: „Viele Kollegen wussten nichts von unseren Problemen“
Irina Vavitsa kam 1971 nach Deutschland, zwei Jahre später organisierte sie ihren ersten Streik für gerechtere Löhne. Inzwischen, sagt sie, ist Lippstadt ihre Heimat geworden. Und Griechenland sei halt schön für den Urlaub
Interview Martje Menzel Foto Mauricio Bustamante
taz: Frau Vavitsa, Sie haben in den 70er Jahren mit anderen Gastarbeiter*innen einen spontanen Streik bei ihrem Arbeitgeber, dem Autozulieferer Hella in Lippstadt, organisiert, weil nur die deutschen Kolleg*innen eine Lohnerhöhung bekommen hatten. Wie war das, dort damals auf der Straße zu stehen und für die eigenen Rechte zu kämpfen?
Irina Vavitsa: Wir haben gejubelt, vier Tage lang. Wir haben so viele Menschen auf unsere Seite geholt. Viele Kollegen aus dem Betrieb oder Menschen in der Stadt wussten nichts von unseren Problemen. Aber als die erfahren haben, um was es ging, waren die alle auf unserer Seite. Ich glaube, unser Streik hat Erfolg gehabt, weil wir auch viel Solidarität von außen gekriegt haben, von anderen Kollegen aus dem Ruhrgebiet, aus anderen Werken.
taz: Welche Bedeutung hatte dieser Streik politisch?
Vavitsa: Das waren mehr als 350 Streiks, die Migranten fast allein organisiert haben. Wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind, für unsere Rechte zu kämpfen. Die Arbeitgeber brauchten Arbeitskräfte und haben uns geholt – mit dem Hintergedanken, solange wir Arbeit haben, sollen wir hier bleiben. Wenn der Arbeitgeber keine Arbeit mehr hat, was auch später oft in wirtschaftlichen Krisen der Fall war, dann sollen wir wieder zurückgehen. So haben die gedacht. Das ist traurig.
taz: Was hat dieses „Gastarbeiter“-Sein für Sie bedeutet?
Vavitsa:Wir haben ein provisorisches Leben gehabt. Wir waren nicht richtig hier. Und wir waren nicht richtig in unseren Heimatländern. Es gab Wohnungsnot. Es war schwierig, eine private Wohnung zu finden. Wir haben in Barackenwohnheimen gewohnt, in denen zur NS-Zeit auch Zwangsarbeiter bei Hella gewohnt haben. Die Politik hat nie darüber nachgedacht, dass wir junge Leute sind und wir auch Kinder kriegen werden. Deswegen gab es auch keine Kinderbetreuung. Wir haben unsere Kinder „Kofferkinder“ genannt.
taz: Was meinen Sie mit „Kofferkinder“?
Vavitsa: Zwei Monate nach der Geburt musste ich wieder arbeiten. Mein Kind ist nach Griechenland zu seinen Großeltern. Meine Mutter konnte mit den Kindern für vier oder fünf Wochen nach Deutschland kommen, dann musste sie wieder weg. Sie durfte nicht lang hierbleiben, denn sie war als Touristin hier. Irgendwann hat mein Mann in der Nachtschicht gearbeitet, damit wir uns um unsere Kinder kümmern konnten, weil die eine zur Schule musste und die anderen zwei waren noch klein. Von drei Kindern haben wir nur für eins einen Kindergartenplatz gekriegt. Später durfte meine Mutter hierherziehen und uns helfen. Dieses Trauma, das unsere Kinder erlebt haben, das kann man nie wiedergutmachen. Vieles war schlimm und traurig. Aber Kinder von Eltern zu trennen, es gibt nichts Schlimmeres. Das war die schlimmste Zeit für mich, von meinen Kindern getrennt zu sein.
taz: Für westdeutsche Verhältnisse war es ja auch eher ungewöhnlich, dass eine Frau Kinder hat und berufstätig ist.
