: WenndasWassersteigt
Wilhelmshaven ist laut dem Klima-Risikoindex die Stadt in Deutschland, die am stärksten vom Klimawandel bedroht ist. Aber mit Gefahrensituationen, sagt der Bürgermeister, kennt man sich in der Stadt aus
Aus Wilhelmshaven André Zuschlag
Am östlichen Eingang zur Wilhelmshavener Marktstraße, der Einkaufs- und Flaniermeile der Stadt, sind die Schaufenster eines leer stehenden Geschäftshauses überklebt. „Wir machen grün statt grau“, steht da auf einem in dicken Lettern, um für das städtische Projekt zu werben, das eine „klimaresiliente Innenstadt“ schaffen will. Doch das Gegenteil einer grünen, an die Klimaerhitzung angepassten Innenstadt zeigt sich gleich daneben: Die Marktstraße ist vollflächig gepflastert, bis zum anderen Ende ein paar Hundert Meter hinunter. Auf den grauen, rechteckigen Steinplatten sammelt sich das Wasser von den vergangenen märztypischen Regenschauern mittig der Länge nach. Erst in den abgehenden Seitenstraßen finden sich hier und da einige Bäume, denen auch ein wenig ungepflasterter Boden eingeräumt wurde.
Wie viele deutsche Städte hat Wilhelmshaven nicht nur ein ästhetisches Problem mit seiner Innenstadt – worauf eine „klimaresiliente Innenstadt“ einerseits eine Antwort sein soll, indem es sie laut Fensterbeklebung zum „attraktiven Lebens- und Arbeitsort“ transformieren will. Wilhelmshaven hat aber vor allem ein Problem, das ein paar Relevanzstufen über der ästhetischen Frage steht: Wie rettet man eine Stadt, über die die Klimakrise mit ziemlicher Gewissheit in den kommenden Jahrzehnten hinwegfegen wird?
Die 75.000-Einwohner:innen-Stadt in Niedersachsen landete beim Ende vergangenen Jahr veröffentlichten „Klima-Risikoindex“ auf Platz eins. Das Institut der deutschen Wirtschaft und die Ergo-Versicherung hatten für alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland eine Gefahrenprognose erstellt (siehe Grafik), wie risikobehaftet sie jetzt schon sind – und wie gefährdet ihre Infrastruktur um das Jahr 2050 sein wird. Basierend auf zehn Naturgefahren, etwa Sturm, Starkregen und Hitzestress, liegt Wilhelmshaven auf dem Index mit einer Skala von 0 bis 10 schon jetzt mit 5,7 an der Spitze. Bis 2050, so die Prognose, wird der Wert auf 5,88 steigen. Nirgendwo anders in der Bundesrepublik sind die Gefahren durch die Klimakrise so hoch.
Im Wilhelmshavener Rathaus, einem Backsteinbau aus den 1920ern, das wegen seiner monumentalen Form mit dem mittig aufragendem Turm auch „Burg am Meer“ genannt wird, sitzt Carsten Feist an einem Besprechungstisch – und zeigt sich demonstrativ unbeeindruckt von dem Spitzenplatz seiner Stadt auf dem Index. Es gebe ja ständig allerlei Rankings. „Und auch dieses hier nimmt man zur Kenntnis.“ Eine Überraschung sei es für den parteilosen Bürgermeister jedenfalls nicht gewesen. „Es ist ja der besonderen Situation hier an der Küste geschuldet“, sagt Feist.
Naheliegenderweise ist die Gefahr von Sturmfluten die größte. Zu drei Seiten liegt die Stadt direkt am Meer: im Norden zur offenen Nordsee, wo mit dem Jade-Weser-Port der einzige deutsche Tiefwasserhafen angesiedelt ist; im Osten zum Eingang in den Jadebusen, wo sich der größte Stützpunkt der Deutschen Marine befindet; und im Süden zum Jadebusen hin mit seiner langen, der Stadt vorgelagerten Promenade.
