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Massenentlassungen bei „Washington Post“ Der Letzte macht das Licht aus

Nicholas Potter

Kommentar von

Nicholas Potter

Die „Washington Post“ kündigt reihenweise und weltweit Redakteure. Das ist nicht nur schlecht für die US-Zeitung, sondern auch für die Demokratie.

A ls die Washington Post 2017 während der ersten Trump-Amtszeit „Democracy Dies in Darkness“ zu ihrem Motto erklärte – die Demokratie stirbt in der Dunkelheit –, wirkte der Spruch zwar etwas dramatisch, aber immerhin wie ein Bekenntnis zur journalistischen Integrität. Jetzt, nachdem die renommierte US-Zeitung am gestrigen Mittwoch 30 Prozent ihrer Mitarbeiter gekündigt hatte, liest er sich wie ein Zugeständnis des Scheiterns.

Der Kahlschlag bei der Washington Post kommt nach einem Jahr, in dem US-Präsident Donald Trump den Medien regelrecht den Krieg erklärt hat: durch politischen Druck auf Sender, durch teure Gerichtsverfahren als Einschüchterungstaktik, durch Kürzungen bei öffentlich-rechtlichen Medien und schließlich auch durch die offene Diffamierung und Beleidigung von Reportern und vor allem Reporterinnen.

Nun wird die Washington Post, einst der Goldstandard für Investigativjournalismus, zu einem Schatten ihres früheren Selbst. Mehr als 300 der insgesamt rund 800 Journalisten sollen ihren Job verloren haben, hinzu kommen einige nichtredaktionelle Stellen. Besonders betroffen sind die Ressorts Ausland, Lokal und Sport.

Schlechte Führung und politisches Kalkül

Die Entscheidung ist einerseits ein Zeugnis von schlechter Führung. 2023 holte Eigentümer Jeff Bezos den Briten William Lewis ins Haus als Verleger, um die Zeitung wieder rentabel zu machen – eigentlich. Lewis, der schon zum Amtseintritt wegen seiner Rolle im Telefon-Hacking-Skandal der britischen Murdoch-Presse in der US-Redaktion kritisch beäugt wurde, verkündete damals, er wolle die Washington Post zur „wichtigsten Nachrichtenorganisation für Menschen auf der ganzen Welt“ machen.

Bezos und Lewis sind mit ihrem Ziel grandios gescheitert, was auf eine Reihe umstrittener Entscheidungen zurückzuführen ist. Während die New York Times im vergangenen Jahr 1,4 Millionen neue Onlineabonnenten hinzugewann, verliert die Washington Post Hunderttausende Leser, und namhafte, preisgekrönte Journalisten verlassen die Zeitung in Scharen.

Die Krise der Post hat aber auch mit politischem Kalkül zu tun – und Amazon-Gründer Jeff Bezos’ schamloser Anbiederung an Trump. Eine Wahlempfehlung der Zeitung für die demokratische Trump-Konkurrentin Kamala Harris wurde erst elf Tage vor der Präsidentschaftswahl verhindert, mit der Folge, dass Hunderttausende Leser ihre Abos aus Protest kündigten.

Dann verkündete Bezos, dass die Washington Post sich künftig in Meinungstexten nur noch für „persönliche Freiheiten und freie Märkte“ einsetzen werde, widersprechende Texte zu diesen Themen überlasse er anderen Medien – der Meinungschef trat daraufhin zurück.

Und nun versetzt Bezos dem Blatt den Todesstoß.

Eine erratische Außenpolitik

Am verheerendsten sind die Kürzungen in der internationalen Berichterstattung: Die Büroleiterin sowie die Korrespondentin der Zeitung in der Ukraine wurden gekündigt, mitten im Krieg. Sämtliche Reporter im Nahen Osten wurden ebenfalls entlassen, das Jerusalemer Büro wurde dichtgemacht. Auch der Berliner Büroleiter verlor seinen Job nach nur sechs Monaten im Amt.

Trumps zweite Amtszeit wird von einer erratischen Außenpolitik samt Militärinterventionen und Handelskrieg dominiert, die unabsehbare Folgen für die ganze Welt haben wird. Die Washington Post war eine der wenigen US-Zeitungen, die noch über ein stattliches Netzwerk von Auslandskorrespondenten verfügte, die über die Konsequenzen dieses Kurses berichteten. Nun haben US-Amerikaner eine vertrauenswürdige Quelle weniger über eine Welt, die Trump mit Eifer und Häme neu ordnen will.

Marty Baron, bis 2021 Chefredakteur der Zeitung, schreibt in einem offenen Brief: „Dies zählt zu den dunkelsten Tagen in der Geschichte einer der weltweit größten Nachrichtenorganisationen.“ Er spricht von der „fast sofortigen, selbstverschuldeten Zerstörung einer Marke“ – die ehemalige White-House-Büroleiterin der Zeitung, Ashley Parker, in The Atlantic sogar von der „Ermordung der Washington Post“.

Jeff Bezos hat die Washington Post zerlegt. Und das ist nicht nur schlecht für das Blatt, sondern für die Demokratie. Als ihr Wächter gab sich die Zeitung einst aus – als kritische Kontrollinstanz, die einen Scheinwerfer auf Missstände der US-Politik richtet, von Venezuela über Grönland bis Iran. Den Anspruch gibt sie nun offenbar auf.

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Nicholas Potter

Nicholas Potter Redakteur

Nicholas Potter war bis 2026 Redakteur bei der taz. Er wurde für den Theodor-Wolff-Preis und den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. 2024 war er Nahost-Fellow des Internationalen Journalistenprogramms bei der Jerusalem Post. Er ist Autor zweier Bücher.
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2 Kommentare

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  • larasu

    Sehr sehr traurig.

    Wie gut, dass die Taz einen anderen Weg gewählt hat hinsichtlich ihrer Finanzierung.

  • shantivanille

    Habe nie etwas bei Bezos eingekauft und werde es nie tun.

    Das gilt auch für die Washington Post. Wohnte ich in den USA hätte ich diese nach der Inbesitznahme durch Bezos sofort abbestellt.