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Wahlkampf in Argentinien Trumpfkarte Nationalgefühl

Jürgen Vogt

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Jürgen Vogt

Argentiniens Präsident Milei missbraucht die britischen Falklandinseln als nationalistisches Wahlkampfthema, weil seine Umfragen schlecht sind.

W as hat die reine Lehre des Anarchokapitalismus mit Nationalismus zu tun? Nichts. Warum also spielt der argentinische Präsident Javier Milei die nationalistische Karte aus? Weil ihm das Wasser bis zum Hals steht. Das Bild passt zu den Falklandinseln – die Argentinien Malwinen-Inseln nennt –, um die es geht. „Unsere nationale Sache ist heute einer eindeutigen und dringenden Gefahr ausgesetzt, die eine angemessene Reaktion erfordert“, erklärte Milei vergangenen Donnerstag in einer landesweit ausgestrahlten Ansprache. Und: „Las Malvinas son argentinas!“ – „Die Malwinen sind argentinisch!“

Mileis Umfragewerte sind schlecht, seine Wiederwahl im kommenden Jahr ist nicht mehr sicher. Die wirtschaftliche Realität, die soziale Härten und die politischen Enttäuschungen lassen sich nicht einfach mehr wegreden. Und so entdeckt und missbraucht der radikale Marktfundamentalist den Nationalstaat als Wahlkampfinstrument. Der Spruch „Las Malvinas son argentinas“ ist emotional besetzt und auf dem Festland alltäglich präsent. Er wird im Kindergarten und in der Schule gelehrt. Er prangt an jedem öffentlichen Verkehrsmittel, und wer durch die Pampa fährt, kommt alle paar Hundert Kilometer an einem Straßenschild mit dieser Aufschrift vorbei.

Daran wurde auch bei der Fußballweltmeisterschaft von einigen argentinischen Spielern mitgewirkt, als sie nach dem Halbfinalspiel gegen England ein beschriftetes Bettlaken ausbreiteten, das einige Fans ins Stadion geschmuggelt und über die Absperrung geworfen hatten. Von dieser Aktion führt ein roter Faden zur „Malwinisierung“ des Präsidenten. Während die Aktion in der Bevölkerung auf große Sympathie und Zustimmung stieß, zeigte sich Milei wenig begeistert davon. Vergangene Woche stellte er sich an die Spitze der Bewegung. Deren Ziel ist jetzt nicht mehr die Rückgewinnung der Inseln, sondern seine Wiederwahl.

Doch wer glaubt, das Manöver ist zu durchsichtig und plump, irrt. Als die Militärdiktatur 1982 vor dem Aus stand, ließ der Juntachef die Inseln besetzen. „Las Malvinas son argentinas, los desaparecidos también“. Der Slogan „Die Malwinen sind argentinisch, die Verschwundenen auch“ stand auf einem Transparent der Mütter der Plaza de Mayo. Das gilt auch heute: Egal, wie schlecht die Regierung beurteilt wird, sind sich doch alle einig, dass alles, was gegen die britischen Invasoren unternommen wird, richtig ist.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jürgen Vogt

Jürgen Vogt Korrespondent Südamerika

Kommt aus Karlsruhe. Studierte Politische Wissenschaft in Hamburg und Berlin und arbeitete als Redakteur und Geschäftsführer der Lateinamerika Nachrichten in Berlin. Heute lebt er in Buenos Aires. Er ist Autor des Reisehandbuchs “Argentinien”, 2026, Reise Know-How Verlag.
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3 Kommentare

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  • Desdur Nahe

    "Als die Militärdiktatur 1982 vor dem Aus stand..."



    So weit muss man gar nicht zurückgehen. Auch Cristina Fernández de Kirchner hat dieses Thema intensiv bespielt, den 30. Jahrestag des Krieges populistisch genutzt und regelmäßig vor der UNO gegen die Briten gewettert.

  • Troll Eulenspiegel

    Vor einigen Jahren hat man mich dumm angemacht (andere Meiniung), dass Milei das Thema der Falklandinseln nicht anlangen würde. Wie ich meine Kritiker schonwieder eines Besseren belehren konnte. Exzellent.

    Jetzt sollten wir uns überlegen, wie wir einen zweiten Pinochet , jedoch des Nachbarlandes, verhindern müssen. Von außen. Weil die Umbaumaßnahmen dieses Landes sind in vollen Gange.

  • Simon Lübbers

    Ich habe vor ein paar Wochen zufällig eine Podcast-Folge zum Falklandkrieg gehört. Zuvor hatte ich mich nie mit dem Thema befasst. In dem Podcast wurden die jeweiligen völkerrechtlichen Begründungen von Großbritannien und Argentinien für ihren Anspruch auf die Inseln dargestellt. Seitdem bin ich der Überzeugung, dass Argentinien absolut keinen Anspruch hat und nie hatte. Großbritannien beruft sich auf das Selbstimmungsrecht der Völker, weil alle Einwohner Briten sind und bleiben wollen. Argentinien beruft sich auf eine UN-Resolution zur weltweiten Dekolonisierung. Ergibt keinen Sinn, weil Argentinien selbst ein Kolonialstaat ist. Die Argentinier sind die Nachfahren der Invasoren, die die angestammte Bevölkerung ausgelöscht haben. Die Falklandinseln hingegen waren ursprünglich unbewohnt, die Briten waren die ersten Bewohner dort. Es gibt absolut keinen Grund, warum die jetzt ausgerechnet Argentinien gehören sollten.