Vor Präsidentschaftswahl in der Türkei: Herausforderer spielt Alevitenkarte
Vor der Wahl bekennt sich Erdoğan-Herausforderer Kılıçdaroğlu in einem Video zu seinem Glauben. In der Türkei gilt das als Tabubruch.
Foto: Alp Eren Kaya/Depo Photos/imago
„Ich bin ein Alevit. Ich bin ein aufrechter Muslim, der im Glauben an den Propheten Mohammed und an Ali erzogen wurde.“ Dieses Bekenntnis des türkischen Oppositionsführers Kemal Kılıçdaroğlu in einem Video für die ErstwählerInnen im Land ist am Mittwochabend wie eine Bombe eingeschlagen. Bis Donnerstagnachmittag wurde es auf Twitter mehr als 70.000-mal geteilt. Am 14. Mai sind die Wähler*innen zur Präsidentschaftswahl aufgerufen. Erstmals könnte mit Kılıçdaroğlu ein Alevit Präsident werden.
Was der Erdoğan-Herausforderer in dem Video mit offenem Hemd aus seinem Arbeitszimmer in Ankara heraus erzählt, kommt einem Tabubruch gleich. Aus Angst vor Diskriminierung, die im letzten Jahrhundert bis hin zu Massakern an AlevitInnen ging, reden die Angehörigen dieser muslimischen Glaubensgemeinschaft in der Regel nicht offen über ihre Religion. Viele sunnitische Gläubige, die die Basis von Präsident Recep Tayyip Erdoğans Wählendenschaft bilden, halten AlevitInnen für HäretikerInnen, die schlimmer sind als Ungläubige. Dabei sind 15 bis 25 Prozent aller TürkInnen alevitischen Glaubens.
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Alevi. pic.twitter.com/C9Pd1ZaKoN
— Kemal Kılıçdaroğlu (@kilicdarogluk) April 19, 2023
Seit der Nominierung Kılıçdaroğlus zum gemeinsamen Kandidaten der türkischen Opposition stand unausgesprochen die Befürchtung im Raum, Erdoğan könne dessen Alevitentum im Wahlkampf für eine Schmutzkampagne ausschlachten. Dem ist Kılıçdaroğlu mit seinem spektakulären Video, das teils bereits als historisch gefeiert wird, zuvorgekommen.
An die JungwählerInnen gewandt sagt er: „Ihr habt die Chance, das Land aus den schmerzhaften, sektiererischen Debatten über Sunniten, Aleviten, Türken, Kurden, Lasen, Tscherkessen und Arabern herauszuholen. Wir wollen nicht länger über das Trennende, über Unterschiede und Aussonderungen reden, sondern über geteilte Träume und Gemeinsamkeiten. Willst du ein ehrliches und aufrechtes Land, statt des herrschenden Systems, das zu Aleviten nur nein sagt?“
Im Plauderton, der dem Tabubruch die Schärfe nimmt, erzählt Kılıçdaroğlu von sich: „Ich wurde in einen armen Haushalt geboren, weit entfernt von dem Wohlstand des Landes.“ Seine Familie kommt aus der Provinz Tunceli, die früher Dersim hieß und für ihre aufständische Gesinnung bekannt war. Viele nationalistische TürkInnen sehen in den Leuten aus Tunceli nach wie vor potenziell aufrührerische Kräfte.
Kılıçdaroğlu sagt im Video dazu: „Wir können uns unsere Herkunft und Identität nicht aussuchen, aber wir können sie mit Würde tragen. Was wir uns aussuchen können, ist, ob wir ehrlich und aufrichtig sind. Wir können ein besseres Leben in einem freien und wohlhabenden Land für alle wählen.“
Für sein Video hat Kılıçdaroğlu viel Zuspruch bekommen und dem Wahlkampf damit eine neue Dimension gegeben. Auch VertreterInnen der radikalen sunnitischen Saadet-Partei, die dem Oppositionsbündnis angehört, haben versichert, die Diskriminierung von AlevitInnen müsse aufhören.
Während Erdoğan im Wahlkampf in der Türkei vor allem seine AnhängerInnen anspricht und abstrakt die Größe der Türkei beschwört, setzt Kılıçdaroğlu auf die Überwindung der Spaltung im Land. Schon vor Veröffentlichung seines Videos am Mittwoch hatte er sich dagegen verwehrt, dass WählerInnen der kurdischen HDP „TerroristInnen“ seien. Man könne nicht „alle 15 Millionen KurdInnen“ als potenziell terroristisch verunglimpfen.
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