Videosprechstunde wegen Corona: „Wollen wir nicht telefonieren?“

Das Geheimnis der Videosprechstunde: Sie funktioniert nicht. Und wenn doch, dann auf sehr unerwartete Weise.

Eine junge Frau im weißen kittel der Ärztin spricht in ihr iPad

So cool läuft die Videosprechstunde nur bei Susanne Dörr, Ärztliche Direktorin am Helios Klinikum Foto: picture alliance/Thomas Oberländer/Helios Kliniken/dpa

Wir machen jetzt Videosprechstunde!“, verkündet der Oberarzt stolz. Ich blicke mich um. Mit Mundschutz ist es deutlich schwerer, an der Mimik der Kollegen deren Meinung abzulesen, aber Augenrollen funktioniert eindrucksvoll, und so ist schnell klar, dass ich nicht die einzige bin, die den technischen Overkill schon programmiert sieht. „Wir machen das trotzdem“, sagt der Oberarzt.

Eine Woche später geht es los. Der erste Patient lässt auf sich warten. Nach zwanzig Minuten rufe ich ihn an. „Guten Tag, wir sind heute zur Videosprechstunde verabredet.“ – „Gut, dass sie anrufen! Wohin haben Sie denn den Link geschickt?“ Ich nenne ihm seine Mailadresse.

„Ach, das tut mir leid, das ist die Adresse meiner Frau.“ – „Kennen Sie ihr Passwort?“ – „Wo denken Sie hin?“ Der Mann ist empört. „Das Geheimnis einer Ehe liegt in der Privatsphäre – ich stöbere doch nicht in den Mails meiner Frau!“ – „Verstehe“, sage ich, „das Geheimnis einer Videosprechstunde liegt jedoch in der Mailadresse.“ – „Wollen wir nicht einfach telefonieren?“ fragt der Patient.

Kein Einblick in die Wohnung

Die nächsten Termine verlaufen ähnlich. Erstaunlich viele benutzen die Mailadresse ihres leider immer abwesenden Partners, die andere Hälfte findet ihren Spamordner nicht, und jeder dritte möchte mir seine Wohnung nicht zeigen. „Aber ich verspreche, ich sehe nur Sie an!“, versichere ich zunehmend verzweifelt. Das könne ja jeder versprechen, telefonieren gerne, aber Video erst nächste Woche, wenn geputzt sei.

Seufzend lege ich auf. Der nächste Patient hat auf seinem Smartphone die falsche Kamera aktiviert. „Ich kann Sie sehen!“, ruft er begeistert. „Ich sehe nur Ihre Krankenkassenkarte auf dem Tisch.“ „So besser?“ Er dreht das Handy. „Ja, aber jetzt höre ich Sie nicht mehr.“ – „Ich höre Sie ausgezeichnet!“ – „Ich glaube, Sie haben Ihren Finger am Mikrofon.“ – „Wollen wir nicht einfach telefonieren?“

Ja, tatsächlich, warum nicht Telefon und Videoanruf gleichzeitig? Ich klicke auf den Link und wähle parallel die Nummer des nächsten Patienten. Herr S. besitzt ein Festnetztelefon aus den 50er Jahren mit Wählscheibe und verhedderter Schnur. Die Tonqualität jedoch ist ausgezeichnet, und ab und an winkt er mir zu.

Kein Wasser in den Beinen

Danach telefoniere ich mit den überraschend schön geformten Beinen einer 70-jährigen, die aus unerfindlichen Gründen ihre Webkamera unter dem Tisch installiert hat. „Festgedübelt“, erklärt sie mir fröhlich, „soll ich unter den Tisch kommen?“ – „Schon gut“, sage ich, „immerhin kann ich Sie ausgezeichnet hören, und Wasser in den Beinen haben Sie schon mal nicht.“ Sie lacht geschmeichelt.

Um halb sechs schließlich der letzte Patient in der Liste. „Hallo, hallo“, tönt es aus dem Computer, und eine große Nase schiebt sich ins Bild. „Hallo!“, ich kann es kaum glauben – ich habe einen echten Patienten in der Videosprechstunde! Doch die Freude ist kurz, Sekunden später bricht die Verbindung ab. Nach dem vierten Versuch, mich erneut zu verbinden, gebe ich auf und rufe ihn an. „Frau Doktor“, sagt er entschuldigend, „mir wurde gerade das Internet abgeschaltet!“

Eine Kreissäge dröhnt durchs Telefon. „Alles in Ordnung?“ – „Alles in Ordnung“, brüllt er, „wir ziehen um! Wie dumm, dass Sie gerade jetzt anrufen! Können wir wann anders sprechen?“ – „Wann denn? Nach dem Umzug?“ – „Lieber gleich nach Corona“, schlägt er vor. „Gerne“, sage ich, „melden Sie sich doch einfach in ein paar Jahren nochmal.“

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