Männer tanzen mit Figuren auf den Köpfen

Auf dem Voodoo-Festival Foto: Seraphine Zounyekpe/imago

Voodoo im westafrikanischen Benin:Unter Göttern

Zangbeto, der Wächter der Nacht, erscheint. Für Pockengott Sakpata stehen schwarze Tupfen. Voodoo erlebt in Benin eine Renaissance.

Ein Artikel von

19.1.2023, 12:17  Uhr

Am Strand von Ouidah im westafrikanischen Benin ist die Tribüne bis auf den letzten Platz besetzt. Auf dem Festgelände ist Kunstrasen ausgelegt, ein Rednerpult aufgebaut, Musik dröhnt aus den Boxen. Hunderte Menschen – darunter viele Tou­ris­t*in­nen aus Europa – quetschen sich auf die Stühle oder hocken im Sand, um mit ihren Smartphones wie Kameras mit Teleobjektiv Fotos von der Parade der Gottheiten und royalen Ver­tre­te­r*in­nen zu machen. Abordnungen sind aus dem ganzen Land und den Nachbarstaaten angereist. Rei­se­lei­te­r*in­nen helfen bei der Platzsuche und versuchen die Bedeutung der Tänze und Trommelklänge zu erklären. Irgendwann surren fünf Drohnen über den Festplatz.

Christian Houetchenou, der Bürgermeister der Stadt, von der aus einst Skla­v*in­nen nach Amerika verschifft wurden, lobt, dass die Regierung von Patrice Talon Ouidah zum Zentrum der indigenen Religion machen will. Jean-Michel Ambimbola, der Minister für Tourismus, Kultur und Kunst, setzt noch eins drauf: Benin müsse wie Mekka zum Pilgerziel werden, nur eben für An­hän­ge­r*in­nen und Neugierige der Voodoo­religion. Das Interesse daran sei schon jetzt bei Filmemacher*innen, Kunstschaffenden wie Wis­sen­schaft­le­r*in­nen immens.

Um noch mehr Interessierte anzulocken, lässt die Regierung ein Museum bauen und plant ein großes Voodoofestival. Bisher beschränkt sich die öffentliche Feier auf den 10. Januar, den nationalen Feiertag der indigenen Religionen in Benin.

Voodoo galt in Benin lange als rückständig, der Besuch einer Kirche hingegen als modern. Nicéphore Dieudonné Soglo, von 1991 bis 1996 Präsident des Landes, setzte sich dennoch für einen Voodoofeiertag ein. Die Nationalversammlung verabschiedete 1997 ein entsprechendes Gesetz. Der Regierung von Präsident Talon, der bei jeder Gelegenheit betont, Benin zur Tourismusdestination zu machen, gelingt es, Voodoo als ein Markenzeichen zu etablieren. Zumindest für wenige Tage sind schon jetzt dank der großen Feier in Ouidah die Restaurants voll besetzt und die Hotelzimmer ausgebucht.

Die Religion der Ahnen

Diese Art Großveranstaltungen bieten allerdings auch Beni­ne­r*in­nen die Möglichkeit, wieder mit der Religion ihrer Ahnen in Kontakt zu kommen. Um den Hals der 20-jährigen Lucréce Tossou baumelt ein kleines Goldkettchen mit einem Kreuz daran. Zu Voodoo hatte sie bisher keine Beziehung, sagt sie und muss gegen den Lautsprecher anbrüllen. „Hier an den Strand von Ouidah komme ich zwar. Das Fest habe ich aber bisher nicht besucht. Es hat mir aber gut gefallen.“ Gemeinsam mit Freun­d*in­nen hat sie sich die Feier angeschaut. Einige von ihnen würden Voodoo auch praktizieren. Lucréce Tossou selbst sei aber Christin. „Es ist das, was mir zusagt“, sagt sie, will dazu mehr nicht erklären.

