Wieder Proteste in Iran: „Payandeh Iran“ rufen die Studierenden
An mehreren Universitäten gedenken junge Iraner ihren getöteten Kommilitonen. Daraus werden Proteste – und Rufe nach dem Sohn des gestürzten Schahs.
Knapp zwei Monate nach dem ersten Ausbruch der Proteste in Iran wird an neun Universitäten in Teheran und Maschhad am Wochenende erneut demonstriert. Die Studierenden rufen Slogans wie „Lang lebe der Schah“ und „Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückkehren“ – ein Ruf nach Reza Pahlavi, im Exil lebender Sohn des gestürzten einstigen Schahs. Mehr als zwei Tagen halten die Proteste nun bereits an, unter anderem an der Amir-Kabir-Universität für Technologie, der Universität Teheran und der Medizinischen Universität Maschhad.
Nach der brutalen Niederschlagung der Demonstrationen am 8. und 9. Januar 2026 war die iranische Gesellschaft zunächst in ein fassungsloses und bedrücktes Schweigen versunken. Dann sendeten große Protestkundgebungen, die von Iranerinnen und Iranern im Ausland – in München, Los Angeles, Toronto und anderen Orten – organisiert wurden, an die Menschen in Iran und an die internationale Gemeinschaft eine starke Botschaft.
Einige Tage später, am vierzigsten Tag der Trauer um die Getöteten – ein bedeutender traditioneller persischer Gedenktag – versammelten sich trauernde Familien und Demonstranten auf den Friedhöfen. Neben den Gräbern der bei den Protesten Getöteten skandierten sie gegen die Islamische Republik.
Nun also die Universitäten. Am 20. Februar 2026 – dem ersten Tag der Wiedereröffnung der Universitäten nach den Protesten – zeigten Studierenden auf einigen Campus ihre Haltung. Die Demonstrationen, geprägt von Parolen gegen den Obersten Führer der Islamischen Republik Ali Khamenei, eskalierten in Gewalt. Am zweiten Tag schlossen sich weitere Universitäten den Protesten an.
Ein Gedenkaltar für getötete Kommilitonen
Die taz konnte am Sonntag mit Studierenden zweier Hochschulen in Teheran über die Proteste sprechen. Nach ihrem Bericht haben sich die Zusammenstöße verschärft. Ihnen zufolge greifen Basij-Kräfte der Universität die Studierenden an. Die hätten sich daraufhin verteidigt. Zwar gibt es bislang keine bestätigten Berichte über Massenverhaftungen – doch lassen frühere Muster vermuten, dass die Islamische Republik in den kommenden Tagen viele Studierende festnehmen könnte.
Einer, der an den Protesten an seiner Universität in Teheran teilnimmt, ist Hamed, 21 Jahre alt. In einer langen Sprachnachricht beschreibt er der taz die Details der gestrigen Versammlung an seiner Universität. Laut Hamed hatten die Studierenden zunächst friedlich einen Gedenkaltar für ihre getöteten Kommilitonen errichtet. Sie hätten neben dem Schrein gestanden und ruhig und leise gesungen. Dann seien die Basij-Kräfte der Universität, die zu den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) gehören, gekommen, hätten unter anderem „Allahu Akbar“ gerufen.
Was zunächst nur Gesänge waren, zur Erinnerung an ihre gefallenen Freunde, sei dann Protestrufen gewichen: Etwa „Lang lebe der Schah“. Hamed sagt: Die Basij-Mitglieder hätten begonnen, die Gesichter der protestierenden Studenten zu filmen. Sicherheitskräfte zeichnen routinemäßig die Gesichter von Demonstranten auf, um sie identifizieren und später verhaften zu können.
Hamed erzählt weiter: Die Basij hätten einen Studenten daran gehindert, auf der Bühne eine Erklärung vorzulesen. Und ihm gedroht: Die Revolutionsgarden seien bereits auf dem Weg, um ihn festzunehmen.
„Lang lebe Iran“
Auch Armin, ein Student derselben Universität in Teheran, hat die Szene miterlebt. Der taz schickt er dazu eine Sprachnachricht, sein Bericht deckt sich mit dem von Hamed. Er ergänzt: Obwohl die Basij zahlenmäßig deutlich unterlegen gewesen seien, hätten sie versucht, die Versammlung durch Rufe und Provokationen zu einer physischen Auseinandersetzung eskalieren zu lassen.
Armin sagt: Mindestens 500 Studenten hätten direkt im Innenhof der Universität protestiert, viele weitere das Geschehen aus der Ferne verfolgt. Auch er betont: „Payandeh Iran“ („Lang lebe Iran“) und „Lang lebe der Schah“ seien von den Demonstrierenden am meisten skandiert worden.
Auch Matin nahm an den Protesten teil. Der 24-Jährige ist quasi Veteran, wurde während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste inhaftiert. Er studiert an einer anderen renommierten Universität in Teheran. Auch dort wurde am Wochenende protestiert. In einer Sprachnachricht an die taz erklärte er: Die Studierenden hätten die Versammlung am Vorabend über Gruppen in sozialen Netzwerken koordiniert. Er sagt: Auch gegen das klerikale Establishment, linksgerichtete Fraktionen und die sogenannten Volksmojahedin hätten sich die Rufe der Protestierenden gerichtet.
Trotz all der Gewalt im Januar protestiert die iranische Gesellschaft weiter – auf Friedhöfen und in Universitäten. Trotz wohl Zehntausenden Toten und noch mehr Inhaftierten sind sie entschlossen: Das Regime muss weg.
Die Autorin war im Jahr 2024 Stipendiatin des Refugium-Projekts der taz Panter Stiftung und Reporter ohne Grenzen.
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