Der Schutz der Deiche ist nicht Aufgabe der Stadt, dafür ist vor allem das Land zuständig. Mit finanzieller Unterstützung des Bundes gibt Niedersachsen in diesem Jahr rund 120 Millionen Euro für den Küstenschutz und für Hochwasserschutz im Binnenland aus. Die Umsetzung von mehr als 280 Einzelmaßnahmen sei damit in diesem Jahr geplant, gab Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) vorvergangene Woche bekannt. Entsprechend des steigenden Meeresspiegels sollen die Deiche der gesamten, über 600 Kilometer langen Küste mittelfristig um einen Meter erhöht werden.
Mehrere Kilometer lang lässt sich auf der Deichpromenade am Südstrand spazieren. Tief unten schwappt das Meerwasser an einem Vormittag im März ruhig gegen den Deich, sodass im Falle einer Sturmflut ein Übertritt des Wassers über den Deich kaum vorstellbar scheint. Nur, so ein Deich kann auch durch hohen Druck brechen. Wie es dann im Wilhelmshaven aussähe, lässt sich im Zentrum der Stadt, direkt neben dem Rathaus erahnen: Schräg gegenüber, an der ebenfalls rot verklinkerten Fassade des früheren Postamts ist eine weiße Linie in rund drei Metern Höhe markiert. Sie zeigt die Pegelhöhe der Sturmflut von 1962 an.
Große Teile der bewohnten Flächen von Wilhelmshaven hätten, wenn der Deich damals gebrochen wäre, demnach unter Wasser gestanden. Dass er damals gehalten hat, ist nach Feists Ansicht aber nicht unbedingt ein Grund zur Beruhigung. Die zunehmende Klimaerhitzung bedeutet schließlich, dass die Intensität und die Häufigkeit solcher Ereignisse tendenziell zunimmt, auch wenn aktuell eine Sturmflutsaison endet, die glimpflich ausging: Nur acht leichte Sturmfluten hat es an der niedersächsischen Küste gegeben, schwere oder sehr schwere Sturmfluten blieben aus, meldete das zuständige Landesamt Ende März.
Glimpflich ja, aber für Feist ist es dennoch eine Mahnung: „Das Klima zeigt uns mit Sturmfluten ja längst ein paar Mal im Jahr, dass es nicht mit uns verhandelt.“
Wie geht also die Stadt damit um? Festhalten lässt sich: Vom Klimaschutz allein hat sich die Stadt, wie wohl das gesamte Land, mittlerweile ein Stück weit verabschiedet – zu eindeutig ist, dass sogar das 1,5-Grad-Ziel im langfristigen Durchschnitt nicht mehr erreichbar ist. Schon jetzt gibt es in Deutschland durchschnittlich mehr Extremwetterereignisse, die auf die Klimaerhitzung zurückzuführen sind. Der Pegel der Nordsee ist vor der niedersächsischen Küste im Vergleich zum Jahr 1900 schon um rund 25 Zentimeter gestiegen.
Bürgermeister Carsten Feist
Es ist jedoch nicht so, dass Klimaschutz in Wilhelmshaven keine Rolle mehr spielen würde, weil alle Bemühungen nur noch dahin gehen, mit der Klimakrise umzugehen. Der 56-jährige Feist zumindest, der vor seiner Amtszeit als Bürgermeister lange als Verwaltungswirt bei der Stadt tätig war und schon rein habituell kaum wie ein radikaler Klimaschützer durchgehen würde, sieht seine Generation noch in der Pflicht zum Klimaschutz. „Wir sind die letzte Generation, die noch eine Alternative hat“, sagt Feist. Ergo: Die Generation nach ihm kann eigentlich nur noch Klimaanpassung statt Klimaschutz betreiben.
Dennoch findet auch in Wilhelmshaven schon jetzt beides statt. „Wir haben ein 150-seitiges Grundsatzpapier erarbeitet, mit dem wir Klimaschutz und Klimaanpassung gleichzeitig beitreiben“, sagt Feist. Am Rathaus ließe sich das am besten veranschaulichen: Viel Energie fresse das knapp 100 Jahre alte Gebäude. Würde es energetisch saniert werden, sei das ein Beitrag zum Klimaschutz – und gleichzeitig eine Anpassungsmaßnahme gegen Kälte und Hitze zugleich. Einfach sei das aber natürlich nicht bei einem ikonischen Klinkerbau, das unter Denkmalschutz steht. Aber nötig. „Und das wollen wir mit allen 150 städtischen Gebäuden erreichen“, sagt Feist. Ebenso dazu gehören Entsiegelungsmaßnahmen, wie sie in der Fußgängerzone geplant sind: Einerseits sind sie durch die Begrünung ein Beitrag zum Klimaschutz – andererseits eine Klimaanpassungsmaßnahme, weil Wasser dann schneller versickern und Hitzeperioden erträglicher würden.