Eine Frau steht am Strand, in der Hand hält sie Puppen

Am Voodoo-Feiertag am Strand. Jeanne Houndonougbe praktiziert die Religion Foto: Katrin Gänsler

Die Parade der Gottheiten macht es leicht, Interesse für die alte Religion zu wecken. Zahlreiche Gruppen repräsentieren verschiedene Götter, etwa Gambada, die um Hilfe gebeten wird, wenn es in der Ehe nicht so richtig läuft, ein Nebenbuhler auftritt oder Frauen nicht schwanger werden. Für Sakpata, den Pockengott, werden Zeremonien durchgeführt, wenn jemand krank geworden ist. Charakteristisch für ihn sind schwarze Tupfen auf weißer Fläche. Ist in einem Dorf um einen alten Baum ein weißes Laken mit Punkten gebunden, ist klar: Hier wird Sakpata verehrt.

Begeisterung bei den Zu­schaue­r*in­nen löst aber vor allem Zangbeto aus, der Wächter der Nacht. Er erscheint in der Gestalt unzähliger kleiner Bastfäden. Es heißt, die Menschen unter dem Gestell fallen in Trance, wenn sie bei Auftritten umherwirbeln und sich über den Boden rollen.

Martin Lissanou, Katholik und Voodoo-Anhänger

„Hier in Benin haben wir keinen Krieg der Religionen. Wir sind doch die gleichen Menschen“

Nachdem die offizielle Feier beendet ist, geht die Party am Strand weiter. Dort unterhält sich Martin Lissanou mit Bekannten. Alle sind sich einig: Die Feier ist gelungen und das Publikum war zufrieden. Der grauhaarige Mann trägt eine geschneiderte Hose und ein passendes Hemd dazu. Darauf gedruckt ist das Gesicht von Bernardin Gantin. Der spätere Kardinal war Westafrikas erster nicht aus Europa stammender katholischer Erzbischof. Seine Beliebtheit hält bis heute an. Ein Widerspruch ist das für Lissanou nicht: „Hier in Benin haben wir keinen Krieg der Religionen. Wir sind doch die gleichen Menschen.“

In Ouidah wird das deutlich. Mitten in der Stadt steht der Pythontempel. Die Außenmauern sind frisch gestrichen. Vor allem im Januar ist das Gebäude eine Touristenattraktion. Wer möchte, kann sich eine Python um den Hals legen und sich fotografieren lassen. Gleichzeitig handelt es sich auch um einen aktiven Tempel, in dem religiöse Zeremonien durchgeführt werden.

Keine 50 Meter entfernt steht gegenüber die christliche, 1909 geweihte Basilika der Unbefleckten Empfängnis. „Sie konnte nur gebaut werden, weil die Voodoopraktizierenden den Missionaren beim Bau geholfen haben. Sie haben ihnen Baumaterial und Werkzeuge gebracht“, sagt Lissanou. Voodoo habe am Golf von Guinea existiert, lange bevor „die Weißen“ das Christentum mitgebracht haben. „Und seien wir doch einmal ehrlich: Wir beten alle zu einem Gott.“

Die Ursprünge des Voodoo

Über Voodoo sind mittlerweile zahlreiche Bücher erschienen. Wer jedoch nicht mit der Religion aufgewachsen ist, kann die komplexe Götterwelt kaum begreifen und trifft ständig auf neue Gottheiten und auch Widersprüche.

Der Begriff Voodoo stammt aus der Sprache Fon, die am stärksten im Süden Benins verbreitet ist. Das Wort bedeutet Gottheit oder Geist. Mit Mawu-Lisa existiert ein Schöpfergott, der aber zu weit entfernt ist, um mit ihm selbst zu sprechen. Mitt­le­r*in­nen sind mehrere Hundert Gottheiten, die manchmal als eigene Götter, manchmal als deren Kinder bezeichnet werden. Viele haben spezielle Aufgaben. Donnergott Hevioso soll beispielsweise Die­b*in­nen und Lüg­ne­r*in­nen verjagen. Ogun gilt als Gott der Metallbearbeitung. In Zeremonien hat jede Gottheit eigene Gesänge und Trommelklänge und für Opfergaben ganz besondere Vorlieben.

