Wahl des tibetischen Premier: Stabilität in unruhigen Zeiten
Penpa Tsering bleibt Regierungschef der tibetischen Exilverwaltung. Die Frage nach der Nachfolge des Dalai Lama dürfte ihn weiterhin beschäftigen.
Es ist ein klares Votum: Mit 61 Prozent der Stimmen wurde Penpa Tsering am Freitag als Sikyong, also Regierungschef der tibetischen Exilverwaltung (CTA), für die nächsten fünf Jahre bestätigt. Die Vorwahlen fanden weltweit statt, von Indien bis Nordamerika. 51.140 Menschen nahmen teil, 103 Kandidaten traten an, drei schafften es in die engere Auswahl. Die Parlamentswahlen der Exil-Tibeter stehen noch aus: Am 26. April wird über die 45 Sitze des Exilparlaments abgestimmt.
Tsering steht für Stabilität in einer Zeit, in der die Exilgemeinschaft über ihre Zukunft ohne den 14. Dalai Lama nachdenkt. Tenzin Gyatso wurde im vergangenen Sommer 90 Jahre alt, seine Nachfolge rückt immer näher.
Im Interview mit der taz sagte Tsering im vergangenen Jahr, dass er eine echte Autonomie für Tibet durch gewaltfreie Mittel anstrebt, einen mittleren Weg zwischen zwei Extremen: dem historischen Status Tibets als unabhängigem Staat und der aktuellen Unterdrückung durch das kommunistische Regime. Peking nennt Tibet „autonom“, was es de facto nicht sei, kritisiert er. Als Vorbilder für eine Lösung nennt er Modelle wie Südtirol oder Schottland.
Die Nachfolge des Dalai Lama wird Tsering weiter begleiten. Zwar scherzte der Dalai Lama, er werde weit über 100 Jahre alt, doch Peking beansprucht bereits per Gesetz die Kontrolle über die Anerkennung seiner Reinkarnation – wohl ein Versuch, Tibet politisch weiter zu kontrollieren. Gyatso und Tsering haben sich wiederholt dagegen ausgesprochen.
Er kennt Tibet nur aus Erzählungen
Tsering gehört einer Generation an, die vollständig im Exil aufwuchs. 1967 wurde er als eines von neun Kindern in der tibetischen Siedlung Bylakuppe im südindischen Karnataka geboren. Seine Eltern waren Bauern aus der Region Amdo, die nach der Flucht des Dalai Lama 1959 aus Tibet nach Indien kamen. Tibet kennt Tsering nur aus Erzählungen, politisch prägt ihn die Organisation der Diaspora.
Er gilt als guter Redner, sowohl auf Tibetisch als auch auf Englisch, und als geschickter Vermittler. Zu den Erfolgen seiner Regierung zählt, dass ein Teil der von der Trump-Regierung gestrichenen US-Hilfen für die tibetische Sache wiederhergestellt wurde. Zudem öffnete sie Wohnprogramme für im Exil geborene Tibeter, nicht nur für neu angekommene Geflüchtete.
Tsering studierte Wirtschaftswissenschaften in Südindien. Während des Studiums begann sein politisches Engagement, 1996 zog er erstmals ins Exilparlament ein. Von 2001 bis 2008 leitete er das Tibetan Parliamentary and Policy Research Centre (TPPRC) in Delhi, ein Gemeinschaftsprojekt mit der Friedrich-Naumann-Stiftung. Anschließend war er bis 2016 zwei Amtszeiten lang Parlamentspräsident der CTA. Danach vertrat er den Dalai Lama als offizieller Repräsentant in Nordamerika.
Im Mai 2021 trat er das Amt des Sikyong an. Damals warb er für die Freilassung des „11. Panchen Lama und aller politischen Gefangenen“, eine Forderung, die bis heute Bestandteil seiner Lobbyarbeit geblieben ist. Einen Wahlkampf hat er nicht geführt, da er der Meinung war, dass die Menschen seine Arbeit beurteilen und entsprechend wählen sollten.
Am 27. Mai wird er erneut seinen Amtseid ablegen. Wie der Dalai Lama, der 2011 seine politischen Aufgaben an den Sikyong übergab, lebt Tsering in Dharamsala am Fuße des Himalayas. Dort tagt auch das Exilparlament zweimal im Jahr. Privat gilt er als zurückhaltend, über sein Familienleben spricht er kaum.
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