Cannabis-Legalisierung in Thailand: High auf Koh Lanta
Im Backpacker-Paradies boomt der Cannabis-Konsum. Das bringt Arbeitsplätze im Tourismus – und Probleme mit respektlosen Urlaubenden.
V or der thailändischen Küste ragen dunkle Felsen aus dem Meer. Fischerboote liegen im flachen Wasser, es ist Ebbe. Palmen säumen die Straße, dahinter beginnt direkt der Strand. Auf der Insel Koh Lanta im Süden von Thailand schlendern am Abend Touristinnen und Touristen die zentrale Promenade entlang. Zwischen Restaurants, kleinen Läden und Bars herrscht entspanntes Treiben. Gruppen junger Reisender laufen mit Joints hinter dem Ohr oder rauchend die Straße entlang, manche mit geröteten Augen und Bierflaschen in der Hand, in ausgelassener Stimmung. Dazwischen gehen Familien mit Kindern und ältere Urlauber langsam in Richtung Strand. Thailand ist seit Jahren ein Reiseziel für Backpacker und Familien. Auffällig ist, wie viele westliche Reisende unterwegs sind.
Ein paar Meter weiter verändert sich die Atmosphäre. Zwischen Massagesalons, kleinen Restaurants und Roller-Verleihern reihen sich Cannabis-Shops, Tattoo-Studios und Bars mit lauter Musik aneinander. Vor einigen Türen stehen Menschen und rauchen. Der Geruch von Gras liegt in der warmen Luft.
Einer dieser Läden heißt „Happy Land“. Dort steht der 26-jährige Qu hinter der Theke. Vor ihm stehen Gläser mit verschiedenen Cannabissorten. Er dreht sich einen Joint. Der sei für später, sagt er und lächelt leicht. Dann zeigt er auf eine Gruppe junger Männer vor der Tür. „Die meisten Kunden kommen aus England, Deutschland und Frankreich“, sagt er.
Während der Coronapandemie sei es hier still gewesen. Keine vollen Bars, keine Backpacker, keine Tagesausflügler. Viele in der Region verloren ihre Arbeit im Tourismus. Als Thailand 2022 Cannabis entkriminalisierte, wurde das von manchen auch als wirtschaftliche Chance verstanden – für Bauern, für kleine Betriebe und touristische Orte wie diesen. Kurz darauf eröffneten in Koh Lanta und in anderen touristischen Orten dutzende Coffeeshops. „Seitdem ist wieder mehr los, ein bisschen zu viel“, sagt Qu und blickt auf die überfüllte Straße.
Völlig high auf dem Roller
Ein Tourist aus Deutschland betritt den Laden und fragt nach einem vorgedrehten Joint. Er wolle einfach nur entspannen, sagt er. Beim letzten Mal sei das nicht so gut gelaufen, erzählt er lachend. Er zeigt auf sein Knie, ein Verband, darunter frische Wunden. „Ich war völlig high und bin dann Roller gefahren“, sagt er. Trotz des kleinen Unfalls würde er es wieder tun. „Das ist doch die pure Freiheit, Mann.“ In Deutschland ist der Anbau und Besitz kleinerer Mengen Cannabis inzwischen zwar auch legal, der Handel bleibt allerdings strafbar.
Qu lacht leise und schüttelt den Kopf. Er empfiehlt eine einfache Indica-Sorte – eine Cannabis-Variante, die für ihre eher körperlich entspannende Wirkung bekannt ist. „Green Crack“, sagt er, und versichert, trotz des Aufsehen erregenden Namens, das sei nur ganz normales, im Gewächshaus gezogenes Cannabis.
Qu findet die gesetzliche Lage schwer zu durchschauen. Was erlaubt sei und was nicht, ändere sich ständig. Aber der Laden sichere seinen Lebensunterhalt. Touristen wie der euphorisierte Deutsche ließen viel Geld hier.
Koh Lanta sei in den vergangenen Jahren voller geworden, sagt Qu. Reisegruppen, Familien mit Kindern, Rentner aus Europa, junge Backpacker, die feiern wollen – für jeden gebe es hier etwas. Am Abend mischen sich die Gruppen auf der Hauptstraße: Bars, Restaurants, Tattoostudios, Massagesalons, Coffeeshops. Manche kommen zum Entspannen, andere zum Feiern.
Qu sieht das nicht nur positiv, trotz des Umsatzes, den er mit den Touristen macht. Viele tränken Alkohol, rauchten Cannabis – und stiegen dann aufs Moped. „Und sie rauchen überall“, sagt er. Eigentlich gehöre das nicht zur Kultur des Landes. „Viele tun so, als gehöre ihnen Thailand“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Das empfinde er als respektlos. Aber wirklich aufregen wolle er sich darüber nicht.
Thailand hatte ein strenges Anti-Drogengesetz
Dass Qu offen Cannabis verkauft, wäre vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Thailand hatte lange eines der strengsten Anti-Drogengesetze der Region. Besitz und Handel konnten mit langen Haftstrafen geahndet werden.
