Menschen stehen auf der Strasse in einer Schlange, eine Arzthelferin notiert am Fenster

Anmeldung zum Corona Test beim Hausarzt auf der Strasse in Berlin-Neukölln Foto: Anja Weber

Ärzte und Pflegende in der Corona-Krise:Wie schlimm wird es noch?

Sie kämpfen jeden Tag gegen das Virus. Wie erleben sie diesen neuen Alltag? Durch die Woche mit einer OP-Schwester, einem Pfleger und einem Hausarzt.

4.4.2020, 17:54  Uhr

Die Zahl der Coronainfizierten steigt und damit auch die Zahl der Schwerkranken. ÄrztInnen und Pflegende kämpfen jeden Tag gegen das Virus. Wie erleben sie diesen neuen Alltag? Wir haben eine OP-Schwester aus München, einen Intensivpfleger aus dem Rhein-Main-Gebiet und einen Hausarzt aus Berlin gebeten, uns einen Einblick in ihre Woche zu geben.

Die OP-Schwester: Sie ist 60 Jahre alt und arbeitet seit 30 Jahren als OP-Schwester, derzeit in einem Münchner Klinikum. Damit sie freier sprechen kann, möchte sie anonym bleiben.

Der Intensivpfleger: Er ist 58 Jahre alt und arbeitet seit 35 Jahren als Intensivpfleger, zurzeit auf einer Intensivstation eines Universitätsklinikums im Rhein-Main-Gebiet. Damit er freier sprechen kann, möchte er anonym bleiben.

Der Hausarzt: Stefan Karakaya, 45, ist Hausarzt in Berlin-Neukölln. Vor seiner Praxis im Erdgeschoss hat er einen alten Wohnwagen geparkt, als neue Außenstelle. Karakaya nimmt darin Abstriche für Corona-Tests.

Die OP-Schwester hat ihre Einträge per WhatsApp geschickt, die anderen Texte wurden aus Telefonaten verschriftlicht.

Sonntag, 29. 3. 2020

Bestätigte Corona-Fälle laut Robert-Koch-Institut deutschlandweit: 52.547

Verstorbene: 389

Die OP-Schwester: Heute war ein normaler Wochenend-Arbeitstag von 11 Stunden. Der Vormittag war ruhig, um 11.30 Uhr ein Kaiserschnitt; Mutter und Kind wohlauf. Viele Gespräche mit Kollegen, wie die nächsten Wochen wohl werden. Dann plötzlich eine Anmeldung: alte Frau mit Darmverschluss und Covid-19-Verdacht. Vor meinem inneren Auge spult sich der Ablauf mit allen Sicherheitsmaßnahmen ab. Dabei merke ich trotz der Vorbereitung eine gewisse Nervosität.

Leider dauert es ewig, bis es losgeht, da einige Beteiligte nicht genau wissen, wie sie sich verhalten müssen. Ich hatte angenommen, dass die Abläufe in allen Abteilungen kommuniziert worden sind. Wohl doch nicht, oder es fehlt die Routine. Die Patientin ist schwer krank. Nach einer Stunde kommt während der OP der Anruf mit dem Testergebnis: negativ, Isolierung aufheben, Erleichterung! Die Patientin wird erfolgreich operiert. Dann noch ein Kind mit Blinddarmentzündung. Auch dieser Patient verlässt sicher den OP. Alles in allem ein guter Tag. Trotzdem schwebt die Angst über allem: Wie schlimm wird es noch? Wird das Material reichen? Wie geht es weiter, wenn die Intensivstationen volllaufen?

Montag, 30. 3. 2020

Bestätigte Fälle deutschlandweit: 57.298

Verstorbene: 455

Der Hausarzt: Ab 7 Uhr war ich in meiner Praxis in Berlin-Neukölln. Ich habe Laborergebnisse angeschaut, Papierkram gemacht. Ab 8 Uhr kommen die normalen Patienten in die Praxis.

Um 10 Uhr bin ich raus in den Wohnwagen. Ich habe zuerst den Heizlüfter angeschmissen. Ich ziehe meine Schutzkleidung an, den Plastik-Overall, Maske und Brille. Alle, die einen Infekt haben oder Fieber unklarer Ursache, untersuche ich dort.

Die Patienten verteilen sich auf dem Gehsteig, stehen in großem Abstand zueinander, das sieht schon komisch aus. Ich rufe sie in den Wagen, sie nehmen in der Sitzecke Platz. Wir reden, dann entscheide ich, ob ich untersuche oder nur einen Abstrich mache. Ich kann die Lunge abhören, Fieber messen, den Sauerstoffgehalt im Blut, eine komplette Untersuchung, nur Hinlegen geht nicht, dafür ist es zu eng.

Heute waren 24 Leute da. Einer hatte eine Mandelentzündung. Bei einem anderen war gar nichts – außer Sorge. Insgesamt habe ich 20 Abstriche gemacht und ins Labor geschickt. Die Befunde bekomme ich immer am nächsten Tag.

Den Wohnwagen habe ich seit fünf Jahren. Er ist original 60er Jahre, auch innen. Wir sind mit der Familie damit bis in die Bretagne gefahren, auf einen Campingplatz am Atlantik. In einem der Urlaube bin ich an einem Stein hängen geblieben, dabei ist die Rückwand aufgegangen. Deshalb steht der Wagen seit einer Weile nur rum. Ich hatte ihn schon fast vergessen. Jetzt hat er eine neue Funktion.

Mann im Arztkittel vor einerm Wohnwagen

Der Internist Stefan Karakaya testet Patienten in einem Wohnwagen vor seiner Hausarztpraxis Foto: Anja Weber

Angst vor Corona habe ich nicht. Ich gehe davon aus, dass uns das früher oder später alle mal erwischt und wir dann hoffentlich genug Immunität haben. Dass ich ein potenzielles Risiko für meine Familie bin, ist mir schon klar. Mir macht das aber keine großen Sorgen, meiner Ex-Frau auch nicht. Weil nach allem, was man weiß, Kinder kaum daran erkranken. Man muss unterbinden, dass sie Überträger sind. Deshalb ist es gut, dass sie im Moment zu Hause bleiben.

Der Intensivpfleger: Heute habe ich Nachtschicht. Die letzten zwei Tage hatte ich frei, deshalb weiß ich noch nicht genau, was auf mich zukommt – aber das macht mir auch keine Sorgen. In meinem Beruf muss man überzeugt davon sein, dass man sich mit der richtigen Ausrüstung vor ansteckenden Krankheiten schützen kann. Und Covid-Patienten sind von der Arbeitsweise für uns nicht anders als Influenza-Patienten, die wir jedes Jahr haben.

Vergangene Woche sind bei uns Pfleger und Schwestern der Intermediate-Care-Abteilung mitgelaufen, um zu sehen, wie wir arbeiten. IMC ist ein Zwischending zwischen Intensiv- und normaler Station. Das sind Leute, die bei uns vielleicht aushelfen können, wenn es hart auf hart kommt. Die haben auch schon mal eine Lunge abgesaugt – das kann man nämlich nicht einfach nebenbei lernen. Wenn ich jetzt höre, dass auch Medizinstudenten im fünften Semester bei uns mitarbeiten könnten, muss ich sagen: Das ist weltfremd. Die könnten vielleicht Bettpfannen leeren, aber bei intubierten Patienten gibt es keine Bettpfannen. Im Ernstfall würde so jemand hier nur im Weg rumstehen.

Die OP-Schwester: Heute hatte ich einen Ausgleichstag für gestern. Da konnte ich ausschlafen. Dann Wäsche waschen, bügeln und für morgen vorkochen. Eine Freundin von mir wohnt auch allein. Da haben wir einen Spaziergang mit Abstand gemacht. Das war schön. Manchmal klatschen Menschen jetzt auf ihren Balkonen. Ich finde diese Wertschätzung schön. Ich schaffe es im Alltag ja auch nicht, mit den Stahlarbeitern auf die Straße zu gehen – aber vielleicht sind bei der nächsten Pflegedemo ein paar mehr Menschen dabei, die uns unterstützen. Am Ende werde ich die Politiker daran messen, was sie für uns getan haben, und nicht meine Nachbarn.

