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Wasserknappheit am Colorado RiverZu wenig Fluss für zu viele Wünsche

Der alte Traum vom grenzenlosen Westen kollidiert am Colorado mit der Dürre. Während in Cave Creek nur abgewartet wird, zeigt Phoenix neue Wege auf.

Sebastian Moll

Aus New York

Sebastian Moll

Shawn Kreuzwiesner wirkt erstaunlich gelassen. Der drahtige Mittfünfziger lehnt sich in seinem Bürostuhl in der Stadtverwaltung von Cave Creek, einem 5.000-Seelen-Ort in der Wüste von Arizona, zurück und zeigt auf die Versorgungskarte seiner Gemeinde. Sie ist übersät von blauen und grünen Punkten, die zeigen, woher die einzelnen Anwesen ihr Wasser beziehen: Blau ist die Hauptwasserversorgung aus einem Kanal, der das Wasser des Colorado River abzweigt, grün sind wild gebohrte Grundwasserbrunnen.

Eigentlich müsste Kreuzwiesner in Panik verfallen. Denn 90 Prozent des wohlhabenden Ortes, der zu einem Großteil aus großzügigen Villen im Wildweststil besteht, bezieht das Wasser aus dem Colorado. Und die US-Bundesregierung hat gerade einen Plan zur Neuverteilung des Flusswassers veröffentlicht, demgemäß Arizona rund 80 Prozent weniger zusteht als bislang. Cave Creek hätte über Nacht ein massives Problem. „Die Pferdekoppeln und Pools der Ranches müssten erst einmal verschwinden“, sagt Kreuzwiesner.

Natürlich weiß der Versorgungsdezernent von Cave Creek, der vorher in einer ähnlichen Position in der Großstadt Tucson gearbeitet hat, dass die Katastrophe nicht über Nacht eintritt. Der neue Plan für den Colorado soll Ende des Jahres in Kraft treten. Bis dahin wird es Klagen geben. Klagen einzelner Gemeinden und Städte und vor allem Klagen der Staaten des unteren Colorado Basins – Arizona, Nevada und Kalifornien -, die von den Kürzungen am stärksten betroffen sind.

Die Pferdekoppeln und Pools der Ranches müssten erst einmal verschwinden.

Shawn Kreuzwiesner, Gemeindeverwaltung

Außerdem hat Kreuzwiesner selbst für den Extremfall einen vorläufigen Plan: Es werden drastische Sparmaßnahmen verordnet. Und die rund 30 Kilometer südlich liegende Stadt Phoenix, die weit besser vorgesorgt hat, hat bereits Hilfe zugesagt.

Gefährliche Vermeidungsstrategie

Dennoch drängt die angedrohte Neuverteilung des Colorado-Wassers die Menschen hier akut dazu, sich mit einer Frage zu beschäftigen, die sie seit langer Zeit zu vermeiden suchen. Die sieben Staaten entlang des Colorado – neben Arizona, Kalifornien und Nevada auch Neu Mexiko, Utah, Wyoming und Colorado – sind komplett von dem Fluss als Lebensader abhängig. Sie haben eine Bevölkerung von 40 Millionen Menschen.

Der Colorado hat jedoch schon lange nicht mehr genügend Wasser für so viele Menschen. Die Region befindet sich seit 15 Jahren in einer Dürreperiode, wie es sie hier seit 1.200 Jahren nicht mehr gegeben hat. Am größten Stausee des Colorado, dem Lake Mead, ist der um mehr als 20 Meter gesunkene Wasserpegel an Salzrändern an den Felsen rundum abzulesen. Kein Experte rechnet mehr damit, dass der See je wieder die alte Höhe erreicht. Die Turbinen am Hoover Dam haben jetzt schon nicht mehr genügend Wasser, um sich zu drehen.

Diese Dürre ist nicht vorübergehend. Die Wasserknappheit wird bleiben. Deshalb ist die zuständige Bundesbehörde, das Bureau of Reclamation, nun gezwungen den mehr als 100 Jahre alten Verteilungsschlüssel für das Colorado-Wasser den neuen Realitäten anzupassen.

Veränderung steht an

So steht die Mega-Region an einem Scheideweg. Wie die Gemeinde Cave Creek muss die gesamte Hochwüste von den Rocky Mountains bis an den Pazifik rasch und radikal ihre Lebensgewohnheiten ändern. Sonst droht ein Mad-Max-artiges Szenario von Geisterstädten, von absinkenden Böden über einem entwässerten, ausgehöhlten Grund und mit dem Sterben einer Landwirtschaft, die mehr als die Hälfte des Obstes und Gemüses der USA produziert.

Das Tragische an der jetzigen Krise ist, dass sie lange vorhersehbar war. Im Grunde war sie bei der Besiedlung des Westens von Anfang an angelegt.

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der amerikanische Westen durch die Eisenbahn und die Urbanisierung rasant wuchs, schlossen die sieben Staaten einen Vertrag, wie das Wasser des Colorado verteilt werden sollte, den „Colorado River Compact“. Doch der Vertrag, der sogenannte, war von Beginn an zu optimistisch.

Auf die sieben Bundesstaaten wurden 16,5 Milionen „acre feet“ verteilt, die Wassermenge, die dazu nötig ist, einen US-amerikanischen Acre – rund ein Drittel eines Fußballfeldes – einen Fuß tief, also etwa 30 Zentimeter unter Wasser zu setzen. So viel Wasser hatte der Fluss in den Jahren vor dem Vetragsabschluss geführt. Doch es waren außerordentliche nasse Jahre, schon wenig später gab der Fluss diese Menge nicht mehr her.

