Warum tragen ICE-Schergen Masken?: Souverän ist, wer über Anonymität entscheidet
Trumps ICE-Truppen vermummen sich mit Schlauchschals. Ihr Auftreten als anonymer Block vermittelt die autoritäre Botschaft: Wir sind unantastbar.
G estapo-Greg nennt ihn Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom kurz und bündig. Gemeint ist Gregory Bovino. Der Chef der Grenzschutzbehörde ICE hat sich seinen Spitznamen verdient, legt er es doch darauf an, die Gestapo-Assoziation aufzurufen. Der markige Mann rasiert sich die Haare über den Ohren und im Nacken aus und trägt lange Militärmäntel. Sein Outfit martialisch zu nennen, wäre eine Untertreibung.
Im Netz toben Debatten darüber, ob dieser Spitzname den Nationalsozialismus verharmlose. Sorry, Leute: Wer sich so kleidet und einer Behörde vorsteht, deren Auftrag es ist, möglichst brutal aufzutreten, Jagd auf Menschen zu machen, die nicht aussehen wie white Anglo-Saxon Protestants, und dabei ständig Gesetze übertritt, darf schon Faschist genannt werden.
Weniger Aufmerksamkeit hingegen bekommt die Selbstinszenierung seiner Sturmtruppen, die wie Söldner oder Guerillas daherkommen. Sie tragen Jeans oder Cargopants, Holzfällerhemden oder T-Shirts, darüber taktische Westen, statt eines Namens oder einer Dienstnummer irgendwelche Fantasieangaben auf der Brust und hinten die Aufschrift „ICE“ und „Police“.
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Das wichtigste Accessoire der ICE-Büttel aber ist der Schlauchschal, auf Englisch neck gaiter. Man zieht ihn in einer schnellen Bewegung über die Nase, fertig ist die Vermummung. Bei ihrer von Donald Trump autorisierten, aber oft illegalen Tätigkeit wollen diese Männer nicht erkannt werden.
Demokraten fordern Maskenverbot
Damit sind sie nicht allein. Weltweit schützen sich die Schergen autoritärer Regime durch Vermummung vor sozialer Ächtung und potenzieller Strafverfolgung. Ihr Auftreten als anonymer Block vermittelt die Botschaft: Wir sind unantastbar. Weswegen die Demokraten im US-Senat nun ein Maskenverbot für ICE-Leute fordern.
Die Halsgamasche ist ein Kleidungsstück, das auch Demonstrant*innen auf der ganzen Welt tragen, insbesondere dort, wo sie nicht auf den Schutz ihrer Rechte durch den Staat hoffen können. Als in den 1980ern in Deutschland eine Debatte über das Vermummungsverbot auf Demonstrationen tobte, weil autonome Steinewerfer sogenannte Hassmasken trugen, sagte Thomas Gottschalk den denkwürdigen Satz: „Lieber eine vermummte Jugend als eine verdummte Jugend.“
Dass die Exekutive Bürger dazu nötigt, auf der Straße Gesicht zu zeigen, ihr Personal aber gesichtslos bleiben darf, ist Ausdruck eines Machtgefälles, das in den modernen Staat eingeschrieben ist. Souverän ist, wer darüber entscheidet, wer anonym sein darf und wer nicht.
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