Vavitsa: Viele konnten das nicht akzeptieren, dass eine verheiratete Frau mit drei Kindern noch arbeitet und politisch aktiv ist. Für mich war es wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen, zu arbeiten und unabhängig von einem Mann zu sein. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Ich wollte unabhängig sein, weil ich ganz genau weiß, was Frauen alles durchmachen müssen aus wirtschaftlichen Gründen. Als ich damals in der griechischen Gemeinde für den Vorstand kandidiert habe, haben die gefragt, ob ich zu Hause nichts zu tun hätte. Die Meinung war, ich wäre entweder zu jung für die Politik oder ich müsste als Frau anderes zu tun haben.
taz: Wieso hatten Sie und Ihr Mann da so andere Vorstellungen?
Vavitsa: Ich habe einen Mann, der politisch so wie ich eingestellt war. Der ist auch in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Und er hat viel Respekt gehabt für Frauen. Also für uns war selbstverständlich, dass die Frau die gleichen Rechte wie der Mann hat.
taz: War er auch politisch aktiv?
Vavitsa: Mein Mann war auch IG Metaller. Sein ganzes Leben. Wir mussten damals entscheiden, wer aktiver ist. Er war mein bester Berater, mein Kumpel, mein bester Mann. Arbeit, drei Kinder, als normaler Mensch schaffst du es nicht. Er hat die Kinder abgeholt, den Haushalt gemacht. Es meinte mal jemand zu mir: „Dein Mann ist ein seltenes Exemplar.“ Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft.
taz: Welchen Einfluss hatte Ihre Familie auf Ihre Politisierung?
Vavitsa: Meine Eltern waren Widerstandskämpfer und sind als politisch Verfolgte in die Sowjetunion gegangen. Ich bin da geboren, also habe ich damals als Kind, als Jugendliche das sowjetische Regime erlebt. Wir haben ein schönes Leben gehabt in der ehemaligen Sowjetunion. Dann kamen wir 1965 zurück nach Griechenland. Kurz danach kam aber die Militärdiktatur. Meine Eltern waren wieder verfolgt. Wir haben keine Papiere gehabt. Mein Vater war öfter im Gefängnis.
taz: Wieso sind Sie denn zurück nach Griechenland gegangen?
Vavitsa: Meine Eltern durften wieder zurück. Es gab eine Amnestie, aber das war ein Bluff. Die wollten die alten Partisanen wieder zurückholen und bestrafen. Dann haben die uns auch richtig bestraft, ich durfte nicht zur Schule, ich durfte nicht studieren, wir durften überhaupt nichts. Hätte ich jetzt nicht einen Griechen geheiratet, weiß ich auch nicht. Dadurch habe ich die griechische Staatsbürgerschaft bekommen und wir konnten 1971 mit dem Anwerbeabkommen nach Deutschland.
taz: Wie war das, in Deutschland anzukommen?
Vavitsa: Nach Erzählung von unseren Verwandten, die schon vorher hier lebten, war Deutschland ein Paradiesland. Klar. Unser Dorf in Griechenland war fast leer, zerstörte Häuser nach dem Zweiten Weltkrieg. Junge Menschen sind alle ins Ausland gegangen. Die meisten nach Deutschland, einige in andere Länder Europas, nach Kanada oder in die USA. Für die Menschen aus unserem Dorf, aus vielen Dörfern Griechenlands, war das ein besseres Leben hier, weil du in einer Fabrik arbeiten konntest. Du warst nicht draußen im Winter, um auf Vieh aufzupassen. Für meinen Mann und mich war das aber kein Paradiesland.
taz: Wieso war das für Sie anders?
Vavitsa:Wir wussten schon, was es bedeutet, wenn eine Fabrik verstaatlicht ist oder dem Unternehmer gehört. In der Sowjetunion war Arbeitslosigkeit ein unbekanntes Wort. Alle Menschen waren krankenversichert. Keiner war obdachlos. Es war jetzt auch kein Luxusleben dort, aber Bus und Bahn waren ziemlich günstig. Das war schon anders. Also wir kannten den Unterschied zwischen zwei Systemen. Zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Und wir waren froh, hier zu sein. Aber wir waren auch so ein bisschen enttäuscht.
taz: Sie waren sehr politisiert. Wie war das bei den anderen im Betrieb, wie haben sie sich zusammengeschlossen?
Vavitsa: Viele Menschen waren unpolitisch. Das Klassenbewusstsein von zwei Klassen, den Arbeitgebern und Arbeitern, war nicht da. Der Dolmetscher im Betrieb sagte zu uns: „Du kriegst weniger, aber sei froh, dass du hier arbeiten darfst.“ Und ich habe immer wieder zu meinen Kollegen gesagt: „Ich kann ohne Arbeitgeber. Der Arbeitgeber kann nicht ohne uns.“ Viele Kollegen haben es nicht verstanden. Aber wenn du jahrelang zusammen am gleichen Band arbeitest, die gleiche Arbeit und die gleichen Stunden machst und wir dann aber unterschiedliche Löhne kriegen … Am Ende konnten wir uns von unserem Geld nicht mal einen Kassettenrekorder leisten. Es wurde Miete abgezogen. Dann hattest du noch Familie in deinem Heimatland, die du noch unterstützt, und viele hatten zwei, drei Kinder. Diese Ungerechtigkeit hatten wir satt. Wir wollten schon ein besseres Leben, aber nicht als Sklaven. Es gab zwar eine Sprachbarriere, aber wir wussten schon, was Sklave bedeutet. Das war die gemeinsame Sprache. Also das Wort „Sklave“ war jeden Tag auf der Tagesordnung.
Der Mensch
Irina Vavitsa, 76, in der Sowjetunion als Kind griechischer Eltern geboren und aufgewachsen, kam als Jugendliche nach Griechenland. Mit dem Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Griechenland ist sie im Alter von 21 Jahren mit ihrem Mann nach Lippstadt in Nordrhein-Westfalen gezogen, um dort beim Autozulieferer Hella zu arbeiten. Bis heute lebt sie in Lippstadt und ist ehrenamtlich bei der IG Metall aktiv.
Die Gewerkschaft
Die IG Metall ist mit knapp über 2 Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft der Welt. Rund 500.000 Mitglieder davon sind Senioren. Das Büro in Lippstadt gehört zur Geschäftsstelle Hamm-Lippstadt, die sich um 13.000 Mitglieder kümmert.
taz: Wie haben Sie damals den Rassismus im Betrieb erlebt?
Vavitsa: Da war ein älterer Kollege im Betrieb. Er hat über eine junge griechische Kollegin von mir geschimpft und als ich ihn darauf angesprochen habe, ich konnte ein wenig Schuldeutsch, da hat er gesagt: „Ich hasse alle Kretaner.“ Dann habe ich ihn gefragt, warum er mit mir schimpfe. Er sagte, dass er Russen noch mehr hasse. Wir haben keine sozialen Räume gehabt. In der Pause haben wir alle, also Spanier, Italiener, alle Kollegen, uns neben das Fließband auf Pappe gesetzt und gegessen. Der ältere Kollege kam immer vorbei, hat geguckt, was wir gegessen haben und direkt vor unsere Nase gespuckt. An einem Tag hatte ich Oliven dabei und dann fragte er: „Irene, darf ich probieren, was ist denn das?“ Ich habe ihm eine Olive gegeben. Er hat sich die in den Mund gesteckt, gespuckt und gesagt: „Wie kann man solche Scheiße essen?“ Meine spanischen Kollegen haben immer gesagt, dass die Deutschen keine Kultur haben. Dann habe ich denen gesagt: „Doch, die Deutschen haben Kultur“ und Brecht, Bach und Beethoven erwähnt. Den Rassismus damals haben viele ganz anders wahrgenommen.
taz: Und heute?
