Was wirklich wichtig ist: Leidvergleich
Wir werfen anderen vor, sich nicht um das Wichtige zu kümmern. Aber wir erreichen nichts, wenn wir einander vorhalten, was wir zu fühlen haben.
N eulich musste ich eine Übung für meinen Therapeuten machen. Ich sollte über mein Leben nachdenken, die wichtigsten Stationen aufschreiben und dazwischen ebenso wichtige Ereignisse notieren, die aber nicht zwingend von zeitgeschichtlicher Bedeutung waren.
Ich überlegte wie ich Genozid, Tod meines Vaters, Missbrauch, Liebeskummer und erste große Liebe einordne. Gut die beiden letztgenannten sind nicht von zeitgeschichtlicher Bedeutung, aber mir trotzdem wichtig. Ich schämte mich für den Gedanken und danach fragte ich mich: Wieso bin ich so streng mit mir?
Es gibt kein Leidbarometer, sagte meine Mutter immer früher und meinte damit, dass man sich nicht mit anderen vergleichen sollte. Manche Menschen werden durch den Tod ihres geliebten Meerschweinchens Toni genauso aus der Bahn geworfen wie andere durch den Tod ihres Onkels. Jetzt habe ich sowohl Meerschweinchen Toni als auch einige Onkel verloren und vergleiche meine eigene Trauer ständig.
Manchmal bin ich erschüttert, dass mir der Tod eines Promis, wie zuletzt Kobe Bryant, manchmal näher geht als bei manch einem Verwandten. Und manchmal bin ich genervt, dass ich von mir selbst genervt bin, weil mir etwas nicht so nahegeht, wie es mir eigentlich gehen sollte.
Viele Dinge können gleichzeitig stimmen
Wenn wir schon so hart mit uns selbst ins Gericht gehen – kein Wunder, dass wir anderen Leuten ständig vorwerfen, falsche Prioritäten zu haben oder sich nicht um das Richtige und Wichtige zu kümmern. Ich scrolle durch Twitter und mein Gefühl wurde bestätigt. Die einen ließen sich über den Clip #besonderehelden der Bundesregierung zur Pandemie aus und wieder andere sagten, dass der Clip doch gar nicht schlecht sei und die Zielgruppe erreiche (stimmt). Wieder andere kritisierten die Kriegsrhetorik im Video und dass man sich mehr darum schert als um die Armenier*innen, die in einem echten Krieg umgebracht und verschleppt werden (stimmt).
Einige wenige sprechen darüber, dass kaum eine*r über den Konflikt in Tigray und das Enthaupten von 50 Menschen durch Islamisten in Mosambik spricht (stimmt). Wieder andere regen sich darüber auf, dass wir alle nur über diesen einen Satiriker und seine regelmäßigen unterirdischen Provokationen sprechen (stimmt auch wieder).
Der Punkt ist: Viele Dinge können gleichzeitig stimmen und Menschen suchen sich nun mal das aus, was ihre Aufmerksamkeit bekommt, und das müssen wir aushalten können. Wir können uns kritisieren und wir dürfen auch wütend sein, wenn Menschen für uns wichtige Ereignisse ignorieren. Vor allem, wenn diese Ignoranz eine lange Historie hat. Und erst recht, wenn es um Krieg geht. Aber wir erreichen nichts, wenn wir uns ständig vorhalten, was wir wann wie zu spüren und fühlen haben. Ich fang mal bei mir an.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert