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WarumsäterHass?

Christian Beißner ist Landwirt und Influencer – freundlich auf dem Hof, radikal im Studiokeller. Mit seinen Videos erreicht er Zigtausende und bedient AfD-Propaganda. Kann man ihn da noch herausholen?

Erhöhtes Sendungs­­bewusstsein: Christian Beißner in seinem Partykeller

Aus Rinteln Jost Maurin (Text) und Jonathan Funk (Fotos)

Eigentlich ist Christian Beißner ein sympathischer Mann. Der 44 Jahre alte Landwirt aus dem niedersächsischen Rinteln lädt den taz-Reporter auf seinen Hof ein, um „mal etwas Positives“ der Landwirtschaft zu zeigen, und um über seine politischen Ansichten zu sprechen. Beißner – hochgewachsen, schlank, Jagdjacke in Olivgrün – führt bereitwillig durch einen Großteil seines Agrarunternehmens. Seine Frau wirkt freundlich, sein Vater grüßt mit Handschlag, Mutter Beißner lädt ein zu einem Teller Chili, natürlich mit Carne.

Aber regelmäßig steigt Christian Beißner hinab in den Partykeller seines Hauses und verwandelt sich dort in einen Influencer. Es ist etwas dunkel hier, im Regal einer Bar stehen Jägermeister-Flaschen, an der Wand hängt ein Blechschild mit der Aufschrift „Wer Bier trinkt, hilft der Landwirtschaft“. Wenn er seine Videos aufzeichnet, sitzt ­Beißner auf einer Bank neben Anthony Lee, einem rechtspopulistischen Youtuber. In ihren Gesprächen verbreiten sie mitunter Fehlinformationen. Sie schüren Ressentiments gegen Flüchtlinge, äußern Sympathie für Donald Trump und Viktor Orbán, streiten Umweltprobleme der Landwirtschaft ab. Beißner wettert dagegen, ehemalige Helfer der Bundeswehr aus Afghanistan in Sicherheit nach Deutschland zu bringen, Kriminalität hat für ihn meist mit Migranten zu tun, auch den taz-Reporter hatte er wegen dessen Berichterstattung als „Spinner“ und „Schwachkopf“ beschimpft. Lee lädt die Videos mit dem Titel „Wochenrückblick“ schließlich auf seinen Youtube-Kanal mit mehr als 250.000 Abonnenten hoch.

Wie Beißner denken viele Menschen in Deutschland. Der Landwirt aus Niedersachsen vertritt Ansichten, die im Milieu der AfD-Wähler verbreitet sind. Und die Rechtsaußen-Partei liegt in aktuellen Umfragen bundesweit bei rund 25 Prozent. Umso dringender ist also die Frage: Was treibt Christian ­Beißner so weit nach rechts? Was geht ihm durch den Kopf auf dem Weg in den Keller? Und: Besteht die Chance, dass er seine Ansichten ändert?

Ein Teil der Antwort liegt bei ­Beißners Kartoffeln. In einer Halle hat er Knollen für die Produktion von Kartoffelchips zu einem fast 5 Meter hohen und 15 Meter breiten Berg aufschichten lassen. Um zu verhindern, dass die Kartoffeln keimen, blasen Ventilatoren ab und zu ein gasförmiges Pestizid durch Schlitze im Boden der Halle. Bis zum Jahr 2020 durfte Beißner dafür das Mittel Chlorpropham verwenden. Doch dann ist es von der EU verboten worden. Die einzige „vernünftig wirkende“ Alternative sei viel teurer als das alte Mittel, sagt Beißner. „Jetzt kostet mich dieser Keimhemmungsprozess das Zehnfache, wir sprechen von 25.000 Euro, nicht mehr 2.500 Euro.“

Auch das Unkrautvernichtungsmitttel Sencor, das er gern auf dem Feld benutzt hat, ist inzwischen verboten worden. Seit 2019 hätten 84 Pestizidwirkstoffe ihre Zulassung in der EU verloren, im Gegenzug sei aber kein neuer erlaubt worden, kritisiert Beißner. „Das ist für mich störend und auch ertragsbegrenzend“. Denn so habe er weniger Möglichkeiten, die Ernte vor Schädlingen zu schützen.

Außerdem ärgert Beißner sich über die Düngevorschriften, die zumindest Kollegen von ihm in besonders belasteten Gebieten verbieten würden, genügend zu düngen. „Ich fühle mich so ein bisschen überreglementiert“, sagt er, während er in seinem schweren Diesel-Pick-up-Truck zu einem Acker fährt. Er, der nach der Ausbildung zum Landwirt eine Fachschule besucht und einen Abschluss als Diplom-Agraringenieur gemacht hat, spritze und dünge nicht mehr als nötig. Für ihn stellen sich viele Regeln als Schikane der Behörden dar.

