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Warum es mit dem Löffel besser schmecktEine runde Sache

Mit Messer und Gabel zu hantieren, entspricht der Etikette. Warum unsere Autorin viel lieber mit dem Löffel isst.

Da habe ich nun den Salat. „Guten Appetit“ wünscht die junge Frau, die mir den Teller auf den Tisch des Restaurants stellt, in dem ich an einem Mittag einkehre. Die grünen Salatblätter sind frisch, dazwischen leuchten dunkelrote Streifen von Radicchio und kleine Scheiben junger Möhren und knackigen weißen Rettichs. Ich steche mit der Gabel in die Blätter, spieße etwas Karotte auf und versuche, mit dem Messer auch noch eine Scheibe Rettich auf die Gabel zu schieben.

Doch auf dem Weg zum Mund stürzt der Rettich ab, fällt mir auf die Hose und hinterlässt einen feuchten Fleck. Nachdem ich trotzdem einigermaßen ordentlich aufgegessen habe, schwimmt zum Schluss im Teller noch etwas Vinaigrette. Mit ihrer feinen Säure ist sie viel zu schade um einfach abgeräumt und abgewaschen zu werden. Lieber möchte ich sie auslöffeln. Aber ich habe nicht das passende Besteck bekommen.

Wie in einer kleinen Schale sind alle Zutaten vereint, mit jedem Bissen genieße ich den vollen Geschmack

Mit Messer und Gabel zu essen, entspricht der Etikette. Wer damit geschickt und ohne zu kleckern hantiert, zeigt, dass er oder sie den Code der bürgerlichen Gesellschaft versteht und dort zu Tisch sitzen kann, ohne unangenehm aufzufallen. Trotzdem esse ich viel lieber mit dem Löffel und lasse die Gabel links liegen.

Ob Salat oder Vorspeisen, Reis oder Pasta mit Soße, Hirse oder Kartoffeln, Gemüse oder kleingeschnittenes Fleisch – mit dem Löffel zu essen ist nicht nur praktisch, es ist auch sinnlich. Wie in einer kleinen Schale sind darauf alle Zutaten zusammengefasst, sodass ich Bissen um Bissen den vollen, runden Geschmack genießen kann.

Die Vorlieben beim Essen prägen sich in der Kindheit ein, besagen Ergebnisse aus der Sozialisationsforschung und Psychologie. Nach der Trennung meiner Eltern lebte ich mit Mutter und Geschwistern bei meinen Großeltern. Sie hatten einen alten Landgasthof und waren damit gut beschäftigt. Niemals kam es ihnen in den Sinn, die Tischsitten ihrer Gäste zu überwachen.

Auch an unserem Familientisch in der Küche war es vor allem wichtig, dass das Essen für sieben hungrige Münder reichte und gut schmeckte. Dass ich am liebsten mit dem Löffel aß, interessierte niemanden. Nur manchmal wurden wir Kinder ermahnt, ruhiger zu sitzen und nicht so viel mit den Stühlen zu kippeln.

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An so etwas war bei meinem Vater nicht mal zu denken. Wenn ich mit meinen Geschwistern dort ein Wochenende verbrachte, mussten Messer und Löffel akkurat rechts und die Gabel links neben dem Teller liegen, selbstverständlich auf einer frisch gebügelten Tischdecke aus weißem Damast. Der Vater saß am Haupt des Tisches. So hatte er seine vier Kinder, seine Mutter und die Haushälterin genau im Blick. Mein Platz war links von ihm, er schaute mir andauernd auf die Finger und erklärte, wie ich zu essen hätte.

Nach der Suppe musste ich den tiefen Teller mitsamt dem Löffel abräumen lassen. Wenn es Braten gab, sollte ich zuerst ein mundgerechtes Stück Fleisch von der Scheibe schneiden, danach die Salzkartoffeln mit der Gabel in kleine Stücke zerteilen, Kartoffel und Fleisch mit dem Messer auf die Gabel schieben, diese durch die Bratensoße ziehen und nun zu Munde führen. Diese Prozeduren verdarben mir jeglichen Appetit. Sogar der Nachtisch schmeckte mir nicht mehr, obwohl ich dafür einen Kaffeelöffel benutzen durfte.

