menschenwürde. Sie ist dem berühmten Bild „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugene Delacroix nachempfunden. Als wichtiges religiöses Symbol stellte Rappaport den Aufständischen rechts und links jeweils eine steinerne Menora mit Löwen zur Seite. Auf den Willy-Brandt-Fotos, die später um die Welt gingen, sind die siebenarmigen Leuchter allerdings nicht zu sehen, da hier die Fotografen standen.

Das Ehrenmal steht vor einer Häsuezeile

Das Ehrenmal in der Warschauer Innenstadt heute Foto: Daniel Kalker/picture alliance

Heute, 50 Jahre nach Brandts Kniefall, sieht der Platz um das Denkmal völlig anders aus: In seiner Mitte erhebt sich das vielfach preisgekrönte Geschichtsmuseum der polnischen Juden, POLIN. Davor steht nach wie vor zentral das Mahnmal. Schräg hinter dem Museum auf dem kleinen Willy-Brandt-Platz befindet sich ein kleines Denkmal aus roten Ziegelsteinen und einer Bronzetafel. Es erinnert seit dem Jahr 2000 an den Kniefall Willy Brandts.

Die Erinnerung verblasst

„Wenn mein Vater mir das Denkmal nicht gezeigt hätte, wüsste ich wahrscheinlich bis heute nichts vom Kniefall Willy Brandts“, sagt Miriam Bartosik, die bis vor Kurzem auf die jüdische Lauder-Morasha-Schule in Warschau gegangen ist. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in der Schule über die Geste Brandts gesprochen hätten“, sagt die 18-Jährige. „Auch ein Foto habe ich nie gesehen. Gut, dass es das Denkmal gibt, auf dem der kniende Brandt und die Menora zu sehen sind.“

Auch die Germanistin und Stadtführerin Anita Borkowska kann sich an keine Schulstunde über Versöhnungsbitten oder -gesten von deutschen Politikern erinnern. „Wenn ich heute polnischen Gruppen Warschau zeige und manchmal auch das Brandt-Denkmal, sind immer alle ganz erstaunt – über das Denkmal, über den Platz und auch über die Geste Willy Brandts“, erzählt die 34-Jährige.

Krzysztof Ruchniewicz, der Direktor des Willy-Brandt-Zentrums in Wrocław/Breslau, beklagt, dass der Jahrestag offiziell nur auf Staatssekretärsebene stattfindet. „Und wenn man hört, wie Politiker der regierenden Nationalpopulisten heute über die Deutschen herziehen“, so Ruchniewicz bedauernd, „kann man sich fast in die Zeit der Volksrepublik und ihrer Propaganda zurückversetzt fühlen. Versöhnung sieht dann doch etwas anders aus.“

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