Dienstag, 31. 3. 2020

Bestätigte Fälle deutschlandweit: 61.913

Verstorbene: 583

Die OP-Schwester: Nun ist der Mangel an Material auch bei uns angekommen. Wir werden sehr deutlich angehalten, MNS-, FFP2- und FFP3-Masken sehr sparsam anzuwenden. Wir suchen nach Lösungen für einen alternativen Gesichtsschutz und versuchen etwas zu basteln, das auch Mund und Nase schützt. Damit war ich heute zwei Stunden beschäftigt, optimal ist das noch nicht, aber noch haben wir ja Masken – wie lange noch? Wieder eine OP-Anmeldung mit Covid-19-Verdacht, wieder ist sehr viel Kommunikation vonnöten. Wer muss welche Regeln einhalten?

Nach Feierabend war ich noch bei meinem Buchladen, da kann man telefonisch bestellen. Jetzt noch ein paar nette Bücher suchen und dann geht’s los. Dieser Laden soll nicht pleitegehen, ich bin so froh, dass es den um die Ecke gibt.

Der Intensivpfleger

„Medizinstudenten, die aushelfen? Das ist weltfremd. Im Ernstfall würden die nur im Weg stehen“

Der Hausarzt: Ich habe eine E-Mail bekommen, angeblich ist neue Schutzausrüstung bei der Kassenärztlichen Vereinigung angekommen. Ich habe deshalb gleich morgens um 8 Uhr zwei Mitarbeiterinnen hingeschickt. Wir waschen schon den normalen Mund-Nase-Schutz. Auch Plastik-Overalls könnte ich gut gebrauchen. Da habe ich nur noch drei originalverpackt, eigentlich soll man die nur ein Mal benutzen.

Die Mitarbeiterinnen waren leider umsonst bei der KV: Man muss eine schriftliche Benachrichtigung vorweisen. Die haben wir noch nicht, also sind sie ohne Sachen wieder zurück.

Es war ziemlich voll heute bei uns. Ich habe in der Praxis Patienten versorgt, meine Kollegin hat im Wohnwagen die Abstriche genommen, 17 insgesamt.

Was mich heute beschäftigt hat, sind Diskussionen mit den Kollegen. Ich bin in mehreren Chatgruppen, wir schicken uns Fachartikel. Die meisten in dem Verteiler stehen hinter den Maßnahmen der Regierung. Aber es gibt auch einige, die fragen, ob Corona wirklich etwas anderes ist als Grippe. Auch für mich ist es wichtig, mich zu sortieren: Was ist korrekt, was nicht? Die Patienten wollen ja von mir hören, ob das alles so richtig ist, sie haben Ängste.

Ich glaube schon, dass die Maßnahmen richtig sind. Aber man weiß nicht, wie viele Leute wirklich an Covid-19 sterben, dafür gibt es noch nicht genug Zahlen.

Der Intensivpfleger: Mein Dienst heute Nacht war sehr ruhig. Wir hatten zwei Covid-Patienten, fünf von elf Betten der Station sind gerade belegt. Dafür sind wir in der Nachtschicht vier Leute. Was Laien sich nicht so gut vorstellen können: Wenn man einen Patienten auf Intensiv hat, der mehrere Probleme hat, hat man allein mit diesem praktisch die ganze Nacht zu tun. Bei einem Covid-Patienten, der beatmet werden muss, muss man regelmäßig die Lunge absaugen. Dazu haben die meisten eine Kreislaufschwäche, deshalb müssen sie Kreislaufmittel bekommen – das muss ständig überwacht werden. Bei vielen kommt noch ein Nierenversagen dazu, sodass eine Dialyse durchgeführt wird. Da hat man schon zu tun.