Vielleicht war es mir deshalb lange peinlich, in der Öffentlichkeit mit dem Löffel zu essen. Ich hatte ja gelernt, dass sich das nicht gehört. Und vielleicht mache ich es so gerne, weil es sich nach Zuhause anfühlt, nach Oma und Opa und Mama. Der Löffel war das erste Besteck, das ich in die Hand genommen habe, und er wird auch das letzte sein. Bis ich irgendwann nicht mehr an Mahlzeiten und dem Leben teilnehmen kann und ihn abgebe.

Mittlerweile esse ich ganz ungeniert so, wie es unsere Vorfahren schon vor Urzeiten gemacht haben. Denn die Gabel auf dem Esstisch ist eine ziemlich neue Erfindung. Die längste Zeit kam Homo erectus und später Homo sapiens in Europa auch ohne gut klar. Man aß mit den Händen oder mit dem Löffel, der der schöpfenden Hand nachgeahmt ist. Ar­chäo­lo­g:in­nen entdeckten Exemplare aus Holz oder Knochen geschnitzt sogar in sehr frühen Funden aus der Altsteinzeit. In der Jungsteinzeit, etwa 5.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, brannten die Menschen ihre Löffel aus Ton.

Erst deutlich später, in der Antike, verwendeten Griechen und Römer kleine Gabeln, aber nur zum Servieren von Obst und Konfekt oder zum Aufspießen von Fleisch. Ab dem 7. Jahrhundert führte man dann an höfischen Tafeln in Byzanz und im nahöstlichen Raum die Gabeln auch zu Munde. Der hohe Adel in Venedig und anderen italienischen Städten, die mit den Ländern am östlichen Mittelmeer Handel trieben, wollte es ihnen gleichtun und begann dann um das Jahr 1100, im Hochmittelalter, mit der Gabel zu dinieren.

Man hielt das für schick und vor allem: Man konnte sich damit abgrenzen von niedrigeren Schichten. Das Besteck war oft aus Silber und ein Zeichen für Reichtum. Über Frankreich kam die Essgabel schließlich nach Deutschland, auch hier zunächst nur zu den gehobenen Kreisen. Standard auf den Tischen des Bürgertums wurde sie erst im 19. Jahrhundert.

Das Essen aufpieksen und die Zacken dann in den Mund führen? Ich würde zwar nicht so weit gehen wie Hildegard von Bingen, die fand, dass die Gabel ein Werkzeug des Teufels ist. Die frühen Essgabeln hatten nur zwei, später drei Zinken und erinnerte manche gläubige Chris­t:in­nen an die Forken, mit denen der Teufel dargestellt wurde.

Auch wenn die Essgabel heutzutage vier Zinken hat – in meinem Mund hat sie trotzdem nichts verloren. Ich nutze sie nur, um mir Linsen, kleingeschnittenes Gemüse, Spirelli oder Spätzle in Soße auf den Löffel zu schieben. Für ein angenehmes taktiles Erlebnis sollte der Löffel allerdings die richtige Größe haben, er darf nicht zu tief sein und seine ovale Form sollte harmonisch zur Mundöffnung passen.

Mit dem Löffel malen

Als ich letzten Sommer eine Freundin besuchte, mochte ich nicht nur den Kaffee und Kirschkuchen, sondern auch ihre Bilder, die an den Wänden hingen und auf einer Staffelei standen. Da hörte ich, dass sie nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit dem Löffel malt.

Sie trägt Acrylfarben mit der Rückseite eines Kaffeelöffels auf, das ergibt plastische Effekte auf der ansonsten zweidimensionalen Leinwand. Die britische Künstlerin Ann Carrington gestaltet sogar Skulpturen aus Essbesteck, oft in Form übergroßer Blumenbouquets. Für die Blüten verwendet sie vor allem Löffel. Aber manchmal verbiegt sie dafür – nun ja – auch Gabeln.

Im Restaurant, in dem ich vor meinem Teller mit dem Rest Salatsoße sitze, bitte ich um einen Löffel. Erstaunt schaut mich die Servicekraft an. „Ihr Salat war lecker und auch die Vinaigrette schmeckt gut, ich würde sie gerne auslöffeln“, sage ich. „Aber selbstverständlich, bringe ich Ihnen gleich“, erwidert die junge Frau und kommt bald zurück – mit einem Kaffeelöffel. Die Salatsoße als Dessert? Warum nicht, denke ich, und löffle sie restlos auf.

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