Warum die beiden Pestizide verboten wurden, wisse er nicht, sagt ­Beißner. Doch ein Blick auf die Internetseiten der EU-Kommission zeigt: Die Zulassung für Chlorpropham wurde nicht verlängert wegen Risiken für Verbraucher sowie für Vögel, Säugetiere und Wasserorganismen durch Rückstände. Und Metribuzin, den Wirkstoff von Sencor, verbot die EU, weil er durch seine hormonelle Wirkung der Gesundheit schadet und zum Beispiel Bienen gefährdet.

Sogar Zahlen des bauernfreundlichen Bundesagrarministeriums zeigen, dass die deutsche Landwirtschaft im langjährigen Mittel insgesamt immer noch rund 70 Kilogramm Stickstoffdünger pro Hektar und Jahr mehr ausbringt, als sie durch pflanzliche oder tierische Produkte bindet. Dieser Überschuss landet zum Beispiel im Grundwasser, was ein Gesundheitsproblem ist, weil daraus oft Trinkwasser gewonnen wird. Der Stickstoff fließt aber auch über Flüsse ins Meer, wo er Algen stärker wachsen lässt, die beim Absterben dem Wasser Sauerstoff entziehen und so immer wieder massenhafte Fischsterben verursachen. Doch Christian Beißner sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das so hohe Überschüsse gewesen sind.“

Immer wieder suggeriert der Landwirt auch, Deutschlands Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln sei gefährdet, weil die EU Handelsverträge etwa mit vier Staaten der südamerikanischen Mercosur-Gruppe abschließt. In Wirklichkeit erleichtert das Abkommen zum Beispiel nur den Import einer sehr geringen Menge Rindfleischs. Deutschland hingegen produziert sogar mehr davon, als es selbst verbraucht.

Zwar schließen hierzulande immer mehr landwirtschaftliche Betriebe, doch das bedeutet nicht, dass Deutschland weniger Lebensmittel produziert. Der Wert der erzeugten Nahrungsmittel ist sogar gestiegen, die landwirtschaftlich genutzte Fläche bei ungefähr 17 Millionen Hektar in etwa stabil geblieben.

Christian Beißner scheint vor allem jene Fakten wahrzunehmen, die seinem persönlichen Interesse nützen. Womöglich ist das sein Umgang damit, dass in den vergangenen Jahrzehnten die negativen Folgen der konventionellen Landwirtschaft immer besser wissenschaftlich nachgewiesen wurden – und so der Druck etwa aus Umweltorganisationen gestiegen ist.

Großes Vermögen, große Zukunftsangst

Seine Haltung wäre allerdings leichter nachvollziehbar, wenn die Regeln für Gesundheit und Umwelt seine Existenz tatsächlich bedrohen würden. Aber seiner Familie geht es nicht schlecht: Die Beißners wohnen in einem großen Haus mit Blick auf die Schaumburg. Zwei Pferde stehen vor einem Fachwerkhaus daneben, in der Garage wartet ein schicker Mercedes. Allein die vier Traktoren, die beim Besuch der taz auf seinem Betriebsgelände zu sehen sind, haben insgesamt rund eine Million Euro gekostet, dann kommt all das Land dazu.

„Das ist ein großes Vermögen, das ich habe“, sagt Beißner selbst. Bloß könne er dieses Kapital ja nicht ausgeben. Jedoch bekommt er allein an EU-Agrarsubventionen laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung mindestens rund 50.000 Euro pro Jahr. Wie viel Umsatz er macht, will ­Beißner nicht verraten. In einem anderen Zusammenhang sagt er allerdings, er gelte manchen vielleicht als reich. Schon „ab 85.000 Euro Einkommen oder so“ würden das einige Leute ja so sehen. Doch für das eingesetzte Kapital sei die Rendite zu niedrig. Mit Blick auf sein Einkommen räumt er ein: „Ich kann da so von leben.“

Ich kann das hier keinem empfehlen, weil das einfach schwierig ist, Landwirtschaft in diesem Land zu betreiben

Christian Beißner

Dennoch scheint Christian Beißner Angst um die Zukunft zu haben. Seinem Sohn habe er gesagt: „Überleg dir, ob du es machen willst: Ich kann das hier keinem empfehlen, weil das einfach schwierig ist, Landwirtschaft in diesem Land zu betreiben.“ Diese Sorge ist in der Branche weit verbreitet. Die Zahl der Höfe sinkt seit den 1950er Jahren. Von 2020 bis 2023 ging sie um rund 3 Prozent auf 255.000 Betriebe zurück, wie das Statistische Bundesamt berichtet hat. Grund ist vor allem der technische Fortschritt; Maschinen machten viele Arbeitskräfte und damit Bauern überflüssig. Besonders die kleinen Höfe schließen, denn größere Betriebe können die gleiche Menge Ware oft zu niedrigeren Kosten produzieren.

