Walerie Solowei verhaftet: Festnahme von Kreml-Kritiker

Der Hochschullehrer und Kaderausbilder wurde in Sankt Petersburg inhaftiert. Der Vorwurf: Verstoß gegen Maskengebot und Versammlungsrecht.

Portrait von Waleri Solowei

Der Politikwissenschaftler Waleri Solowei, neben seiner Kreml-Kritik bekannt für bunte Fliegen Foto: Artyom Geodakyan/imago

MOSKAU taz | Er ist nicht zu übersehen. Walerie Solowei ist schlank und hochgewachsen. Auch mit 60 Jahren bleibt der Professor einer Leidenschaft treu: Zu einem echten Hochschullehrer, der Moskaus diplomatischen Nachwuchs an der Kaderschmiede MGIMO ausbildet, gehört ein passendes Outfit. Solowei entschied sich für „Babotschki“, Fliegen, die er fast zu jeder Gelegenheit trägt. Mal dunkel, mal hell gepunktet. Jetzt wurde der Regierungskritiker in Sankt Petersburg festgenommen, angeblich weil er gegen Maskengebot und Versammlungsrecht verstoßen habe.

Im Juni 2019 verließ der Historiker Solowei die Universität, sein Vertrag wurde nicht verlängert. Manche sahen darin einen Rauswurf, da der Professor „antistaatliche Propaganda“ verbreitet und die „politische Stabilität“ untergraben habe.

Größere Bekanntheit erlangte er in den vergangenen Jahren, als er immer häufiger in kritischeren Medien auf gesellschaftliche Verschiebungen hinwies, Verwerfungen, die auf Russland zukämen. Er rührt am Gegenteil dessen, was der Kreml den Russen verheißt: ein Leben unter Wladimir Putin in Wohlstand und Stabilität – bis zum Ende.

Seit zwei Jahren schärft er Zuhörern den Blick, spricht von Vernetzungen der zivilgesellschaftlichen Proteste landesweit. Die gibt es auch, nur erreichten sie bislang keinen kritischen Punkt. Dennoch bleibt der Professor zuversichtlich: 2021 würden sich allmählich die Schleusen öffnen.

Solowei verfügt über beste Kontakte

Solowei nennt Beobachter, die zu ähnlichen Schlüssen gelangen wie er, nicht beim Namen. Doch gibt er sich als deren natürlicher Verbündeter. Und natürlich stimmen die feinsinnigen Analysen und Beobachtungen, mit denen er auch seine vermeintliche Nähe zu den Unbekannten schmückt. Solowei verfügt über die besten Kontakte: Vor der Zeit am MGIMO arbeitete er bei der Gorbatschow-Stiftung. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2018 war er Berater von Boris Titow, dem Unternehmer, der als Kandidat der „Wachstumspartei“ außerhalb der Konkurrenz teilnahm.

Mit welchem Gleichmut der Kreml indes reagiert, wenn Solowei beim liberaleren Sender Echo Moskwy oder im eigenen Youtube plaudert, macht nachdenklich.

Die angeblich schwere Krankheit Präsident Wladimir Putins ist schon seit mehr als einem Jahr Thema des Dozenten. Wird der Kremlchef demnächst aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten? Könnte das Gerücht nicht auch ein Ablenkungsmanöver sein? Zumindest verwirrt die Gelassenheit des Kreml.

Erst im Oktober 2020 gründete Solowei die „dezentrale“ Bewegung „Peremen“ (Veränderung). Sie setzt sich für die Veränderung der Rentenreform ein, verlangt den Rücktritt der Regierung und fordert die Einhaltung des Versammlungsrechts. Der belorussische Telegram-Kanal Nechta gilt als Vorbild.

Solowei genießt auch die Rolle des „Skan­daltschik“ ein wenig. Zumindest sah es bei der Festnahme in Petersburg danach aus.

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