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Vorgetäuschter Tod von Denis KapustinKeine geniale Spezialoperation

Nicholas Potter

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Nicholas Potter

Der ukrainische Geheimdienst soll den Tod des russischen Neonazis Denis Kapustin fingiert haben, um Kopfgeld zu kassieren. Eine misslungene PR-Aktion.

Denis Kasputin (Mitte) mit dem „Russischen Freiwilligenkorps“, das überwiegend aus rechtsextremen Exilrussen besteht Foto: Sergey Bobok/afp

W as zunächst wie ein spektakulärer Agententhriller klingt und die Ukraine als geniale Spezialoperation verkaufen will, wirft viele Fragen auf: Der angebliche Tod von Denis Kapustin, der Ende Dezember vermeldet wurde, soll vom ukrainischen Militärgeheimdienst HUR nur vorgetäuscht worden sein, um das von Russland auf ihn ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Die HUR erstellte ein Fake-Video der vermeintlichen Drohnenattacke, die ihn getötet haben soll.

„Die für seine Eliminierung erhaltene halbe Million Dollar wird die Spezialeinheiten der HUR stärken“, schrieb der Militärgeheimdienst der Ukraine am 1. Januar auf dem Messengerdienst Telegram. Putin betrachte Kapustin als „seinen persönlichen Feind“ und habe den Kommandanten töten wollen, heißt es. Die „komplexe Spezialoperation“ soll über einen Monat gedauert haben. Damit sei auch das Leben Kapustins gerettet worden.

Dazu postete der ukrainische Militärgeheimdienst ein Video, in dem ein lebender und offenbar unversehrter Kapustin zu sehen ist. „Herr Denis, ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Rückkehr ins Leben“, sagt ihm im Videochat Generalleutnant Kyrylo Budanow, Chef des HUR. „Ich wünsche uns allen und Ihnen persönlich viel Erfolg“, so Budanow weiter. Einen Tag später wurde er zum neuen Leiter von Selenskyjs Präsidialkanzlei ernannt.

Kapustin, auch unter dem Pseudonym Nikitin bekannt, wurde in Moskau geboren und lebte zeitweise in Deutschland. Er gilt als Schlüsselfigur der extremen Rechten in Europa. Seit 2017 lebt er in der Ukraine. Als Russland das Land im Februar 2022 überfiel, rekrutierte er ausländische Rechtsextreme über Telegram, um sich dem Kampf gegen Putin anzuschließen. Im selben Jahr gründete er das „Russische Freiwilligenkorps“ (RDK), das überwiegend aus rechtsextremen Exilrussen besteht und aufseiten der Ukraine gegen Moskau kämpft.

Kapustins fingierter Tod dürfte der Ukraine mehr schaden als nutzen. Abgesehen von den 500.000 Dollar Kopfgeld, das im Kontext des Militäretats der Ukraine Peanuts ist: Die Aktion ist das bislang offenste Zugeständnis, dass der russische Neonazi und das rechtsextreme RDK offiziell unter der Aufsicht des ukrainischen Verteidigungsministeriums agieren, auch wenn deren Einsätze ohne die Zustimmung der Ukraine kaum möglich gewesen wären.

Selfies und Spendenaufrufe

In der Vergangenheit gab es zur genauen Rolle des RDK widersprüchliche Aussagen: Das HUR sagte zum Beispiel, dass es Teil der internationalen Legion sei, in der Freiwillige aus verschiedenen Ländern kämpfen. Dieser widersprach allerdings auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Nun heißt es vom ukrainischen Verteidigungsministerium: Das RDK sei Teil der „Spezialeinheit Timur“ des HUR.

Angesichts russischer Propaganda, die behauptet, die Ukraine sei von Faschisten regiert und müsse „entnazifiziert“ werden, ist eine offene und enge Zusammenarbeit mit Figuren wie Kapustin, die eine winzige Minderheit innerhalb der ukrainischen Streitkräfte darstellen, ein Fehler. Sie zeugt aber auch von der Verzweiflung der Ukraine nach einem knapp vierjährigen, brutalen Angriffskrieg Russlands. Das Putin-Regime hat horrende Kriegsverbrechen begangen. Die Ukraine bangt um ihre schiere Existenz. In den Augen vieler Ukrainer sind Menschen wie Kapustin deshalb lediglich ein Problem für die Zukunft.

In den Augen vieler Ukrainer sind Menschen wie Kapustin lediglich ein Problem für die Zukunft

Doch die „Spezialoperation“ stärkt vor allem den Mythos Kapustin, der immer wieder das Rampenlicht sucht. 2023 überfielen er und seine rechtsextremen Mitkämpfer ein russisches Grenzdorf in Brjansk – die Ukraine dementierte offiziell, etwas davon gewusst zu haben, doch Kapustin bestritt das. Es folgten weitere gewagte Aktionen des RDK in den russischen Oblasten Kursk und Belgorod, einige dauerten nur wenige Stunden.

Solche Einsätze waren eher durch Selfies und Spendenaufrufe für das RDK geprägt als durch reale militärische Erfolge für die Ukraine. Geholfen haben sie am Ende vor allem den Followerzahlen von Kapustins Telegram-Accounts. Einige kritisieren deshalb, dass das RDK in erster Linie als PR-Operation diene.

Das falsche Signal

Spektakuläre Aktionen wie die Drohnenoperation „Spinnennetz“, die die Ukraine immer wieder durchgeführt hat, sind in diesem Krieg äußerst wichtig: Sie zerstören nicht nur russische Kriegsinfrastruktur, sie stärken auch die Moral zu Hause und signalisieren den ausländischen Verbündeten, dass Kyjiw immer noch militärische Erfolge erzielen kann und dass sich weitere Unterstützung deshalb lohne.

Kapustin sterben und wiederauferstehen zu lassen, gehört jedoch sicherlich nicht zu den Erfolgen. Und dass Selenskyjs neue rechte Hand Kyrylo Budanow offenbar involviert war, sendet ein heikles Signal.

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Nicholas Potter
Redakteur
Nicholas Potter ist Redakteur bei taz zwei (Gesellschaft/Medien). Er wurde für den Theodor-Wolff-Preis und den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. Seine Texte sind auch in The Guardian, Haaretz und Tagesspiegel erschienen. 2025 war er Sylke-Tempel-Fellow des Deutsch-Israelischen Zukunftsforums, 2024 Nahost-Fellow des Internationalen Journalistenprogramms bei der Jerusalem Post. Er ist Mitherausgeber des Buches "Judenhass Underground" (2023). Im März 2026 erscheint sein neues Buch "Die neue autoritäre Linke" bei dtv.
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