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Wahlen in BelarusJedes Menschenleben zählt

Kommentar von

Barbara Oertel

Machthaber Lukaschenko hat sich in Belarus erwartungsgemäß zum Wahlsieger erklärt. Der Westen sollte sich nun darauf konzentrieren, politische Gefangene freizubekommen.

Warschau, Polen, 26. Januar: Protest gegen die Wahl in Belarus, die Plakate zweigen inhaftierte Oppositionelle Foto: Marek Antoni Iwanczuk/SOPA Images/imago

E s ist überraschend, dass der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko bei der sogenannten Präsidentenwahl am Sonntag nicht 101 Prozent der Stimmen bekommen hat. Nun sind es doch „nur“ knapp 87 Prozent geworden – auch nicht schlecht, um die siebte Amtszeit einzuleiten.

Dabei ist das Spektakel, das da in der ehemaligen Sowjetrepublik über die Bühne ging, an Perfidie und Zynismus kaum noch zu überbieten. Die vier Mit­be­wer­be­r*in­nen waren Witzfiguren, die dem Regime treu ergeben sind. Massive Repressionen im Vorfeld der Wahlfarce gegen potenzielle „Unruhestifter*innen“ sollten Lukaschenko-Kritiker*innen präventiv den Schneid abkaufen, in Massen auf die Straßen zu gehen, wie noch im Sommer und Herbst 2020.

Keine Frage, auch Lukschenko ist offensichtlich lernfähig. Dazu passt dann auch, dass Be­la­russ­s*in­nen im Ausland mangels Wahllokalen nicht abstimmen konnten und ernstzunehmende internationale Wahl­be­ob­ach­te­r*in­nen nicht anwesend waren, aber was soll`s: Schwamm drüber.

Dass niemand Lukaschenko diese Wahlergebnisse abkauft, ist eine Sache. Eine andere ist seine Botschaft „Ihr könnt mich mal,“ die den Westen adressiert. Ach ja, wirklich? Lukaschenko, fest im Würgegriff Russlands, weiß nur zu gut, dass ihm unruhige Zeiten bevorstehen könnten.

Den Dialog mit Minsk suchen

Sollte es zu wie auch immer gearteten Friedensverhandlungen kommen, um den Krieg in der Ukraine zu beenden, hätte das auch direkte Auswirkungen auf Belarus – vor allem wirtschaftliche. Deshalb gilt es, sich zur Abwechslung mal wieder beim Westen anzubiedern.

Ein probates Mittel des Regimes dafür sind politische Gefangene, derzeit rund 1200 an der Zahl. Angesichts der menschenverachtenden Zustände in belarussischen Strafanstalten sollten die westlichen Staaten jetzt ihre Anstrengungen vor allem darauf richten, Menschen aus der Haft frei zu bekommen und den Dialog mit Minsk suchen. Denn es geht um nichts Geringeres als die Rettung von Menschenleben. Und da zählt jedes einzelne.

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Ressortleiterin Ausland
Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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