Wandel der Geschäftswelt: „Straßen werden pauschal als Problemorte dargestellt“
Ein Film widmet sich dem ständigen Wechsel von Geschäften in einer Hamburger Straße. Dabei ging es den Macher*innen um die Vielfalt der Gründe.
taz: Anna Feldmann, was ist die Wandsbeker Chaussee für eine Straße?
Anna Feldmann: Die Wandsbeker Chaussee ist eine der zentralen Straßen Hamburgs, die bereits zur Hansezeit existierte. Sie befindet sich in den Stadtteilen Wandsbek und Eilbek und hat sich schon immer sehr verändert.
taz: Ist Migration der Grund für die Veränderung?
Feldmann: Genau das ist die Meinung, die wir öfter gehört haben: dass dieser Wandel mit Migration zu tun habe. Wir wollten mit unserem Film untersuchen, inwieweit das stimmt und welche anderen Faktoren vielleicht eine viel größere Rolle spielen.
taz: Wieso war es Ihnen wichtig, einen Film über diese eine Straße zu machen?
Feldmann: Die Wandsbeker Chaussee steht für viele Straßen deutschlandweit, in denen sich ständig etwas an den Geschäften verändert. Wir wollten versuchen, die Gründe des Wandels zu verstehen und dadurch Vorurteile abzubauen. Besonders in der heutigen Zeit, in der viele Medien einseitig und vereinfachend über Veränderungen in Bezug auf Migration berichten, wird der Wandel von Straßen oder Stadtteilen häufig zu eindimensional erzählt. Entweder steht Migration fast ausschließlich im Mittelpunkt oder Straßen werden pauschal als Abstiegs- oder Problemorte dargestellt. Dadurch gehen die unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen sowie die komplexen Zusammenhänge verloren.
taz: Was wollten Sie anders machen?
Feldmann: Wir sind nicht von der Fragestellung „Was hat Migration mit dem Wandel zu tun?“ ausgegangen, sondern haben den Wandel erst einmal verstehen wollen, bevor wir die Thematik spezifisch untersuchen. Unser Ziel war es, den Wandel in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu betrachten und nicht bereits mit einer vorgefertigten Erklärung in die Recherche zu gehen.
Dokumentationsfilm „Wandel der Wandsbeker Chaussee“ von Amad Hamed und Anna Feldmann: 2. Juli, 18:30 Uhr, Kulturschloss Wandsbek, Königsreihe 4, 22041 Hamburg, freier Eintritt.
taz: Und was kam heraus?
Feldmann: Viele verschiedene Faktoren beeinflussen den Wandel, sodass es schwierig ist, die Frage mit einem Satz zu beantworten. Deshalb haben wir eine Langzeitrecherche dazu gemacht, um mit einem Dossier und einer Dokumentation einen Einblick geben zu können. Was auf jeden Fall direkt auffällt, ist das veränderte Konsumverhalten der Gesellschaft und das veränderte Angebot durch die Digitalisierung und den Onlinehandel.
taz: Wie sind Sie auf die Idee zu dem Film gekommen?
Feldmann: Mein Co-Autor Amad Hamed wohnt selbst in Eilbek in der Nähe der Wandsbeker Chaussee. Dadurch hat er den Wandel tagtäglich mitbekommen. Er wollte diesen verstehen und hatte dadurch die Idee für eine Dokumentation. Mit der journalistischen Hilfe des Magazins Kohero, für das ich zurzeit arbeite und über das wir uns kennengelernt haben, haben wir dann den Film realisieren können und zusätzlich mehrere Artikel geschrieben, die gleichzeitig mit dem Film veröffentlicht werden.
taz: Wie sind Sie an den Film herangegangen?
Feldmann: Wir haben, basierend auf Interviews, ein Stimmungsbild eingefangen. Und wir haben geschaut, mit welchen Problemen die Geschäfte vor Ort zu kämpfen haben und warum Geschäfte schließen müssen, andere neu aufmachen und vielleicht besser funktionieren. Dafür haben wir mit Geschäftsführer*innen gesprochen, um sie nach den Gründen dafür zu fragen. Außerdem haben wir mit Passant*innen gesprochen, um zu erfahren, wie sie den Wandel erleben.
taz: Was sagen denn die Leute vor Ort?
Feldmann: Was die Geschäfte angeht, gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Viele finden die Angebote der Geschäfte ansprechend und schätzen die Vielfalt. Andere wiederum nehmen die Auswahl eintönig wahr. Außerdem wurde immer wieder thematisiert, dass die Straße nicht zum Aufhalten einlädt. Denn die Wandsbeker Chaussee ist eine sechsspurige Straße und dadurch eine der meist befahrenen Straßen Hamburgs. Viele wünschen sich eine bessere Aufenthaltsqualität.
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