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Vor dem TurnierbeginnOsman im WM-Fieber

Vor der Fußballweltmeisterschaft scheucht seine Frau unseren Kolumnisten vor die Tür. Was dann passiert, beruht auf einem folgenschweren Missverständnis.

I ch sitze gemütlich im Wohnzimmer, beobachte durchs Fenster die dunklen, bösen Wolken am Himmel und döse vor mich hin. Apropos böse: Plötzlich stürmt meine Frau Eminanim herein und brüllt mich aus heiterem Himmel böse an: „Osman, die Fußballweltmeisterschaft fängt übermorgen an und du sitzt immer noch faul rum! Steh sofort auf, hopp-hopp!“

„Wirklich? Darf ich zur WM? Schickst du mich tatsächlich nach Amerika, Mexiko und Kanada? Danke, mein Schatz, ich mach mich sofort auf die Socken.“

„Spinnst du? Warum sollte ich dich denn bis ans Ende der Welt schicken, wo du doch in Bremen ständig verloren gehst?“

„Aber wie soll ich denn sonst zur WM kommen? Bundestrainer Nagelsmann hat mich und unseren Staplerfahrer Hans diesmal leider nicht nominiert. Wir können nur als Zuschauer dahin, falls Trump uns überhaupt ins Land reinlässt.“

Eminamin hat mal wieder recht

„Haha, sehr witzig! Du fauler Hund sitzt hier die ganze Zeit nur rum! So wirst du die WM garantiert nicht gucken. Tu endlich was“, schimpft sie und schiebt mich vor die Haustür.

Eigentlich hat Eminanim ja recht! Die Bedingungen zu Hause sind einer Fußballweltmeisterschaft völlig unwürdig. Warum bin ich eigentlich nicht selbst darauf gekommen?

Mit meinem Ford-Transit fahre ich in das riesige Einrichtungshaus und kaufe den teuersten, flachsten, schärfsten und größten Fernsehapparat, den es dort gibt. Mit zwanzig Lautsprechern drumherum fühlt es sich an, als säße man wirklich im Stadion.

Apropos sitzen: Ich kaufe mir auch den bequemsten und teuersten Fernsehsessel, der mir während des Spiels stundenlang den Rücken massieren kann, ohne zu meckern. Er hat praktische Kopf-, Arm-, Bein- und Bierdosenstützen aus echtem Büffelleder für echte Männer im WM-Fieber.

Ich werde selbstverständlich täglich Fußballwetten abschließen, um ganz schnell reich zu werden, bevor ich alt und senil bin

Apropos Bier: Unten in der Lebensmittelabteilung bestelle ich mir genau 675 Flaschen Bier. Für jedes Spiel vier Flaschen: eine für die erste Halbzeit, eine für die zweite Halbzeit, eine für die Verlängerung und eine Flasche danach, um das Elend zu vergessen. Die restlichen Flaschen gehen an meine Kumpels, die sicher vorbeischauen werden, sobald sie von meinem neuen Superfernseher erfahren – da gehe ich jede Wette ein.

Apropos Wette: In der Zeitschriftenabteilung kaufe ich alle Sportzeitungen aus Deutschland, der Türkei, Amerika und Mexiko. Ich werde selbstverständlich täglich Fußballwetten abschließen, um ganz schnell reich zu werden, bevor ich alt und senil bin.

Apropos senil: Abends, als Eminanim erfährt, was ich heute alles gekauft habe, schaltet sie sofort unseren Anwalt ein und lässt alle Kaufverträge für null und nichtig erklären, mit der Begründung, dass ich Idiot schon seit Ewigkeiten senil sei.

Apropos Idiot: Danach brüllt sie mich erneut an: „Osman, du Idiot! Ich meinte heute Morgen doch nicht, dass du das ganze Kaufhaus leer räumen sollst, mit dem Geld, das wir gar nicht haben! Sondern, dass du dich selbst auch mal bewegst und Sport treibst, bevor du dich einen Monat lang auf die faule Haut legst und wie ein Irrer in die Glotze starrst!“

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