Die Leute denken nur an sich selbst und an das Hier und Jetzt

Solange Whitehead, demokratische Stadtverordnete

Mehr Menschen erfordern neue Maßnahmen

Parallel dazu erfuhr der Südwesten eine Bevölkerungsexplosion, wie sie 1922 niemand hätte voraussehen können. Als etwa im Sun Valley, dem zentralen Tal von Arizona, Theodore Roosevelt den Salt River anstauen ließ, rechnete er damit, dass er die Versorgung für 100.000 Menschen sichern würde. Das Tal, das sich rund 100 Kilometer weit zwischen den McDowell Mountains, den Superstitions und den White Tank Mountains erstreckt, beheimatet heute jedoch eine gigantische urbane Region mit knapp fünf Millionen Menschen, die sich auf die Städte Phoenix, Tempe und Tucson verteilen.

Und der Boom im Valley reißt nicht ab. Nachdem ab den 70er Jahren vorwiegend wohlhabende Pensionäre des Klimas und der vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten wegen hierherzogen, zieht vor allem der Großraum Phoenix heute die Technologie- und die Rüstungsindustrie an. Halbleiter-Produzenten und Hardware-Hersteller für sensible Waffentechnik haben das Gebiet entdeckt und eine ganze Kultur junger Tech-Arbeiter und Start-ups mit sich gebracht.

Sie alle folgen noch immer dem alten Versprechen des Westens – der offenen „Frontier“, eines unberührten Landes mt unbegrenzten Ressourcen und Möglichkeiten. Zu dieser uramerikanischen Vision der Terra Nullius passt es auch, dass indigene Nationen im Colorado River Compact von 1922 überhaupt nicht vorkamen. Es war so, als existierten sie nicht. Erst in den vergangenen 50 Jahren gelang es ihnen nach und nach, ihre Anteile am Colorado River-Wasser einzuklagen.

Heute hat das Valley genügend Wasser für seine fünf Millionen Bewohner, weil in den 70er Jahren ein 200 Kilometer langer Kanal durch das Tal gebaut wurde, der das Wasser des Flusses von der Grenze zu Kalifornien in die Mitte des Staates bringt. Durch die Betonwanne des Central Arizona Project fließen jährlich 1,4 Billionen Liter, das Äquivalent von knapp einer halben Million olympischer Schwimmbecken.

Wie umgehen mit der drohenden Knappheit?

Sollte der jetzige Plan der Trump Regierung in Kraft treten, würde über Nacht der Wasserstand in dem großen Kanal drastisch absinken, der mitten durch das Tal führt. Arizona hätte den größten Anteil an den Kürzungen der Colorado-Kontingente. Eine akute Notlage, die manche im Valley noch immer nicht wahrhaben wollen.

Die Gemeinde Scottsdale etwa, der reiche Nachbar von Phoenix, den man auch das „Beverly Hills von Arizona“ nennt, hat gerade aus seinem neuen Haushalt 300 Millionen US-Dollar wieder gestrichen, die für eine Abwasseraufbereitungsanlage geplant war. Dabei hängt Scottsdale zu 70 Prozent vom Wasser des Colorado ab, die Kürzungen hätten hier wie in Cave Creek dramatische Auswirkungen.

Doch anstatt alles dafür zu tun, die Unabhängigkeit vom Colorado voranzutreiben, marschiert das republikanisch regierte Scottsdale in die andere Richtung. Die demokratische Stadtverordnete Solange Whitehead, die sich für die Wasseraufbereitung einsetzt, wurde in einem Video-Clip als „Kloaken-Solange“ verspottet. Ihre politischen Gegner hielten ein Glas ungeklärtes Wasser hoch und sagten: „Die Linken wollen euch zwingen, das zu trinken.“ Das Projekt der neuen Anlage wurde „Von der Toilette zum Wasserhahn“ getauft.

Whitehead macht das verrückt. „Die Leute denken nur an sich selbst und an das Hier und Jetzt. Sie stecken einfach den Kopf in den Sand.“ Dass die Ressourcen im Südwesten knapp sind, dass man aufhören muss, Raubbau an der Natur zu treiben, wolle einfach nicht in die Köpfe hinein.

In der Nachbarstadt Phoenix macht man es besser. Die neue Abwasseraufarbeitungsanlage für 330 Millionen US-Dollar steht kurz vor der Fertigstellung. Die 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt hat in nassen Jahren große unterirdische Wasserreserven angelegt. Und sie verbraucht heute weniger Wasser als in den 50er Jahren, als gerade einmal 360.000 Menschen hier lebten. Selbst wenn der neue Plan der Bundesregierung umgesetzt wird, hat Phoenix noch genug Wasser, um umliegenden Gemeinden wie Scottsdale und Cave Creek auszuhelfen.

So macht das Beispiel von Phoenix Hoffnung. Die demokratische Bürgermeisterin Kate Gallego führt unter anderem eine Kooperation der Gemeinden von Arizona an, die durch einen Austauschplan die Versorgung sicherstellen soll. Parteizugehörigkeit soll dabei keine Rolle spielen.

Ob Arizona und der gesamte Südwesten rechtzeitig die Kurve zur Nachhaltigkeit schaffen, ist dennoch alles andere als sicher. Die Zeit läuft der Region davon – und somit den gesamten USA. Ein Dahinsiechen einer der produktivsten und innovativsten Gegenden des Landes hätte unvorstellbare Folgen.

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