Vavitsa: Also strukturelle Diskriminierung gibt es immer noch im Betrieb. Zuerst werden Deutsche eingestellt und dann ausländische Kollegen, auch wenn beide die gleiche Qualifikation haben. Ein deutscher Kollege wird höher entlohnt. Über die gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb können wir da was machen. Aber der Arbeitgeber findet immer wieder was. Oder der Betriebsrat hat zum Beispiel ein Mitbestimmungsrecht, und bei einer Anstellung von ausländischen Kollegen, obwohl er Deutsch spricht und hochqualifiziert ist, gibt es Enthaltungen oder Stimmen dagegen. Also die sind immer noch der Meinung, Arbeitsplätze erst mal den Deutschen. Es braucht einen starken Betriebsrat mit politischem Bewusstsein. Ein Mensch wird bestraft, weil er nicht Schmidt oder Meier heißt, weil er dunkle Hautfarbe hat, weil er eine andere Sprache spricht. Das ist ungerecht.
taz: Fühlen Sie sich mittlerweile hier angekommen?
Vavitsa:Viele glauben das vielleicht nicht, aber für mich ist Lippstadt meine neue Heimat geworden. Ich habe zwar ein Haus in Griechenland und Verwandte dort. Aber meine Freunde sind in Lippstadt. Die Jahre in Griechenland, das war die schlimmere Zeit. Ich habe keine schöne Erinnerung an Griechenland. Ich habe die Militärdiktatur erlebt, dann habe ich meine Kinder dort gelassen. Wenn ich an Griechenland denke, tut das immer so in der Seele weh. Es ist ein schönes Land, um Urlaub zu machen. Aber es tut mir weh, was dort politisch passiert.
taz: Was bedeutet die Gewerkschaft heute für Sie?
Vavitsa: Die IG Metall für mich ist alles. Die IG Metall war da, als ich sie brauchte. Nicht ganz am Anfang, aber danach. Als Gewerkschaften klar geworden ist, dass sie uns nicht ausschließen dürfen.
taz: Wie sieht die Gewerkschaftsarbeit für Sie aus?
Vavitsa: Wir machen die Vorschläge ganz unten an der Basis. Die Vorschläge gehen nach oben und von oben kommen wieder die Entscheidungen runter. Wir diskutieren. Wir als ältere Kollegen unterstützen auch die Jüngeren bei Streiks, beim Flugblätter verteilen. Bei Demos gegen Rechtspopulismus sind wir auch dabei.
taz: Haben Sie sich jemals allein gefühlt?
Vavitsa: Allein war ich nie. Mein Mann war immer da. Und jetzt, wo mein Mann nicht mehr da ist, sind meine Kinder da und meine Freunde sind da. Also in diesen schwierigen Zeiten, als mein Mann gestorben ist, waren zwar meine Kinder da, aber die hatten die gleichen Schmerzen wie ich. Da konnten mich die Kollegen von der IG Metall besser trösten. Und dann war ich unterwegs mit der IG Metall und das konnte mich ablenken. Ich war nicht ständig in dieser Trauer. Wenn ich zu Hause sitze und weine, bringt das meinen Mann nicht wieder zurück. Aber wenn ich was Gutes tue, das hilft auch vielen anderen Menschen.
taz: Sie sind jetzt 76, wieso genießen Sie nicht Ihre Rente?
Vavitsa: Wenn es Frieden auf der Erde gäbe, wenn alle Menschen gleichgestellt wären und jeder Mensch eine Chance kriegen könnte, das zu werden, was er sich wünscht, dann würde ich sagen: ich genieße es jetzt. Ich setze mich in den Garten in die schöne Sonne. Aber so ist es nicht. Wir haben überall Krieg. Warum wird so viel Geld ausgegeben für die Kriege? Weil die einen daran verdienen, aber nicht wir. Es gibt noch viel Ungerechtigkeit. Die AfD mit ihrer „Remigration“, das macht mir schon große Angst. In Hanau wurden junge Menschen mit Migrationshintergrund umgebracht. Also willst du jetzt noch zu Hause bleiben und deine Rente genießen? Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.
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