Frauen knien auf lehmigem Boden, sie machen Musik und singen

Fast wie in der Kirche: Voodoo-Informationsveranstaltung im Dorf Sado Foto: Katrin Gänsler

Einige der Gottheiten sind zwischen dem Westen Nigerias bis nach Ghana bekannt. Andere werden nur von einer bestimmten Ethnie verehrt. Dazu kommen Geheimbünde, Ahnenkulte und das Fa-Orakel, das bei entscheidenden Lebensfragen um Rat gebeten wird. Mithilfe von Meeresschnecken oder kleinen Holzscheiben befragt ein Wahrsager das Orakel, deutet anschließend die Antwort und erklärt, welcher Gottheit wie geopfert werden muss, um anstehende Probleme aus der Welt zu schaffen. Voodoo ist eine pragmatische Religion.

Höchster Voodoovertreter in Benin ist Daagbo Honoun Houna II., dessen Palast in Ouidah steht. Wie viele Pries­te­r*in­nen es allerdings gibt, kann niemand sagen. Die Strukturen sind dezentral. Häufig übernehmen Söhne das Amt von ihren Vätern. Wer ihm nachfolgt, das bestimmt ebenfalls das Fa-Orakel. Priesterinnen wiederum wählen meist weibliche Gottheiten wie Mami Wata.

Im Globalen Norden ist Voodoo vielfach in Hollywoodfilmen popularisiert worden, in denen Zombies und Nadelpuppen auftauchen. Angeblich sollen damit Feinde bestraft werden. Von denen ist in Benin aber nichts zu sehen. Der Glaube an die alten Götter und die Rituale, bei denen regelmäßig Hühner und Ziegen geopfert werden, wirkt nicht mehr zeitgemäß.

Übernatürliche Kräfte

Auch schwingt eine gewisse Angst mit. In der Wirtschaftsmetropole Cotonou lebt Bonaventure Awa, ein junger Deutschlehrer. Auf die Frage, was er von Voodoo hält, antwortet er sehr zurückhaltend: „Voodoo ist hier in Afrika eine besondere Gottheit. Manche glauben daran, manche nicht.“ Er sorgt sich, dass Voodoo für Böses genutzt werden könnte. Die Religion könne Menschen verzaubern, ja sogar umbringen.

Bis heute werden in der Region viele Schicksalsschläge mit übernatürlichen Kräften erklärt. Man kommt nicht bei einem Autounfall ums Leben, weil das Fahrzeug technische Probleme hatte oder jemand den Unfall verursacht hat, sondern weil Wünsche der Ahnen nicht respektiert worden seien oder von ihnen geforderte Zeremonien nicht stattgefunden hätten. Die Opfer für die Gottheiten werden häufig auf Straßenkreuzungen aufgestellt, die mithilfe des Fa-Orakels ausgewählt worden sind. Niemand mag mit seinem Auto über die kleinen Körbchen fahren, weil das Unglück bringen soll.

Karte

Bonaventure Awa betont: „Ich glaube an Gott. Ich bin Katholik.“ Den 10. Januar verbringt er deshalb lieber zu Hause. Er sei er mit Voodoo nicht mehr aufgewachsen. „Meine Eltern wollen davon nichts hören. Wir sind alle getauft.“ Trotzdem erlebt er, dass sich junge Menschen zunehmend mit der alten Religion befassen.

Das geht mit der Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit einher. Spätestens die Rückgabe von Thronen, Zeptern und Statuen, die die französischen Truppen Ende des 19. Jahrhunderts aus den Königspalästen von Abomey geraubt haben, hat Interesse an der eigenen Geschichte wieder geweckt und Wertschätzung dafür geschaffen.

Ob das den Trend stoppt? Offiziell geben heute noch knapp 12 Prozent der 13 Millionen Ein­woh­ne­r*in­nen Benins an, Voodoo-Anhänger*innen zu sein. Doch die Zahlen sinken stetig. Noch ist die katholische Kirche stark, und je­de*r vierte Ein­woh­ne­r*in bekennt sich zu ihr. Doch die Zahl der evangelikalen und der Pfingstkirchen steigt. Viele von ihnen haben ihren Ursprung im Nachbarland Nigeria. Vor allem dort werden indigene Religionen gerne verteufelt.