Das Handy von Christian Beißner klingelt. Aufgebracht erzählt ihm ein anderer Landwirt, dass er gerade neuen Kunstdünger bestellen wollte. Wegen der Öl- und Gaspreissteigerungen infolge des Irankriegs sei der Preis innerhalb von zwei Tagen um 35 Prozent gestiegen. „Das gibt uns vermutlich am Ende keiner wieder, weil die Getreidepreise nicht mitsteigen“, sagt Beißner. Diese und andere Unsicherheiten wie die erratische Politik von US-Präsident Donald Trump trüben den Ausblick für Landwirte. Gleichzeitig verlangen Teile der Gesellschaft, dass die Landwirtschaft tier- und umweltfreundlicher wird. Aber solche Reformen erhöhen meist die Kosten für die Bauern.

Beißners Betrieb gehört zu den Unternehmen, die in diesem Konkurrenzkampf andere „besiegt“ und damit selbst überlebt haben. Aber auch er weiß: Sein Unternehmen muss sich verändern, um weiter zu bestehen. Leicht ist das nicht, gerade für einen durch und durch Konservativen, der fast sein ganzes Leben auf demselben Hof zugebracht hat, so wie es seine Familie schon seit dreizehn Generationen tut.

Beißner reagiert auf den Transformationsdruck durchaus auch konstruktiv. Er hat zum Beispiel mit zwei Kollegen eine mittelgroße Photovoltaik­anlage gebaut. „Wir haben geguckt, was kann man auf der Fläche generieren“, erzählt er. Ergebnis: Strom wirft mehr ab als Kartoffeln.

Mehr Geld lässt sich oft auch mit Biolandwirtschaft verdienen – die Verkaufspreise sind höher, die Bauern müssen keine chemisch-synthetischen, umweltschädlichen Pestizide oder Mineraldünger bezahlen, sie bekommen höhere Subventionen. Warum stellt er also nicht um? „Ja, das ist auch eine Überzeugungssache eher“, antwortet Beißner. „Ich will halt schon das produzieren, was möglich ist.“ Und Biobauern würden eben weniger aus den Böden herausholen. Das passe laut Beißner nicht damit zusammen, dass global rund 700 Millionen Menschen hungern.

Allerdings werden der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung zufolge global schon jetzt weit mehr Kalorien erzeugt, als für die Weltbevölkerung nötig wären. Und ein großer Teil etwa des Getreides wird verfüttert statt gegessen. Dadurch gehen Kalorien für die menschliche Ernährung verloren, weil die Tiere für ihren Eigenbedarf Energie benötigen. Aber Bio würde Beißner ideologische Flexibilität abverlangen. Die scheint ihm jedoch zu fehlen, denn er begründet seine Ablehnung auch so: „Ich habe konventionell gelernt, ich bin mit nichts anderem groß geworden.“

Angst hat Beißner offenbar nicht nur um das Schicksal seines Hofs. Vergangenes Jahr sei er nachts auf der Straße in Hannover von einer Gruppe arabisch sprechender Menschen „bedrängt und beleidigt“ worden, sagt der Landwirt. „Da habe ich tatsächlich so ein bisschen Angst gekriegt“. Er als recht großer Mann sei nicht geschubst worden, aber „meine Tochter beispielsweise würde ich jetzt nicht mehr nach Hannover lassen, wenn die 18 Jahre alt ist.“ Und behauptet dann: „Man sieht es ja auch jeden Tag: Vergewaltigungen. Und das sind ja denn auch tatsächlich überwiegend Zugereiste.“

Wirtschaftlich geht es ­Christian Beißner mit seinem Unter­nehmen nicht schlecht – trotzdem fühlt er sich bedroht

Beißners Behauptung ist falsch. 2024 waren laut Bundeskriminalamt rund 60 Prozent der Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen Deutsche. Es ist in der Bundesrepublik auch nicht so unsicher, wie Beißner suggeriert: Deutschland gehörte 2023 laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zu den Staaten mit den wenigsten vorsätzlichen Tötungsdelikten je Einwohner: 0,9 Opfer pro 100.000 Personen. In den USA sind es mehr als 6 mal so viele. Die letzten Zahlen für Russland von 2021 sind sogar noch schlechter.