Mittwoch, 1. 4. 2020

Bestätigte Fälle deutschlandweit: 67.366

Verstorbene: 732

Der Hausarzt: Von den 20 Abstrichen am Montag waren 5 positiv, von den 17 am Dienstag 4. In der vergangenen Woche gab es oft nur einen positiven Befund, mal 3, wenn die Leute in derselben Kneipe waren.

Die Leute, die kommen, sind etwas kränker als noch vergangene Woche. Was ich auch feststelle: Die, die über Luftnot klagen und über sonst nicht viel, haben oft einen positiven Befund. Anfangs habe ich das als Symptom nicht so ernst genommen, weil man sich Luftnot ja auch einreden kann. Jetzt achte ich mehr darauf.

Mann in rotem Schutzanzug in einem Wohnwagen

Corona-Test in Schutzkleidung: der Hausarzt im Wohnwagen Foto: Anja Weber

Ich war ganz froh heute, dass alle normalen Patienten zu ihren Terminen kamen. Ungefähr die Hälfte blieb zuletzt weg. Das ist für mich ein ökonomisches Problem, mein Umsatz bricht ein. Einerseits muss ich dafür sorgen, dass möglichst wenige kommen wegen der Ansteckung, andererseits brauche ich auch Patienten – und diejenigen mit chronischen Erkrankungen muss man jedes Quartal angucken.

Ich weiß noch nicht, welchen Schaden ich habe, deshalb weiß ich auch nicht, ob ich eine Entschädigung beantragen soll.

Heute habe ich versucht, eine Videosprechstunde zu starten, aber das ist mir technisch noch nicht gelungen. Ich bin am Login gescheitert, meine Daten stimmten nicht, das war frustrierend.

Die OP-Schwester: Jeden Morgen werden die Frühbesprechungen länger, es gibt immer mehr neue Infos zu Abläufen und neue Regeln. Es wurden Freiwillige gesucht, die sich anlernen lassen, um auf der Corona-Intensiv zu arbeiten. Drei haben sich gemeldet, eine erzählt, dass sie nicht ordentlich angelernt wird, weil die Kollegen überfordert sind. Die haben jetzt ja auch mehr Arbeit als sonst, und wir können die Gesamtsituation einfach nicht überblicken.

Das OP-Programm ist heute recht voll und anspruchsvoll. Ich muss zu einer komplizierten Bandscheiben-OP, hatte ich lange nicht mehr. Die besondere Konzentration ist gut, da sie von den anderen Sorgen ablenkt. Nach der Mittagspause soll ein Kaiserschnitt kommen, doch kaum ist alles vorbereitet, Programmumstellung: eine Nachblutung bei einem Patienten mit Gerinnungsstörung! Also Tempo! Auch das geht letztendlich gut. Auf dem Heimweg bin ich geschafft!

Am Abend ein Videotelefonat mit meinem Neffen und seiner kleinen Tochter: ich erfahre, was gerade so vorgelesen wird, sehe einen selbstgebastelten Traumfänger. Das tut gut.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Der Intensivpfleger: Heute Nacht war deutlich mehr los. Wir haben jetzt vier Covid-Patienten, auf der Station sind gerade zehn von elf Betten belegt. Eigentlich gilt bei uns eine 1:2-Betreuung, ein Pfleger kümmert sich um zwei Patienten. Diese Regel wurde von der Klinikleitung aufgehoben, das wird nicht durchhaltbar sein.

Ein Kollege ist mit Covid-Verdacht ausgefallen, wir haben kurzfristig einen Ersatz bekommen – das war Glück. Sonst wären wir heute Nacht nur zu dritt auf Station gewesen.

Auf unserer Station gibt es zwei Zimmer mit einer Schleuse davor, wo man sich die Schutzkleidung anziehen kann – Kittel, Haube, Handschuhe, Schutzbrille, FFP2-Maske. Mit vier Covid-Patienten liegen jetzt schon zwei in Zimmern ohne Schleuse, da muss man sich dann im Zimmer umziehen. Das Anziehen der Schutzkleidung dauert vielleicht drei Minuten. Wenn es ein Notfall ist, geht das aber auch schneller. Dann kann man sich auch nicht 30 Sekunden die Hände desinfizieren, das ist nicht drin.

