Wenn der Vater stirbt: Die Trauer in der Nudelpackung
Wie lernen wir eigentlich Trauer? Als ihr Vater stirbt, macht sich unsere Autorin auf die Suche – und begegnet dem Gefühl im Supermarktregal.
„Mit Papa im Zug“, schreibt unsere Schwester in die Familiengruppe und schickt ein Foto von der Urne in einem grauen Jutebeutel.
Unser Vater ist vor drei Monaten gestorben und irgendwie war es ein großer logistischer Stress, die Asche abzuholen. Niemand hatte Zeit und niemand hatte Lust. Letztendlich hat sie sich erbarmt und ist an einem Freitag die insgesamt 700 Kilometer gefahren, um die Asche zu sich in die WG zu holen. Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, wissen wir nicht so richtig, was wir damit tun sollen.
Als der Anruf kam, dass er gestorben ist, war unser erster Gedanke, dass das jetzt wirklich richtig schlecht in unser Leben passt. Wir sind in unseren Zwanzigern. Wir studieren, hatten uns gerade frisch verliebt, wollten nächste Woche in den Urlaub, hatten doch morgen das Bewerbungsgespräch bei der taz, kurz: Wir hatten keine Zeit für tote Väter. Und vor allem hatten wir keine Zeit für die unangenehmen Gespräche, die damit einhergehen. Wie erzählt man seinem Umfeld, dass sein Vater gerade gestorben ist?
Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, haben wir also einfach mit dem Alltag weitergemacht. Den Satz, „mein Papa ist vor Kurzem gestorben“, schummeln wir nur in Gespräche rein, wenn es unbedingt sein muss und selbst dann fühlen wir uns jedes Mal schlecht, weil wir unser Umfeld so unhöflich zu einer Reaktion zwingen. Mit dem Tod ist es so: Er ist normal, alltäglich, zu hundert Prozent gewiss. Und trotzdem haben wir uns nicht an ihn gewöhnt, wir sprechen nicht über ihn, wir sind schockiert, wenn er passiert. Wir haben als Gesellschaft verlernt, den Tod in unseren Alltag zu integrieren.
Papa in der Sonne
Als der Tod noch allgegenwärtig war, weil jedes vierte Baby starb, bevor es laufen lernte, und niemand davon ausgehen durfte, mal alt zu werden, wussten Menschen, wie man trauert. Sie beteten zu Göttern, die sie eigens dafür erfunden hatten, und trugen ein Jahr lang Schwarz. Sie verschuldeten sich, um den Toten ein Haus zu bauen, das prunkvoller war, als das der Lebenden. Als der Tod noch allgegenwärtig war, starben Menschen zu Hause und nicht in Krankenhäusern.
Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, kennen wir den Tod nicht: Wir haben ihn noch nie gesehen. Menschen altern nicht, weil das verboten ist und es jetzt Botox gibt, sie trauern nicht, weil das nicht in den Alltag passt und man damit nur unangenehmen Smalltalk führt, sie sterben still und heimlich hinter verschlossenen Türen, weil der Tod sonst alle daran erinnern würde, dass er existiert und wir noch nicht unsterblich sind. Wir machen Witze darüber, dass unser Vater das Glück hatte, noch sterben zu dürfen, ohne dass sein Gehirn an eine KI verfüttert und sein Körper durch einen Avatar ersetzt wurde.
Weil wir verlernt haben, den Tod in unseren Alltag zu integrieren, hat uns niemand beigebracht, zu trauern. Und weil uns jetzt aber nichts anderes übrig bleibt, geben wir uns Mühe, schnell zu lernen, wie man das nachholt: Wir ritzen seinen Namen in einen Baum, drucken Fotos aus und zünden eine Kerze an. Wir gehen auf einen Friedhof, aber dort stören wir die Spaziergänger*innen mit unserer Trauer.
Wir versuchen uns an ihn zu erinnern: Papa in der Sonne, er fordert uns auf, Feigen aus dem Nachbargarten zu klauen, und wir trauen uns nicht, weil die Nachbar*innen beim letzten Mal schon so geschimpft haben. „Ihr Schisser“, sagt er und lacht. Papa stellt eine Auflaufform auf den Tisch: Muschelnudeln mit Ricottafüllung, das leckerste Essen der Welt. Papa kocht Eier im Wasserkocher, weil das Energie spart und man dann gleichzeitig halb gekochte Eier und ekeliges Teewasser hat: das ekeligste Essen der Welt. Papa, der auf dem Sofa liegt und tagelang nicht spricht. Die Demenz, die sich durch sein Gehirn gefressen hat, bis kaum noch etwas übrig war, außer ein Papa, der Windeln trägt und unsere Namen nicht mehr kennt: auch das hat uns niemand beigebracht. Papa nur Haut und Knochen, zusammengesackt auf einem Rollstuhl. Wie sah er noch mal aus, bevor er krank wurde?
Wie eine Zeitbombe
Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, weiß unser Umfeld nicht, wie man mit toten Vätern umgeht, und fragt nicht nach, wie es uns mit der Trauer geht. Wir sind erleichtert darüber, weil das bedeutet, dass wir nicht antworten müssen. Weil uns niemand beigebracht hat, wie man trauert, ist die Trauer um unseren Vater zu groß, um sie fühlen zu können. Wir hätten mit etwas Kleinerem üben sollen.
Die Trauer fängt an, sich wie eine Zeitbombe anzufühlen. Wir wissen: Trauer ist etwas, was man möglichst schnell überwindet. Der Sonderurlaub, der nahen Angehörigen bei einem Todesfall zusteht, beträgt in der Regel zwei Tage. Weil wir Angst haben, das Zeitfenster, in dem wir trauern dürfen, zu verpassen, geben wir uns also Mühe, schnell traurig zu sein. Aber es gelingt uns nicht.
„Es gibt keine falsche Trauer“, sagt uns jede einzelne Person, mit der wir unser Problem besprechen wollen. Und es klingt wie: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Wie ein Satz, mit dem man fast alles entschuldigen kann. Alles ist erlaubt, na ja, fast alles, solange es sich im gesellschaftlichen Rahmen bewegt, solange es nicht zu krass wird, solange man trotzdem funktioniert, ein wenig Trauer ist schon notwendig, sonst wäre es komisch, sonst wäre es kalt, aber zu viel Trauer ist ungesund, macht es unangenehm, irgendwann muss es ja schließlich weitergehen.
Unsere Mutter sagt, Trauer ist wie Blut. Sie fließt durch unsere Adern und begleitet uns jetzt unser Leben lang überall hin, ob wir sie merken oder nicht. Unsere Mutter sagt: „Ihr müsst die Trauer nicht in euren Alltag integrieren. Da ist sie doch schon längst.“ Unsere Mutter sagt, wir werden die Trauer dort finden, wo wir sie am wenigsten erwarten: in Gerüchen, in Bewegungen, in einzelnen Wörtern.
Letztendlich finden wir die Trauer in einer Packung Nudeln. Es ist spät, wir hasten in den Penny, um noch schnell Müsli für morgen zu kaufen, und sehen plötzlich Conchiglie im Angebot. Wir bleiben stehen, denken an Papa und an Muschelnudeln: das leckerste Essen der Welt, schaffen es endlich, zu heulen. Dann stellen wir die Packung zurück, wir kaufen sie nicht.
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