Zu Statistiken hat er seine eigene Meinung

Konfrontiert mit Statistiken zu der geringen Tatbeteiligung von Ausländern sagt Beißner, im Rahmen seiner Tätigkeit als ehrenamtlicher Schöffe bei Gericht sei er regelmäßig in einer Justizvollzugsanstalt. „Da sitzen 85 Prozent Leute mit Migrationshintergrund.“ Ob es sich dabei um deutsche Staatsbürger handelt oder nicht, scheint für Beißner nicht entscheidend zu sein.

Selbst wenn Ausländer in Deutschland überproportional häufig Gewalttaten begehen, bedeutet das nicht, dass alle oder auch nur die Mehrheit Verbrecher sind. Fakt ist: Mehr als 90 Prozent der hier lebenden Ausländer tauchen nicht in der Kriminalstatistik als Verdächtige auf.

Beißner stellt viele Migranten auch als faul dar und macht sie zum Sündenbock für Defizite der Sozialkassen. Die Deutschrussen, die früher gekommen sind, lobt er, die jetzigen Zuwanderer verurteilt er. „Die arbeiten auf jeden Fall nicht und fragen nicht nach Arbeit.“ Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen aber: Schon vor vier Jahren waren 64 Prozent der 2015 zugezogenen Flüchtlinge erwerbstätig. Mittlerweile dürften es noch mehr sein.

Beißner reagiert auf den Druck der Transformation auch konstruktiv. So hat er mit zwei Kollegen eine Photovoltaikanlage gebaut. Aber Biolandwirtschaft? Da geht er nicht mit

Beißner interessieren diese Zahlen scheinbar nicht. Dafür schürt er Vorbehalte gegenüber Muslimen. In einem Video kritisierte er, dass die Bundesregierung im Februar bei Facebook „allen Musliminnen und Muslimen einen gesegneten Fastenmonat: Ramadan Mubarak!“ wünschte, aber, so Beißner „den Christen keine fröhliche Fastenzeit“. Anthony Lee sagte dazu, die Regierung vergesse „ihr eigenes Volk“ – Beißner stimmte ihm zu.

Muslime scheinen für Beißner und Lee also keine echten Deutschen zu sein. Zu dieser Intoleranz passt ­Beißners Aussage: „Wir verlieren ja irgendwie in Deutschland unsere ganze Identität, und da sind wir wieder bei dem Thema, dass 2050, in 25 Jahren, so die Prognosen stimmen, irgendwie 50 Prozent Leute des islamischen Glaubens hier in Europa leben.“ Auch diese angeblichen Prognosen sind hane­büchen. Die umfassendste Vorhersage vom Pew Research Center geht – je nach Grad der Migration – von insgesamt nur 7 bis maximal 14 Prozent Muslime in der EU, Norwegen und der Schweiz im Jahr 2050 aus. Derzeit sind es in Deutschland laut Bundesinnenministerium lediglich knapp 7 Prozent.

So geht das stundenlang in Beißners Partykeller. Er stellt negative Behauptungen über die Lage Deutschlands auf, Fakten beeindrucken ihn nicht, Einwände wischt er vom Tisch, teils einfach mit dem trotzigen Satz „Ich glaube das nicht“. Unternehmer zum Beispiel hätten ihm von anderen Erfahrungen berichtet. Nie lässt Beißner sich überzeugen.

Früher habe er ja mal CDU gewählt. Dann kam das Jahr 2015, die Flüchtlingskrise. „Da habe ich dann aufgehört, an diese Partei zu glauben.“ Beißner will nicht bestätigen, dass er nun die AfD wähle, plädiert aber für eine Koalition der Partei mit der CDU. „Man findet wirklich gar nichts, wo man jetzt sagen könnte, ja, das ist tatsächlich ein Grund, warum die jetzt gesichert rechtsextrem ist“, hat er in einem Video behauptet. Aber haben nicht AfD-Politiker mehrfach Andersdenkende gewaltsam angegriffen? „Ja klar, aber das ist auf allen Seiten ein Problem“, sagt Beißner und hält den Ausdruck eines taz-Artikels zur Verurteilung der „Antifaschist*in“ Maja T. wegen eines schweren Angriffs auf mutmaßliche Rechtsextremisten in Budapest hoch. Nun ist von Maja T. aber nicht bekannt, dass sie Mitglied zum Beispiel der Grünen oder der SPD wäre. Die taz fand so viele Fälle von gewalttätigen AfD-Politikern, dass sie zwei Zeitungsseiten füllten.

