Vormarsch der Taliban: Die Diplomatie hat versagt

Die westlichen Regierungen kümmern sich um die eigenen Leute und Ortskräfte. Nötig wäre ein konzertiertes Vorgehen gegenüber den Taliban und Pakistan.

Vier Männer, eine Frau mit Kopftuch und ein Mädchen mit zwei voll bepackten Gepäckwagen auf dem Flughafen von Kabul

Nur weg hier. Afghanische Flüchtlinge auf dem Flughafen von Kabul Foto: Rahmat Gul/ap

Das bisher vom Westen unterstützte Afghanistan ist auf eine Insel zusammengeschrumpft. Die Taliban sind inzwischen fast kampflos in alle Großstädte außer Kabul und fast alle Provinzhauptstädte eingerückt. Meist geschah das kampflos. Provinzgouverneure und ganze Armee-Regimenter ergaben sich den Taliban. Am Samstagabend wurde spekuliert, Präsident Aschraf Ghani würde noch am selben Tag seinen Rücktritt ankündigen.

Das, so hieß es, würde im Gegenzug für eine Taliban-Waffenruhe und damit den Verzicht auf einen Sturm auf Kabul oder die Installierung einer Übergangsregierung erfolgen. Passiert ist es bisher nicht. Ghani sagte in einer kurzen Fernsehansprache, er bemühe sich, die Streitkräfte zur Verteidigung zu reaktivieren. Kaum etwas könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Ghanis tagelanges Nichtauftauchen und seine jetzige Ansprache zeigen, wie isoliert, uninformiert und illusionsbehaftet der Präsident die Lage beurteilt. Ghani ist für seine Beratungsresistenz bekannt. Laut Informationen des US-Militärs sei nur noch ein Sechstel der ursprünglichen 300.000 Soldaten und Polizisten theoretisch einsetzbar. Stündlich werden es weniger. Ghani kann einem fast Leid tun, obwohl er große Mitverantwortung für die derzeitige Misere trägt.

Aber wie sein Vorgänger Karsai wurde er von den USA ausgewählt, das Land zu führen – und später infolge von Misserfolgen, die Washingtons Kriegskurs verursachte und die man ihm qua Mitwirkung ankreiden konnte, erst „intern“ – aber für alle hörbar – diskreditiert und dann fallen gelassen. Insofern steht Ghani exemplarisch dafür, wie ihre westlichen „Partner“, Geber und Patrone Afghanistan und die Af­gha­n:in­nen seit 2001 über weite Strecken behandelt haben.

Nun geht es aber weniger um Ghani, sondern um die Zehntausenden von Menschen, die sogenannten Binnenvertriebenen, die sich nach Kabul durchgeschlagen haben und dort auf Straßen, in Parks und Moscheen kampieren, wenn sie nicht Unterschlupf bei Verwandten fanden. Was sich hier anbahnt, ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Nicht zuletzt besteht aufgrund der dritten Coronawelle akute Ansteckungsgefahr für die Geflüchteten und ihre Gastgeber.

Dass sich die westlichen Regierungen vor allem um die Evakuierung des eigenen Botschaftspersonals und mit etwas Glück auch der afghanischen Angestellten kümmern, zeigt das Versagen einer Diplomatie, die unfähig scheint, mehr als ein Problem zur gleichen Zeit zu lösen.

Gleichzeitig wäre es dringend nötig, dass sich die USA, die EU-Staaten, Japan und andere Verbündete zusammentun und gegenüber den Taliban und ihrem Hauptunterstützer Pakistan intervenieren, den Krieg zu stoppen, doch noch Verhandlungen zuzustimmen und damit auch die humanitären Probleme Afghanistans erstmal zu entschärfen.

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Mitbegründer des unabhängigen Think Tanks Afghanistan Analysts Network Kabul/Berlin (https://www.afghanistan-analysts.org/en/). Abschluss als Diplom-Afghanist, Humboldt-Univ. Berlin 1985. Erster Afghanistan-Aufenthalt 1983/84, lebte und arbeitete seither insgesamt mehr als 13 Jahre dort, u.a. als Mitarbeiter der DDR-, der deutschen Botschaft, der UNO und als stellv. EU-Sondergesandter. Seit 2006 freischaffend. Bloggt auf: https://thruttig.wordpress.com zu Afghanistan und Asylfragen. Dort auch oft längere Fassungen der taz-Beiträge.

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