2022 änderte sich das überraschend schnell. Die Regierung entkriminalisierte Cannabis und machte Thailand zum ersten Land in Asien, das Anbau und Verkauf weitgehend erlaubte. Offiziell sollte die Pflanze vor allem medizinisch genutzt werden, doch klare Regeln für den Freizeitkonsum fehlten. Innerhalb weniger Monate eröffneten vor allem an touristischen Orten Coffeeshops. Für Qu bedeutet das: Arbeit. Und darüber ist er froh.
Auch in Ao Nang, an der Küste der Andamanensee in der Provinz Krabi, ist Cannabis längst Teil des touristischen Alltags geworden. Am Abend füllt sich der Nachtmarkt, es riecht nach gegrilltem Fisch und süßem Teig, Tourist:innen schlendern zwischen den Ständen.
Marina sitzt hinter einem kleinen Verkaufsschalter von „Krabi Sunset Travels“. Ihr kleiner Stand steht direkt vor einem 7-Eleven, jener rund um die Uhr geöffneten Ladenkette, die in Thailand überall zu finden ist: Treffpunkt, Minimarkt und Zwischenstopp zugleich. Tourist:innen kaufen hier Flaschen mit Wasser, Bier, Toasts oder Eis, warten im Schatten der Markise oder suchen kurz Schutz vor der Hitze. Wer stehen bleibt, sieht automatisch das Angebot von Marina.
Hinter Marina hängen Poster von Inseln, Bootstouren und Sonnenuntergängen. Broschüren stapeln sich auf dem Tresen, daneben ein Taschenrechner. Marina trägt eine dunkle Fußballtrikot-ähnliche Bluse, die Haare zurückgebunden, große Brille im Gesicht. Gerade betreut sie eine Gruppe französischer Tourist:innen, die eine Tagestour buchen wollen. Einer von ihnen sitzt ihr gegenüber auf einem roten Plastikstuhl, in der einen Hand einen Burger, in der anderen einen Joint. Der Rauch zieht langsam über den Tresen.
Marina erklärt ihm das Tagesprogramm zu den Phi-Phi-Inseln, zeigt auf die Fotos hinter sich und schreibt Abfahrtszeiten auf einen Zettel. Der Mann nickt, nimmt einen Bissen von seinem Burger und bläst den Rauch zur Seite.
Marina sagt, sie habe nichts gegen Tourist:innen. Im Gegenteil: Nach der Pandemie habe es lange kaum Arbeit gegeben, sie sei froh, dass wieder so viele Menschen nach Ao Nang kommen. Trotzdem wünsche sie sich Regeln. „Vielleicht Orte für den Konsum von Cannabis, wo man rauchen darf“, sagt sie. „So Raucherzonen, das wäre doch super.“
Rauch im Gesicht
Marina studiert, sie möchte Lehrerin werden. Mit dem Job am Stand unterstützt sie ihre Familie. „Manchmal sitzen Leute direkt vor mir und rauchen“, sagt sie und deutet auf den Platz vor dem Tresen. „Der Rauch kommt in mein Gesicht.“ Und manchmal glaubt sie high zu sein, vom Passivrauchen.
Dass Cannabis so leicht zu kaufen ist, findet sie problematisch. Zwar gelten seit Juni 2025 strengere Regeln – offiziell ist der Verkauf nur noch mit ärztlichem Rezept erlaubt. Auf die Verkaufspraxis in Shops wie die von Qu in Koh Lanta hat das aber offensichtlich keinen Einfluss.
Auch in Ao Nang verkaufen zahlreiche Läden offen ihre Ware, Rezepte verlangen die Cannabis-Shop-Besitzer nicht. In zwei Jahren sei auch nie ein Kontrolleur vorbeigekommen, sagt Qu in Koh Lanta.
Zwischen Gesetzeslage und Alltagshandeln klafft also eine Lücke. „Manche kommen nicht gut damit zurecht“, sagt Marina. Vor allem in Kombination mit Alkohol falle ihr das auf. „Cannabis allein macht ja nicht aggressiv“, sagt sie. „Aber wenn sie trinken und rauchen, werden einige sehr laut.“ Dann kippe die Stimmung schnell.
Dass die Regierung in Bangkok die Regeln im vergangenen Jahr wieder verschärft habe, habe sie mitbekommen. Ob sich hier seitdem viel geändert habe? Sie schüttelt den Kopf.
Von strengeren Kontrollen und Rezeptpflicht sei die Rede gewesen. „Aber hier merkt man davon wenig“, sagt sie und blickt auf die Straße. „Die Shops sind noch da.“ Dann zieht sie demonstrativ die Luft ein und lacht: „Und der Grasduft über Ao Nang ist auch noch da.“
Das Cannabisgeschäft manifestiert sich nicht nur in den Shops entlang der Einkaufsstraße von Ao Nang. Ein paar Kilometer außerhalb, an der Straße Richtung Krabi-Stadt, befindet sich eine Indoor-Plantage in einem unscheinbaren Gebäude. Von außen wirkt es wie ein Lagerhaus. Drinnen summen Ventilatoren, grelle Lampen tauchen Reihen von Pflanzen in künstliches Licht. Der Geruch ist schwer und süßlich.