Für die nächsten Tage erwarte ich, dass es noch stressiger wird. Meist ist es so: Die Arbeitsbelastung nimmt zu, das Personal ab. Manche bleiben zu Hause, weil sie krank sind – manche, weil es ihnen zu stressig wird. 15 bis 20 Prozent solcher Kollegen gibt es immer.

Donnerstag, 2. 4. 2020

Bestätigte Fälle deutschlandweit: 73.522

Verstorbene: 872

Der Intensivpfleger: Die Schicht war anstrengend. Die Zahl der Covid-Patienten ist gleich geblieben, aber wir hatten in der Nacht drei Neuzugänge mit anderen Krankheiten – darunter ein multimorbider Patient. Ich musste Katheter legen und er brauchte eine Blutwäsche, da gehen die Stunden schnell um.

Im gesamten Klinikum gibt es ein Besuchsverbot, aber wenn jemand im Sterben liegt, dann dürfen ein, zwei Angehörige kommen. Ich denke, dass wir das auch bei Covid-Patienten erlauben werden. Wir würden dem Angehörigen genau erklären, wie die Schutzkleidung angezogen wird und was man im Zimmer machen kann, was nicht.

Sterben ist bei uns Teil des Alltags. Wenn jemand 80 Jahre alt ist, und er schafft es nicht, dann hat er ja sein Leben gelebt – so what? Anders ist es bei jungen Müttern oder Vätern, das geht einem nahe, obwohl man das auf der Arbeit lassen sollte.

Die Klinik wird nur bis zum dokumentierten Todeszeitpunkt für einen Patienten bezahlt. Danach bleibt jeder Tote noch zwei Stunden auf Station und wird dann noch mal von einem Arzt begutachtet – um ganz sicher zu sein. Anschließend kommen die Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens und bringen den Toten bei uns in die Pathologie. Am nächsten Tag wird der Leichnam abgeholt.

Die OP-Schwester: Ich bin heute relativ früh aufgewacht, ich bin öfter schlaflos im Moment. Deswegen fühle ich mich übermüdet. Unsere Frühbesprechung ist wie immer eine never ending story, es gibt ständig neue Infos. Wie ist der Stand der Dinge, wie viele Covid-Patienten sind bei uns im Krankenhaus? Viele Kollegen benötigen diesen Termin, um sich dort auszusprechen; das ist wahnsinnig wichtig.

Die OP-Schwester

„Wird das Material reichen? Wie geht es weiter, wenn die Intensivstationen volllaufen?“

Ansonsten ist keine schlechte Stimmung, wir haben genug zu tun. Bei einer Patientin war kurz Stress, aber dann hat alles geklappt. Manchmal merke ich, dass die Konzentration nachlässt – bei mir, aber auch bei Kollegen. Wir reden dann darüber, dass es für alle schwierig ist. Aus manchen sprudelt es richtig heraus, dieser Austausch tut gut.

Mittlerweile ist klar, dass Kollegen für die neue Intensivstation abgestellt werden sollen. Der Aufwachraum ist so vorbereitet, dass er eine komplette Corona-Intensiv mit 8 Betten werden kann – ohne zusätzliches Personal, also werden das Anästhesiepflegekräfte machen und Fachschwestern von der Intensiv, die irgendwie entbehrlich sein könnten. Wir OP-Kräfte werden dann teils die Tätigkeiten der Anästhesiepflege übernehmen.

Mein Gefühl ist, es schreitet voran, da kommt was ins Rollen. Man würde sich natürlich wünschen, dass es schneller geht, damit man mit dem möglichen Ansturm der Schwerstkranken fertig wird. Aber ja, es steigt die Hoffnung, mit der Krise fertig zu werden, und dass es vielleicht nicht wie in Italien der absolute GAU wird.

