Vortrag über Erich Mühsam: „Der pazifistische Ruf findet kaum Gehör“
Der Anarchist und Antimilitarist Erich Mühsam hätte heute viel zu kritisieren. In Lübeck widemt sich ein Vortrag seinem Kriegstagebuch von 1916/1917.
Foto: Peter Kneffel/dpa
taz: Angesichts der Kriegstüchtigkeit, die Verteidigungsminister Pistorius bis 2029 herstellen will, scheint der Pazifismus aus der Zeit gefallen. Oder täuscht das, Herr Schäfer?
Ortwin Schäfer: Momentan ist er sehr aktuell. Öffentlich ist er allerdings stark unter Druck. Überall wird Militarisierung gefordert. Der pazifistische Ruf nach diplomatischer Konfliktregulierung findet kaum Gehör.
taz: Sie befassen sich mit dem Anarchisten und Antimilitaristen Erich Mühsam, 1934 im KZ Oranienburg ermordet. Wie präsent ist er heute noch?
Schäfer: In Literaturkreisen ist er noch präsent, er war ja nicht nur politischer Aktivist, er war auch Schriftsteller. Aber leider kennen ihn viele nicht mehr.
taz: Mühsam hat Verse gedichtet wie: „Liebe, die das Herz beseligt, / zupft an keiner Leier mehr. / Haß ersetzt sie. Haß befehligt. / Haß ist Heil und Pflicht und Wehr.“ Ist seine Dichtung auch Lehrdichtung?
Schäfer: Ja, er war sehr kämpferisch. Davor, in seiner Boheme-Zeit, hat er allerdings auch Lebensfrohes verfasst.
taz: Sie referieren über Mühsams „Kriegstagebuch“ von 1916/1917. Was tritt uns darin entgegen? Ein Lehrstück über Kriegspropaganda, über die Sinnlosigkeit des Kriegsleidens?
Schäfer: Beides. Und es analysiert die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs. Natürlich hat sich die Welt seit dieser Zeit sehr gewandelt. Aber wir begegnen bei Mühsam auch der Zeitlosigkeit.
taz: Worin zum Beispiel?
Vortrag von Ortwin Schäfer: „Erich Mühsams Abrechnung mit Deutschlands Griff nach der Weltmacht: Das ‚Kriegstagebuch‘ von 1916/1917 – Entstehungsgeschichte, Aufbau und aktuelle Relevanz“, Sa, 3.10., 9.30 Uhr, Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck. Im Rahmen der Jahrestagung „Kriegstüchtig oder friedensfähig? Militarisierung der Gesellschaft“ der Erich-Mühsam-Gesellschaft, Lübeck
Schäfer: Mühsam hat sich zunächst sehr stark an Leo Tolstoi orientiert, der Gewalt rigoros ablehnte. Gleichzeitig war er Anhänger von Michail Bakunin, einem Befürworter der Gewalt in der sozialen Revolution. In seinem Buch versucht er, diesen Zwiespalt zu lösen, was ihm aber, meines Erachtens, nicht gelingt.
taz: Mühsam kritisiert Deutschlands damalige Weltmachtbestrebungen. Wie ist es heute? Immerhin fordert Bundeskanzler Merz, die Bundeswehr solle „konventionell zur stärksten Armee Europas“ werden.
Schäfer: Diese Bestrebungen sind in Deutschland nie richtig aufgegeben worden. Das lässt sich auch an dem Strategiepapier „Neue Macht – Neue Verantwortung“ von 2013 ablesen. Mühsam analysiert den Patriotismus, die heroische Phrasendrescherei, die Feindbildbildung. All das ist nach wie vor aktuell.
taz: „Willst du den Frieden“, heißt es ja, „bereite den Krieg vor!“ Was sagen Sie jemandem, der diese Doktrin verficht?
Schäfer: Dass es immer die Gefahr der Eskalation gibt. Das Argument, dass ich nur aufrüste, um diese Waffen nie einzusetzen, wird von der Gegenseite als Bedrohung wahrgenommen und gleichlautend beantwortet. Es gilt, einen Ausstieg aus dieser Spirale zu finden, durch Kompromisse.
taz: Was hat Mühsam 1916/1917 erlebt?
Schäfer: Das Grauen des Krieges, das Scheitern der Antikriegsbewegung und die Mitschuld der SPD und der Gewerkschaften durch die „Burgfriedenspolitik“. Das Scheitern der Versuche, den Krieg durch Verträge und Vereinbarungen zu verhindern.
taz: Spielt das nicht argumentativ denen in die Hände, die einen Frieden durch Abschreckung propagieren?
Schäfer: Das könnte sein, wäre aber ganz gewiss nicht in seinem Sinne. Aber Mühsam war ein klassischer Anarchist. Er führte das Problem immer auf den Nationalstaat zurück, der mit anderen Staaten um Macht konkurriert. Deshalb kritisierte Mühsam auch das Völkerrecht. Er sagte: Wenn es um ihre eigenen Interessen geht, halten die Staaten sich nicht daran. Das Argument, es werde nicht eingehalten, stehe immer nur gegen den politischen Gegner, sei kein Maßstab des eigenen Handelns. Die Lösung sah Mühsam in einer entstaateten Vereinigung der Welt.
taz: In einer Utopie?
Schäfer: Mühsam dachte stark utopisch. Er war überzeugt: Ein dauerhafter Frieden ist nur durch die Umgestaltung der Gesellschaft möglich. In Richtung Sozialismus. Und in Richtung Anarchie – der gesellschaftlichen Ordnung ohne Herrschaft.
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