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Washington-Post-HerausgeberZwei Jahre voller Krisen und Kontroversen

Wenige Tage nach den Ankündigungen zu Massenentlassungen ist der Herausgeber der Washington Post zurückgetreten. Die Redaktion freut das.

Will Lewis posiert für ein Foto, Washington, 5. November 2023 Foto: Matt McClain/The Washington post/ap

Aus Washington

Hansjürgen Mai

Nur wenige Tage nachdem die Washington Post einen radikalen Kahlschlag verkündet hatte, nimmt auch der Mann, der das Medienunternehmen profitabel machen sollte, seinen Hut. Will Lewis gab am Samstag bekannt, dass er nach nur zwei Jahren die US-Zeitung verlassen werde.

In seiner Rücktrittsankündigung bezeichnete er seine Zeit als Herausgeber und Geschäftsführer der Washington Post als „zwei Jahre der Veränderungen“, doch geprägt war diese Zeit vor allem von Entlassungen, Turbulenzen und fehlgeschlagenen Innovationen. Die Massenentlassungen am vergangenen Mittwoch, als mehr als ein Drittel der Mitarbeiter ihren Job verloren hatten, war der unrühmliche Höhepunkt seiner Amtszeit.

Dass Lewis, der zu den Entlassungen nicht öffentlich Stellung bezogen hatte, nur einen Tag später auf dem roten Teppich einer Veranstaltung im Rahmen des diesjährigen Superbowls abgelichtet wurde, war ein weiteres Indiz dafür, dass das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung komplett zerbrochen ist – und dies bereits seit Längerem der Fall war.

In denen vergangenen Wochen war Lewis abwesend

In denen vergangenen Wochen, als immer klarer wurde, dass Kürzungen bevorstehen, war Lewis abwesend. Journalisten der Washington Post, die das Vertrauen in ihn verloren hatten, appellierten deshalb direkt an Amazon-Gründer Jeff Bezos, den Kahlschlag doch noch abzuwenden. Bezos, der die Washington Post 2013 erwarb, reagierte darauf aber nicht.

Als Lewis im Januar 2024 zur Post kam, steckte die Zeitung in finanziellen Schwierigkeiten. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren Millionenverluste angehäuft. Der 56-jährige Engländer, der zuvor bei Konkurrenten, wie dem Wall Street Journal und dem britischen The Daily Telegraph, gearbeitet hatte, sollte dies ändern.

Für Bezos dürfte Lewis ein attraktiver Kandidat gewesen sein. Er leitete das WSJ sechs Jahre lang als Verleger und Geschäftsführer und verhalf der Zeitung mit ihrem Paywall-System zu einer soliden finanziellen Grundlage.

Zeitweise Berater von Boris Johnson

Lewis hatte auch Erfahrung im Umgang mit exzentrischen Persönlichkeiten wie US-Präsident Donald Trump. Sowohl in Großbritannien als auch in den USA hatte er für den Medienmogul Rupert Murdoch gearbeitet und später war er als Berater des damaligen britischen Premierministers Boris Johnson tätig.

Doch einer der größten Skandale der britischen Medienwelt verfolgte Lewis. Im Dezember 2023 berichtete NPR, dass Lewis beschuldigt worden sei, an Vertuschungsversuchen im Zusammenhang mit dem Telefonabhörskandal der britischen Boulevardzeitungen von Murdoch Anfang der 2010er-Jahre beteiligt gewesen zu sein. Lewis bestritt jegliches Fehlverhalten.

Andere Fehltritte wie die Entscheidung, während der Präsidentschaftswahl 2024 keine Wahlempfehlung abzugeben, geschahen während Lewis’ Zeit als Herausgeber. Auch wenn Bezos maßgeblich diese Entscheidung beeinflusste. Das Resultat waren Hunderttausende gekündigte Abos.

Wie es mit Lewis und der Washington Post nun weitergeht, ist ungewiss, unter den Redakteuren der Zeitung wird sein Rücktritt allerdings für wenig Trauer sorgen. „Der Abgang von Will Lewis ist längst überfällig“, erklärte deren Gewerkschaft in einer Mitteilung.

Allerdings sei es noch nicht zu spät, die Zeitung zu retten. „Jeff Bezos muss die Entlassungen umgehend rückgängig machen oder die Zeitung an jemanden verkaufen, der bereit ist, in ihre Zukunft zu investieren.“

Der aktuelle Finanzchef der Zeitung, Jeff D'Onofrio, wird vorerst die Position des amtierenden Geschäftsführers übernehmen.

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