Der Hausarzt: Ich musste den Jüngsten heute erst einmal in die Schule bringen, in die Notbetreuung. Das ging nicht anders. In der Notbetreuung ist sonst nur ein anderer Junge, seine Eltern sind Polizisten, manchmal kommen noch zwei ältere Mädchen. Zu Hause sagt er immer, dass er nicht hinwill, aber dort gefällt es ihm dann doch.

In der Praxis haben wir 13 Corona-Abstriche gemacht. Es gibt inzwischen eine gewisse Routine. Jedenfalls erscheint es mir nicht mehr so außergewöhnlich, wie die Leute auf dem Bürgersteig vor meinem Wohnwagen stehen. Die Patienten sind wirklich nett. Viele bedanken sich, dass wir die Abstriche nehmen. Das tut schon gut.

Frau mit einem Baby steht an zum Corona Test im Wohnwagen

Anstehen für den Corona-Test Foto: Anja Weber

Die Schutzkleidung haben wir noch nicht bekommen. Aber ein befreundeter Arzt in Charlottenburg hat sie bereits: drei Astronautenanzüge, eine Kiste mit FFP3-Masken, eine Schachtel mit Mund-Nase-Schutz, Handschuhe. Wenn es wirklich nur drei Overalls sind, wäre das echt zu wenig.

Freitag, 3. 4. 2020

Bestätigte Fälle deutschlandweit: 79.696

Verstorbene: 1.017

Der Intensivpfleger: Bei uns sind es sind immer noch vier Covid-Patienten – drei davon intubiert, einer wird bisher nur überwacht. Von dem Beatmungsgerät bekommen die Patienten mit hohem Druck das Drei- bis Vierfache an Sauerstoff im Vergleich zum normalen Sauerstoffgehalt in die Lunge gedrückt. Das ist auch belastend. Da gilt grundsätzlich: Je länger die Beatmung dauert, desto schlechter die Prognose.

Ich war heute Nacht mit Nicht-Covid-Patienten beschäftigt, die intubiert sind. Kreislaufüberwachung, bei einem habe ich eine Blutwäsche gemacht, dazu die Grundpflege – Patienten waschen, Betten beziehen, Infusionsmaterial wechseln.

Zurzeit gibt es ja dieses Phänomen, dass Leute auf ihren Balkon stehen und für das Pflegepersonal klatschen. Ganz ehrlich? Ich finde das lächerlich. Und das geht meinen Kolleginnen und Kollegen auch so. An der Pinnwand hängt bei uns ein Zettel: „Toll geklatscht, da kann ich dann meine nächste Miete von bezahlen.“ Diese Wertschätzung wird nicht anhalten. Wenn Covid vorbei ist, vergisst man das ganz schnell wieder.

Jens Spahn hat gesagt, dass er es nicht ausschließen kann, dass es bei uns in den Krankenhäusern doch auch Zustände geben wird wie in Bergamo oder New York. Das ist schon richtig. Ausschließen kann das keiner. Wir warten jetzt seit 10 Tagen auf die große Welle. Ich hätte eigentlich gedacht, dass sie schneller kommt.

Der Hausarzt: Heute waren weniger Menschen für Abstriche da. Ein Patient, der positiv auf Corona getestet wurde, hat mich angerufen. Er komme nicht mehr hoch, hat er gesagt. Ich habe schon an seiner Atmung am Telefon gehört, dass er Hilfe braucht, und habe den Notarzt gerufen, der ihn ins Krankenhaus fährt. Jetzt mache ich gleich noch einen Hausbesuch.

Ich hatte ja auf neue Schutzkleidung gehofft, aber von der Kassenärztlichen Vereinigung kam auch heute keine Nachricht.

Am letzten Wochenende habe ich mit den Kindern im Garten ein Baumhaus gebaut, zur Abwechslung. Das hat total gutgetan, auch wenn bislang nur zwei Pfosten stehen. Dieses Wochenende wird daraus leider nichts, ich muss in der Praxis die Abrechnung machen.

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