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Künstler Grant Mooney in MönchengladbachWas das Material verrät

Im Museum Abteiberg durchquert der US-Künstler Grant Mooney die jüngere Geschichte der Bildhauerei – auf poetische bis marxistische Weise.

Vielleicht kann man auch einmal darüber nachdenken, was Bildhauerei uns heute zu sagen hat. Als Genre. So wie es der US-amerikanische Künstler Grant Mooney gerade im Mönchengladbacher Museum Abteiberg macht. „sum“ ist der lakonische Titel seiner Ausstellung, für die er auch Werke von 15 weiteren zeitgenössischen Künst­le­r:in­nen versammelt hat.

Und der Titel macht zugleich ein Manko der abstrakten und konzeptuellen Bildhauerei deutlich, nämlich etwas spröde und unzugänglich zu sein. Über die konkreten Bilder aus der Malerei oder Videokunst lässt sich ja besser streiten. Deren frei erschaffbaren Erzählungen sind ja eigentlich nur die Grenzen der Vorstellungskraft gesetzt. In der Bildhauerei aber hat man es mit einer Menge äußerer Kräfte zu tun.

Mit der Trägheit des Materials, mit seinen statischen und chemischen Gesetzen. Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze haben ihre Skulpturen für eine gemeinsame Ausstellung im Lenbachhaus München mal eingeäschert und in Urnen untergebracht, weil es sich vielleicht auch für sie gar nicht mehr um frei formbare Objekte handelte, sondern um eigenwillige, widerspenstige Charaktere, zu denen sich ein so ambivalentes Verhältnis entwickeln lässt wie zu den eigenen Liebsten.

Die Ausstellung

Grant Mooney: „sum“. Museum Abteiberg Mönchengladbach, bis 20. September

Was nun das Material uns zu erzählen hat, das vermittelt Grant Mooney in seiner Ausstellung. Schon außen lassen sich an der zinkverkleideten Fassade des festungsartigen, postmodernen Museumsbaus von Architekt Hans Hollein zarte Klänge vernehmen. Sie stammen von den Drahtseilen einer Windharfe aus Metall, die Mooney gemeinsam mit der Künstlerin Winona Sloane Odette konzipierte. Im Inneren des Gebäudes ist der sphärische Sound dann auf einem Monitor in rote und gelbe Streifen übersetzt. Sieht aus wie ein digitaler Rothko – die Schau ist ohnehin voller kleiner, freigeistiger Referenzen.

Luft bedingt alles

Kopfüber hängt der Rothko über vielen auf den Boden verteilte Atemmasken. Die hat Park McArthur aus der Vorgängerausstellung hinterlassen. McArthur sitzt im Rollstuhl und ist von Beatmungsgeräten abhängig, was sie auch in ihrer Kunst thematisiert. Luft bedingt hier alle und alles. In einem anderen Raum um die Ecke lässt sich auf der Schwarz-Weiß-Fotografie von Laura Aguilar eine beleibte Nackte mit Softdrink in der Hand von einem Ventilator abkühlen.

Das Museum in Mönchengladbach war immer schon ein Ort des künstlerischen Experimentierens. Auch bevor es 1982 in das eigenwillige Gebäude zog, das Hollein innen mit so vielen Ebenen, Winkeln und Blickbezügen plante, dass es dem klassischen – man könnte auch sagen: autoritären – White-Cube regelrecht widerstrebt. Der vormalige Museumsdirektor Johannes Cladders hatte von den 1960ern bis in die 80er eine avantgardistische, internationale Kunstszene in Mönchengladbach versammelt – Gruppe Zero, Lawrence Weiner, Hanne Darboven. Entsprechend fulminant ist auch heute noch die Sammlung des Hauses, das ziemlich im Schatten der großen Museen von Düsseldorf und Köln steht.

Mooney hat sich ihrer bedient. In Joseph Beuys' „Fettwinkel“ von 1962 ranzt nun eine butterbeschmierte Gipsstruktur vor sich hin. Und eine ganze Museumswand füllen Hanne Darbovens manische Schreibarbeiten, als hätten Stift und Papier bei der Künstlerin die Überhand genommen. Daneben liegen die wassergefüllten, transparenten Kunststoffmatten von Olga Balema. Von der Straße aufgeklaubter Kies, Plastikverpackungen oder Textilien schwimmen darin herum. Diese banalen, schnell zu übersehenden Alltagszeugnisse formen in dem Schwebezustand des Wassers ein eigenes, poetisches Bild.

Marcel Duchamps Readymade schwingt hier mit

Ganz klein und rätselhaft kommt in diesem Arrangement die Wandarbeit von Grant Mooney selbst daher: Auf einem verdreckten Grund und elegant von einer gewellten Polyethylenfolie umfasst, prangt ein silbernes Amulett (in seinem früheren Leben war der 1990 in Seattle geborene Mooney Silberschmied). Darauf formt sich ein Fingerring ab und eine organisch gerillte Oberfläche wie auf dem Schulp eines Tintenfischs. Weird ist das. Irgendetwas zwischen Designobjekt, Materialstudie und dem Versuch, Raum und Zeit auf weniger als einem halben Quadratmeter zu bannen.

Ausgediente Ventilatoren

In Grant Mooneys durchaus konzeptueller Bildhauerei geht es nicht nur um Ästhetik und das Eigenleben der Stoffe. Sie begibt sich auch in marxistische Gefilde. Fragt, wie das Material zirkuliert, zum Gebrauchsobjekt verarbeitet und gesellschaftlich mit Wert versehen wird – oder ihn eben auch wieder verliert. Riesige matt glänzende Ventilatorenflügel aus Aluminium liegen im Foyer auf dem Boden, wunderschön sehen sie aus in ihrer aerodynamischen Schlankheit. Marcel Duchamps Readymade, der Gedanke, die perfekte Form des Industrieprodukts habe schon die Position der Kunst eingenommen, schwingt hier mit.

Doch die Ventilatoren aus einer ehemaligen Londoner Furnierfabrik sind nicht zuerst zur Kunst erhoben worden, sondern haben vor allem keinen Nutzen mehr. Ebenso wie ihre bis ins Detail gesäuberten Motoren daneben mit den massiven Schrauben, leeren Fassungen und eingerollten Kabeln. Die würden womöglich auf dem Schrottplatz vergammeln, hätte Mooney sie nicht ins Museum geholt. Und so gelangt Mooney in dieser zwischen poetischen Windklängen und ranzigen Ecken changierenden Ausstellung auch auf eine Metaebene, die vielleicht besonders die Bildhauerei gut betreten kann. Und fragt nach nichts Geringerem als dem Verhältnis der Gesellschaft zum Material.

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