Eine Religion ohne feste Strukturen

Es ist kurz vor halb sieben in Sado, einem Dorf im Südosten Benins kurz vor der Grenze zu Nigeria gelegen. Nur eine einzige Piste aus rötlich-braunem Sand führt in den Ort, über die man am besten mit einem Moped fährt. Es dämmert, Tau tropft von den Palmen und Vögel singen. Die „Vereinigung indigener Religionen im Departement Ouémé“ hat sich für diesen Freitagmorgen einen besonders entlegenen Ort ausgesucht.

Zweimal in der Woche fahren Mitglieder des Voodootempels im Departement Ouémé an und wollen vor allem mit jungen Menschen ins Gespräch kommen. Häuser, in denen Voodoopriester leben, sowie kleine Schreine an Straßenrändern sind in den Dörfern im Süden noch allgegenwärtig, selbst wenn auch an den entlegensten Orten mehr und mehr Kirchen auftauchen.

Was der alten Religion allerdings fehlt, sind feste Strukturen, sagt Setondji Ado Adanklounon, Präsident der Vereinigung. Mit dem Feiertag am 10. Januar sei Voodoo zwar einmal im Jahr allgegenwärtig. Auch seine Organisation hat in der Hauptstadt Porto Novo ein großes Fest organisiert. „Aber junge Menschen verlieren ihre Wurzeln“, seufzt der Präsident, der als Wahrsager auch für Hö­re­r*in­nen eines Radiosenders das Fa-Orakel befragt. „Ihnen gelingt es nicht mehr, wieder einen Zugang zu finden.“ In seiner Generation sei das noch anders gewesen. „Meine Eltern haben mir die Religion vermittelt. Sie tut mir gut.“

Wenn die Eltern die Überlieferung der Voodooreligion nicht mehr weitergeben, dann muss das sein Verein übernehmen. Auf einer Liste stehen mehr als 300 Tempel, vor denen über Voodoo informiert werden soll. Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Zeremonien finden nur bei konkreten Anliegen oder bei einem Sterbefall statt. Regelmäßige Treffen gibt es nicht, was ein Nachteil sei: „Gerade wenn junge Menschen nirgendwo die frohe Botschaft ihrer Religion finden, müssen sie irgendwann in die Messe gehen“, sagt Adanklounon.

Der Präsident des Voodootempels hat sich abgeschaut, wie es in Kirchen funktioniert. Berührungsängste kennt er nicht. „Selbst mein eigenes Kind ist doch katholisch und hat die Kommunion empfangen. Wenn es aber für mich an einer großen Zeremonie teilnehmen soll, dann folgt es.“ Vor einer Gruppe Interessierter – die Frauen sitzen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen – lobt er die Religion seiner Vorfahren. Eine Frau geht mit einem geflochtenen Korb durch die Reihen. Fast alle Anwesenden legen ein paar Münzen oder einen Schein hinein – wie eine Kollekte in einem christlichen Gottesdienst auch. Anschließend wird gesungen.

In Sado sind fast alle Plätze besetzt. Wer gekommen ist, kennt sich bereits mit Voodoo aus. Die Frauen haben Muster in ihre Haut ritzen lassen. Sie sind Initiiere, also in die Religion Eingeführte. Die Männer haben aus Ehrerbietung ein Tuch um die Hüften geschlungen und ein Handtuch über die Schultern gelegt. Alle laufen barfuß. Abseits steht eine Gruppe junger Männer, die vorsichtig das Geschehen beobachtet.

Setondji Ado Adanklounon, Aktivist für Voodoo

„Die Jungen werden zurückkehren. So etwas Gutes darf man doch nicht ablehnen“

Eine Stunde dauert das Treffen. Dann müssen viele Besucher zur Arbeit und die Versammlung löst sich auf. Auch wenn keiner der Neugierigen Setondji Ado Adanklounon oder ein anderes Vorstandsmitglied angesprochen hat, ist er zufrieden. Er wird Voodoo wieder bekannter und populärer machen. „Die Jungen werden zurückkehren. So etwas Gutes darf man doch nicht ablehnen.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de