Findet sich ein Grund für Beißners Ängste zwischen den Kartoffeln?

Und dass AfD-Abgeordnete reihenweise Verwandte auf Staatskosten beschäftigen, eine Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt gleich 16 Mitarbeiter hatte, dass Alice Weidel im Bundestag die diskriminierende Äußerung über „Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“ von sich gab, dass die bayerische AfD eine offenkundig rechtsstaatswidrige Abschiebebehörde wie ICE in den USA für Deutschland fordert, dass Björn Höcke SA-Parolen kundtut – ist das alles normal? „Das ist so ein bisschen Propaganda für die Partei. Das kann ich jetzt so nicht unterstützen. Aber wenn man sich das Wahlprogramm durchliest, dann bin ich bei vielen Sachen dabei“, entgegnet Beißner.

Was den Verwandtenfilz angeht: Schaut man sich CDU, SPD, FDP und die Grünen an, „dann werden wir genau das gleiche finden“. Als Beleg nennt er aber nur die Graichen-Affäre, in der der damalige grüne Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium Patrick Graichen seinen Trauzeugen Michael Schäfer zum Chefposten eines bundeseigenen Unternehmens verhelfen wollte. Als das bekannt wurde, verlor Graichen seinen Job, Schäfer seinen Vertrag. Bei der AfD ist der Filz jedoch sehr viel weiter verbreitet – und die Konsequenzen aus dem Skandal sind minimal. Jeder Landtagsabgeordnete der Partei in Sachsen-Anhalt beschäftigte Ende Februar im Schnitt 7 Mitarbeiter, die CDU-Parlamentarier zum Beispiel nur jeweils 3.

Wahrscheinlich würde Christian Beißner erst wieder CDU wählen, wenn diese dafür sorgt, dass die Dinge im Land so liefen, wie er sich das vorstellt. Aber könnte eine Bundesregierung ihm überhaupt genug entgegenkommen?

Sie müsste zum Beispiel dafür sorgen, dass Beißner wieder mit Pestiziden arbeiten darf, die die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Sie müsste mehr Dünger zulassen, obwohl das die Versorgung mit gesundem Trinkwasser erschweren würde. Sie müsste ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr aus Afghanistan oder ihre Angehörigen im Stich lassen, vielleicht sogar de facto ihre Ermordung durch die Taliban in Kauf nehmen. Sie müsste Muslime praktisch als Bürger zweiter Klasse behandeln. Sie müsste Erdgas aus Russland kaufen und so Putins Krieg gegen die Ukraine mitfinanzieren.

Auf den Ertrag kommt es an: Ein Berg ­Getreide lagert in einer von Beißners Betriebshallen

Manche dieser Zugeständnisse würden Menschenrechten widersprechen. Und es ist wahrscheinlich, dass Beißner selbst dann nicht zufrieden wäre. Denn das weltweite Sterben landwirtschaftlicher Höfe wird keine Regierung auf dem Globus nachhaltig umkehren können. Dafür sind die grundsätzlichen Wettbewerbsvorteile größerer Betriebe einfach zu stark.

Nach vier Stunden Gespräch mit Christian Beißner steht fest: Es ist unmöglich, ihn aus seinem Partykeller herauszuholen – zumindest derzeit. Zu verschlossen wirkt der Landwirt-Influencer gegenüber Argumenten und Fakten, die ihn von seiner vorgefassten Meinung abbringen könnten.

Das alles wäre halb so schlimm, wenn nicht Hunderttausende Menschen jede Woche Beißners Videos ansehen würden. Diese Macht haben er und auch andere rechte Influencer nur dank Plattformen wie Youtube, Tiktok und Co. Deutschland und die EU könnten die Betreiber dazu zwingen, konsequenter zumindest die Videos zu löschen, in denen eindeutig falsche Informationen verbreitet werden.

Ein weiterer Ansatz wäre, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die Christian Beißners Einstellungen nicht wegen einer gefestigten intoleranten Ideologie teilen, sondern weil sie etwa um ihren Arbeitsplatz oder ihre Rente fürchten. Diese Menschen erwarten eine funktionierende Strategie für eine stabile Wirtschaft, für sichere Arbeitsplätze und eine zukunftsfeste Sozial­versicherung. Doch die Koalition aus Union und SPD gibt einen großen Teil des schuldenfinanzierten Sondervermögens für Infrastruktur und Rüstung nicht nachhaltig aus. Stattdessen diskutiert sie über Sozialleistungskürzungen, die keine Arbeitsplätze schaffen.

Wenn das so weiter geht, könnte bald noch sehr viel mehr los sein in Christian Beißners Partykeller.

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