Es riecht nach Erde und Dünger, nicht nach Party
Während sich in Ao Nang am Abend die Bars füllen und Tourist:innen mit Joints durch die Straßen ziehen, ist es hier stiller. Zwischen Lampen, Klimaanlagen und Bewässerungsschläuchen riecht es nach Erde und Dünger, nicht nach Party. Hände prüfen Blätter, messen Feuchtigkeit, schneiden Triebe.
Die Plantage ist nicht nur Produktionsort, sondern Teil des touristischen Angebots. Über Reiseveranstalter in Ao Nang lassen sich Führungen buchen – oft als Zwischenstopp auf dem Weg zu Aussichtspunkten oder Stränden. Kleinbusse halten vor dem Gebäude, Reisende steigen aus, manche noch in Badekleidung. Ein Mitarbeiter erklärt den Anbau, zeigt Setzlinge, Lampen und Bewässerungssysteme. Wer möchte, darf Fotos machen. Am Ende führt der Rundgang in einen Verkaufsraum. Cannabis wird hier nicht versteckt produziert. Es wird gezeigt.
Hier arbeiten Menschen auf den Cannabis-Plantagen, die vor der Liberalisierung in Hotels, Restaurants oder auf Baustellen beschäftigt waren. Viele wollen ihre Namen nicht im Text lesen. Manche erinnern sich noch daran, wie riskant vor der Cannabislegalisierung schon der Besitz kleiner Mengen sein konnte. Nach der Parlamentswahl am 8. Februar hat zwar die Partei von Cannabis-Befürworter Anutin Charnvirakul gewonnen, der die Legalisierung als damaliger Gesundheitsminister einst vorangetrieben hatte. Aber Charnvirakul braucht Koalitionspartner und da sind die Mehrheiten für Cannabis nicht klar.
Während des Wahlkampfs habe die Plantage zeitweise keine Führungen angeboten, sagt ein Mitarbeiter. Man habe abgewartet. Zu groß sei die Unsicherheit gewesen. Wenn sich die politische Stimmung drehe, könnten neue Auflagen kommen – strengere Kontrollen, höhere Gebühren, vielleicht sogar ein Anbauverbot.
„Wir haben investiert“, sagt er und deutet auf die Lampen über den Pflanzen. Klimaanlagen, Bewässerungssysteme, Lizenzen – alles koste Geld. „Wenn die Regierung neue Regeln macht, müssen wir wieder zahlen.“
In Koh Lanta steht Qu wie beinahe jeden Abend hinter der Theke von „Happy Land“. Vor dem Laden sammeln sich Gruppen junger Männer, manche mit roten Augen, Bierflaschen in der Hand. Andere kommen zögernd herein, fragen leise, ob sie „zum ersten Mal“ probieren könnten.
Qu stört das Kiffen nicht. Er raucht selbst. Manche kämen neugierig herein, sagt er, wollten im Urlaub „etwas ausprobieren“. Dann erkläre er ihnen, sie sollten langsam anfangen. Mehr könne er nicht tun.
Beraten könne er nur begrenzt. Fragen nach den Sorten Sativa oder Indica kann er beantworten– die eine Sorte gilt als eher anregend, die andere als beruhigend. „Ich sage ihnen, was ich persönlich mag“, sagt Qu. „Aber am Ende ist es ihre Entscheidung.“
„Ich bin doch kein Arzt“
Ob jemand Vorerkrankungen habe, Medikamente nehme oder es überhaupt vertrage, wisse er nicht. „Ich bin doch kein Arzt“, sagt er. Verantwortung habe hier jeder für sich selbst.
Im Laden stehen die Gläser mit Namen wie „Blueberry Kush“ oder „Chocolate Mint“. Draußen mischt sich der Geruch von Gras mit dem von gebratenem Fisch. Qu weiß, dass er nur ein kleines Rädchen ist in einem größeren Geschäft. Die Shop-Inhaber verdienen mehr als einfache Verkäufer wie er, der Staat kassiert Steuern. Qu bekommt seinen Monatslohn – genug, um seine Miete zu bezahlen, sagt er.
Wie viel eine Sorte kostet, entscheidet nicht Qu. Die Preise machen die Shop-Besitzer, und die richten ihre Gewinnmargen wiederum danach aus, wie hoch die staatlichen Abgaben sind.
Qus Arbeit ist einfach: abwiegen, verpacken, kassieren. Wenn es dann auch mal ruhiger wird im Laden, dreht er sich einen Joint. Nicht zu viel, sagt er und grinst – am Ende müsse ja die Kasse stimmen.
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