Die Entsiegelung und Wiederbegrünung ist Kernstück des Prinzips Schwammstadt, das seit einigen Jahren in jeder größeren Stadt als Klimaanpassungsmaßnahme diskutiert wird: Dort, wo zu viel Fläche im Laufe der Jahrzehnte versiegelt wurde, soll der Boden künftig Regenwasser am Ort des (Extrem-)Niederschlags wie ein Schwamm aufsaugen und wieder abgeben, wenn es benötigt wird.
Wie in den meisten Kommunen in Deutschland gibt es aber auch in Wilhelmshaven bei allen Maßnahmen und Wünschen Prioritätenlisten. Das Geld ist schließlich knapp. Auf eine halbe Milliarde Euro steuert der Schuldenberg der Stadt zu, die dazu eine der höchsten Armutsquoten Deutschlands hat. „Wir müssen uns fragen, bei welcher Maßnahme wir mit wenig Einsatz maximalen Ertrag haben“, sagt Feist. Was natürlich bedeutet: Sinnvolle Maßnahmen werden nicht unbedingt sofort umgesetzt, wenn sie teuer sind.
Und andere, widerstreitende Interessen gibt es ja darüber hinaus auch noch: Die 1869 vom preußischen König Wilhelm I. zum Aufbau seiner Marine gegründete Stadt darbt wirtschaftlich seit Jahrzehnten, weshalb die wegen seiner Weitläufigkeit und den vielen Naherholungsgebieten selbsternannte „grüne Stadt am Meer“ als Wirtschaftsmaßnahme weiter Flächen versiegelt – zuletzt hatte der Stadtrat beschlossen, einen Teil des Naturschutzgebiets Voslapper Groden der Hafenindustrie zuzuschlagen.
Und die Priorisierung bedeutet auch: Reine Klimaanpassungsmaßnahmen können Vorrang vor Klimaschutzmaßnahmen bekommen. Zumindest hat laut Feist das städtische Wasserkanalsystem eine hohe Priorität. Auch weil es alt ist, aber auch, weil im Zuge einer eigens erstellten Betroffenheitsanalyse ermittelt wurde, welche Stadtbereiche besonders gefährdet sind.
„Wir haben hier Stadtteile, die unter dem Meeresspiegel liegen“, sagt Feist. Das bedeutet: Die Deiche können zwar das Meerwasser abhalten. Wenn es aber von oben in großer Menge und in kurzer Zeit kommt, hilft das auch nicht und es muss über die unterirdischen Abwasserkanäle schnell abfließen können. Ein paar Entsiegelungsmaßnahmen nach dem Schwamm-Prinzip würden nicht genügen.
Also reicht das alles schon? Ist das nicht ein bisschen wenig für die große Gefahr, die Wilhelmshaven droht?
„Wichtig ist, dass wir beständig an den Aufgaben arbeiten“, sagt Feist. Ein Vorteil, den Wilhelmshaven trotz der höchsten Klimagefahr in Deutschland hat, ist nach Feists Ansicht die Erfahrung: „Wir fragen uns ja etwa in Sachen Katastrophenschutz nicht erst seit gestern, was passieren muss, wenn etwas passiert“, sagt Feist.
Das Bewusstsein der Gefahr von Extremwetterereignissen sei direkt am Meer wohl ausgeprägter als anderswo im Land, vermutet er. „Wenn ich mir ansehe, dass nach der Flutkatastrophe im Ahrtal teils an selber Stelle jetzt wieder Häuser aufgebaut werden, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln“, sagt er. „Wir wissen, dass wir bestens auf solche Ereignisse vorbereitet sein müssen.“
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